Die Deutschen lieben Schnitzel. Doch in der Regel zahlen sie für ihre Leibspeise weit aus weniger als den wahren Preis (Foto: Pixabay)

Einmal Schnitzel mit alles, bitte!

Der wahre Preis des Fleisches

31.01.2020

Wie teuer wäre Fleisch, wenn wir auch die verursachten Umweltschäden mitzahlen müssten? Es gibt erst vage Berechnungen – aber selbst die sind alarmierend.

Von Dominik Baur

Wenn Karl Schweisfurth einen Vortrag halten muss, beginnt er ihn gern mit den Worten: "Ich liebe Veganer." Er freue sich über jeden, der für sich entscheide, künftig ohne tierische Produkte zu leben. Das darf verwundern. Schließlich ist Schweisfurth Landwirt, er züchtet, mästet und verkauft Schweine und Hühner. Aber der Mann sagt sogar Sachen wie: "So wie heute Tierhaltung funktioniert, ist das natürlich ein No-Go." Oder: "Heute wird auf 60 Prozent der Ackerfläche Viehfutter angebaut. Das ist verrückt." Und solange wir nicht alle bereit seien, unseren Fleischkonsum deutlich zu reduzieren, kommt Schweisfurth eben jeder Veganer recht, der die Statistik drückt.


Sinn und Unsinn des Fleischessens

Ein Veganer liebender Schweinebauer - klingt nach einem, mit dem man sich gut über den Sinn und Unsinn des Fleischessens unterhalten kann. Deshalb machen wir uns auf den Weg ins oberbayerische Glonn, genauer gesagt zu den Herrmannsdorfer Landwerkstätten, die Schweisfurth gemeinsam mit seiner Nichte führt. Denn wir sind auf der Suche nach dem wahren Preis des Schweineschnitzels: Was zahlen wir, wenn wir ein Schweineschnitzel kaufen – und was müssten wir eigentlich bezahlen?

An der Fleischtheke des Herrmannsdorfer Hofladens will die Verkäuferin 2,79 Euro für 100 Gramm haben. Zum Vergleich: Beim Aldi im nahen Städtchen Grafing ist das Schnitzel gerade im Angebot, da zahlt man nur 2,59 Euro. Für die 500-Gramm-Packung, wohlgemerkt. Eine beeindruckende Preisspanne. Was zahlt man also bei Herrmannsdorfer, was man bei Aldi nicht zahlt?


 

Mehr Platz für eine längere Zeit braucht ein Herrmannