Calendula, besser bekannt als Ringelblume, wird unter anderem als Inhaltsstoff für Cremes verwendet. (Fotos: imago)

Wild ist nicht gleich bio

Darauf kommt's beim Kräutersammeln an

10.08.2016

Immer mehr Menschen melden sich zu Kräuterwanderungen an oder stopfen Brennnessel und Löwenzahn in ihren Smoothie-Mixer. Wildkräuter sind wieder in. Das merken auch Firmen wie Weleda. Die Nachfrage nach Produkten auf Kräuterbasis ist stark gestiegen. Wildkräuter sind allerdings nicht per se bio.

Von Julia Romlewski

"Immer mehr Menschen interessieren sich wieder für die Natur und ihre Vitalstoffe", sagt Kräuterpädagogin Claudia Nafzger aus Baden-Württemberg. Sie merkt das an den Anmeldungen für ihre Kräuterwanderungen.Firmen wie Weleda oder Wala, die Naturkosmetik und pflanzliche Heilmittel verkaufen, merken es am Umsatz.
Wildkräuter -das klingt nach Reinheit und Naturbelassenheit. Schließlich wachsen sie, ohne dass der Mensch eingreift, düngt oder spritzt. Sie kosten nichts, helfen gegen alles Mögliche und schmecken oft auch noch gut. Brennnesselblätter etwa kann man als frischen Heiltee aufbrühen, als Gemüse dünsten, in den Smoothie-Mixer werfen oder als Jauche über von Läusen befallene Pflanzen gießen. Bio sind Wildkräuter allerdings nicht per se. Wer Bio-Wildkräuter verkaufen will, muss nachweisen, dass sie von einer Wiese oder einem Feld stammen, wo mindestens drei Jahre nicht mehr gespritzt wurde. Das schreibt die EU-Ökoverordnung vor. Kontrollen inklusive. Bioland verlangt in seinen Richtlinien darüber hinaus explizit, dass die Sammelstelle nicht direkt Schadstoffen ausgesetzt sein darf. Kräuterpflücken neben der Autobahn geht zum Beispiel nicht. Manche Böden sind auch wegen ihrer natürlichen Belastung nicht so gut geeignet. Schieferböden etwa enthalten oft Schwermetalle.


 

Brennnesselblätter sind vielfältig einsetzbar - zum Beispiel für Tee, als gedünstetes Gemüse oder zur Schädlingsbekämpfung.

 

Wer gewerblich Wildkräuter sammeln will, braucht eine Genehmigung von der Naturschutzbehörde und vom Eigentümer der Flächen. "Es kann auch ein Vogelgutachten nötig sein, um sicher zu gehen, dass das Sammeln keine Bodenbrüter stört", erklärt Michael Straub, Leiter des Weleda-Heilpflanzengartens. Bei Weleda wird jede Wildkräutercharge auf Pestizide und Schwermetalle untersucht. "Der zunehmende Pestizideinsatz in der Landwirtschaft ist ein Problem beim Wildsammeln", so Straub. Denn der Wind weht die Gifte zum Teil auch dahin, wo sie nicht hin sollen. Manchmal müsse man ganze Chargen wegwerfen, so Straub.


Sondergenehmigung für Arnika

Vieles baut das Unternehmen daher selbst an. Rund 160 verschiedene Arten wachsen auf 20 Hektar. Malve und Calendula etwa. Calendula, auch unter dem Namen Ringelblume bekannt, gibt es bei Weleda als Babycreme, Cremebad oder Gesichtscreme. Schachtelhalm und Herbstzeitlose sammeln Weleda-Mitarbeiter wild. Ein wichtiger Rohstoff für Weleda ist Arnika, er hilft bei Prellungen und Verstauchungen und steckt in vielen medizinischen Salben. "Bei uns ist Arnika aber streng geschützt", erklärt Straub. Daher lässt Weleda Arnikablüten in den rumänischen Bergen sammeln. Allerdings braucht das Unternehmen jedes Jahr einige Tonnen Arnika. Die Ökoverordnung schreibt jedoch nachhaltiges Sammeln vor. Daher fährt Weleda zweigleisig und kauft auch bei einem Anbauer in der Nähe von Gießen ein. "Das entlastet die wilden Vorkommen", erklärt Straub. "Das Sammeln wertet eine Region aber auch auf." In den abgelegenen Karpaten ist das Blütenpflücken für einige Bergbauern ein wichtiger Nebenverdienst geworden.


Sonderfall Enzianschnaps

Blau blüht der Enzian - oder aber auch gelb.


Auch Enzian ist eine Wildblume, die in Deutschland unter Naturschutz steht, egal ob sie blau oder gelb blüht. Dennoch kann man -ganz legal -Enzianschnaps aus Bayern kaufen. Für den Schnaps werden sogar die Wurzeln des Gelben Enzians ausgegraben. Wie kann das sein? Nun, die alteingesessene Brennerei Grassl hat eine historisch bedingte Sondergenehmigung, wie das Bundesamt für Naturschutz erklärt: "Das Graben der Wurzeln ist nur noch im Berchtesgadener Raum aufgrund eines alten Rechtes der Enzianbrennerei Grassl möglich. Das Graben der Wurzeln im Berchtesgadener Land durch die Familie Grassl wurde dreieinhalb Jahrhunderte lang immer in der sinnvollen Balance zum Schutz der Nachzucht in einem bestimmten Wachstumsrythmus durchgeführt."


Der Naturkosmetik-und Heilmittelhersteller Wala, bekannt für die Biomarke Dr. Hauschka, darf wilde Arnika auch in Deutschland pflücken. Wala hat eine Sondergenehmigung für eine Fläche im Schwarzwald. Für Arzneien braucht Wala ohnehin nur Kleinstmengen. "Ein paar Kilogramm hier und dort. Wir stellen ja homöopathische, also hochverdünnte Mittel her", erklärt Ralf Kunert von derWala-Tochter Naturamus. "Wir kommen nicht mit dem Vollernter." 70 verschiedene heimische Arten verarbeitet der Hersteller zu Arzneien und Körperpflegeprodukten und beschäftigt seit 30 Jahren denselben Sammler. Manches wächst auch im Wala-Heilpflanzengarten.
Bislang lässt sich jedoch nicht alles kultivieren. Forscher wollen das in Zusammenarbeit mit Firmen wie Weleda und Wala ändern. "Dabei geht es auch um die Qualitätsfrage", erklärt Agrarwissenschaftlerin Sabine Zikeli von der Universität Hohenheim. Dennvieles muss importiert werden, weil es nicht bei uns wächst oder hierzulande unter Naturschutz steht wie die Arnika. Besonders für Arzneipflanzen gelten jedoch enorm hohe Standards. Ein Problem, wenn Pestizidrückstände gefunden oder die Pflanzen im Herkunftsland falsch getrocknet werden.


 

Die Gebirgspflanze Meisterwurz

 

Manche Wildpflanzen haben aber sehr spezielle Bedürfnisse an den Boden oder die Nachbar-Pflanzen. "Die sind schwer auf einen Acker zu stellen", so Zikeli. Außerdem fange man oft bei Null an, denn die Firmen würden ihr eigenes Wissen ungern weitergeben. "Da geht es oft um Herrschaftswissen." Weleda etwa ist es vor einigen Jahren erstmals gelungen, Meisterwurz, eine Hochgebirgspflanze, bekannt als Schnaps und Verdauungstropfen, im Tiefland anzubauen. Die Einzelheiten? Natürlich geheim.


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