Im grünen Paradies: Gregor Keller baut in Datteln Hunderte Kräutersorten an (Fotos: Marta Fröhlich)

Im Kreislauf des Lebens

Zu Besuch bei einem, für den Kräuter mehr sind als ein Lebensmittel

22.06.2020

Kräuter sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Sie geben die richtige Würze, heilen Wunden oder halten Schädlinge im Garten fern. Ihr Anbau ist jedoch eine besondere Kunst. Wir haben Bioland-Kräutergärtner Gregor Keller über die Schulter geschaut und eine unglaubliche Vielfalt entdeckt.

Von Marta Fröhlich

Mitten im Kohlepott, zwischen rußbedeckten Häusern und Zechentürmen,  lernt Gregor, wie man gärtnert. In einem Bottroper Schrebergarten schaut er seinem Vater über die Schulter, wie dieser sät, pflegt, gießt und jätet, knackig frisches Obst und Gemüse anbaut - alles ohne Chemie, alles biologisch.

Heute, ein paar Kilometer weiter, im nordrhein-westfälischen Datteln, wo jetzt Mais und Weizen in den Himmel wachsen, erinnert sich Gregor Keller an seine Kindheit und wie er beschloss, Gärtner zu werden: "Mein Vater war Biogärtner, ohne es so zu nennen. Ich habe diese Art des Wirtschaftens von Anfang an erlebt, wie die Natur vieles regelt, das hat mich nicht mehr losgelassen", erzählt er und führt gern durch seine eigene Gärtnerei "Kräutermagie Keller", die er bereits 2005 nach Bioland-Richtlinien umgestellt hat.


 

In Datteln im Ruhrgebiet betreibt Gregor Keller seine Gärtnerei "Kräutermagie"

 

 

Er sät, zieht und verkauft vor allem Kräuter und Nutzpflanzen wie Tomaten

 

 

In der "Kinderstube" wachsen aus Keimlingen kleine Jungpflanzen wie diese Tagetes heran

 

 

Wenn sie groß und kräftig sind, dürfen die Jungpflanzen in den offenen Tunnel umziehen

 

 

Die Besucher erwartet eine unglaubliche Vielfalt: Allein 38 Minzsorten warten auf Käufer

 

 

Neben dem eigenen Hofladen verkauft Gregor Keller seine Kräuter auf Frühlingsmärkten und über seinen Onlineshop

 

 

Ob Küchen-, Heil- oder Kräuterexoten - in der "Kräutermagie Keller" findet jeder sein Kraut

 

Besuch bekommt ein herzliches Lächeln und natürlich den selbst gemischten "Alles wird gut"-Tee, denn Gregors Spezialität sind seine Kräuter. Und davon hat der Gartenlandschaftsbaumeister eine ganze Menge. Rund um das alte verwinkelte Bauernhaus bergen Gewächshäuser und Pflanztische Schätze, die das Gärtnerherz höherschlagen lassen. 600 Sorten Kräuter reihen sich Topf an Topf, allein 38 Sorten Minze duften um die Gunst der Kunden. Klassische Küchenkräuter, Heilkräuter nach Hildegard von Bingen, Exoten aus allen Ecken der Welt, aber auch Giftpflanzen, die gegen Schädlinge in den Garten gesetzt werden - Gregor Keller kennt sie alle, weiß, wie sie schmecken, riechen und was sie brauchen und taugen.


"Ich hab nicht die Kräuter gefunden, sie haben mich gefunden"

Wie er zu unglaublichen 600 Sorten kam? Das weiß der 56-Jährige selbst nicht so genau, sagt er lachend. "Ich hab nicht die Kräuter gefunden, sie haben mich gefunden." Denn begonnen habe er eigentlich mit Landschaftsbau und nur einer Handvoll Küchenkräutern, die er direkt ab Hof verkaufte. Aber dann hat ein befreundeter Demeter-Bauer seine Gärtnerei aufgelöst, "und ich brachte es nicht übers Herz, dass er seine 200 verschiedenen Kräuter vernichtet." Herzensentscheidungen wie diese lenkten ihn und seinen Betrieb immer weiter zum Kräuteranbau, welcher heute den Hauptteil der Arbeit auf dem Keller'schen Betrieb einnimmt.


In der geschützten Kinderstube keimen die Aussaten zu kleinen Jungpflanzen heran

 

Schon im Februar wollen die ersten Pflanzen gesät sein, die Gewächshäuser auf Temperatur gebracht werden. Das ist auch für Keller immer wieder eine besondere Zeit im Jahr. "Ich liebe diesen Moment, wenn in der Natur das Kribbeln anfängt, alles will lossprießen, aufwachen, wachsen", sagt er. Dann werden die ersten Samen von Schnittlauch, Basilikum, Tagetes in der sogenannten Kinderstube - einem kuscheligen Gewächshaus - in die Erde gebracht. Unter Folie entsteht in schonendem Substrat neues Leben.
In Tausenden Anzuchttöpfen strecken die ersten Pflänzchen zartes Grün dem Licht entgegen und sind nur wenige Tage nach der Keimung bereit für ihren ersten Umzug. "Wenn sie gut durchwurzelt sind, topfen wir sie um und stellen sie rüber in das offene Gewächshaus", erklärt Keller, "dort sind sie schon dem ersten Wind und Temperaturunterschieden ausgesetzt."

 

Ohne zusätzliche Dünger strecken sich die Wurzeln nach Wasser, die Jungpflanzen sollen sich anstrengen, um kräftig und stark zu werden. Starke Pflanzen, die mit ihrer Umwelt gut umgehen können, machen auch den Menschen, der sie isst, stark, ist Keller überzeugt. Und meistern auch die ein oder andere Krankheit, wenn man sie nur lässt. Erst kürzlich hat er zwei Dutzend Basilikum-Pflanzen aus dem Gewächshaus separiert. In Quarantäne, wie er sagt. Mehltau hatte die Pflanzen befallen. Mit viel Abstand zu anderen Pflanzen unter freiem Himmel, etwas Pflege und Ruhe sehen die Pflanzen nun schon viel besser aus, ganz ohne Pestizide. Ob sie noch in den Verkauf gehen, müsse man abwarten. Ihre gesunden Geschwister bekommen schon mal einen größeren Topf, etwas Dünger und können ein neues Zuhause finden.


Nachwuchs auch für Rosmarin, Thymian und Co.

Jenen Pflanzen, die nicht aus Samen gezogen werden, rückt Keller mit der Gartenschere zu Leibe. Kräftige frische Triebe zum Beispiel von Rosmarin und Thymian werden von den sogenannten Mutterpflanzen abgeschnitten und als Stecklinge in die Erde gesetzt. "So können sie neue Wurzeln schlagen," erklärt er, während er einzelne Töpfchen raushebt, prüfend drunterschaut, hier und da etwas Unkraut rauszupft.


Aus einem Urlaubsmitbringsel zog Kellers Vater den stattlichen Feigenbaum

 

Pflanzenvermehrung ist eine besondere Kunst. Wann und wo wird ein Steckling am besten abgeschnitten? Wie und in welche Erde wird er gesetzt? Welche Temperaturen bringen ihn zum Wurzeln? Für Profi Keller eine Leidenschaft, die er zum Beruf gemacht hat, denn er vermehrt alle seine Pflanzen selbst, und sein Sortiment wächst stetig. Manchmal bringt er Raritäten von Tauschbörsen und Gartenmärkten mit, nur zwei drei Exemplare, die schon auf der Roten Liste stehen und dann sorgsam gehegt und wieder vermehrt werden.

Manches ist auch ein Urlaubsmitbringsel, so wie es bereits sein Vater gern gemacht hat. Diesem hat er ein besonderes Schmuckstück in seiner Gärtnerei zu verdanken - mehr aus Zufall denn Absicht. "Es muss in den 60ern gewesen sein, da hat mein Vater nackte Stöcke von einem Feigenbaum aus unserem Familienurlaub mitgebracht, er wollte eigentlich damit seine Gemüsesorten im Garten markieren und beschriften. Doch zu unserer Überraschung trieb ein Stock aus", erinnert sich Keller.

 

Der Vater pflegte die Pflanze zu einem stattlichen Baum, der mitten im Pott den tiefsten Winter bei minus 20 Grad überstand, im Frühjahr wieder austrieb und im Sommer saftige Früchte ansetzte. Als sein Vater starb, nahm Gregor die Feige mit, die heute fünf Meter hoch für Staunen bei den Besuchern sorgt und als Mutterpflanze jedes Jahr Dutzende Ableger produziert, "hundertprozentig frostfest, selbst getestet", versichert Keller verschmitzt lächelnd.


Jedem sein Kraut

Ob Verbene, Minze oder Salbei: "Menschen haben eine besondere Verbindung zu Kräutern", ist Gregor Keller überzeugt. Fühlen, riechen, schmecken - Kräuter kann man wie kaum ein anderes Lebensmittel mit allen Sinnen erleben und findet so das für einen selbst passende Kraut. Kräuter spielen in allen Kulturen eine besondere Rolle, was sich in Hunderten Bräuchen und Traditionen zeigt. Um sie ranken sich unzählige Mythen und Legenden ihre Heilkraft begründete  einst die Grundlage der modernen Medizin.


Diese Freude und Faszination für Pflanzen treibt Gregor Keller das ganze Jahr über an: säen, topfen, krauten, von März bis Juli haben er und seine vier Mitarbeiter plus Saisonhelfer auf dem Betrieb alle Hände voll zu tun, um ihre Kunden am Hof oder auf den Gartenmärkten der Region zu versorgen. Hinzu kommt der Onlineversand. Am beliebtesten seien Küchenklassiker wie Dill, Petersilie, Basilikum, dicht gefolgt von Duftblumen und Nutzpflanzen wie Kürbis oder Tomaten. Sicher verpackt, machen sie sich auf ihre Reise in die Gärten und Balkonkästen in ganz NRW.

Im Spätsommer dann, wenn alle Hobbygärtner versorgt, alle Märkte abgefahren sind, beginnt die Samenernte. Aus verblühten Kräutern, aber auch Tomaten und Co. entnimmt Keller die wertvollen DNA-Speicher, füllt sie in kleine akribisch beschriftete Tüten und archiviert sie in seiner eigenen Samenbank. In großen Boxen lagern die Samen dann über Jahre, um im nächsten oder übernächsten Frühjahr zum Einsatz zu kommen, wenn das Kribbeln wieder losgeht, wenn die Natur nach dem ruhigen Winter erwacht, alles wieder wächst und sprießt.

 


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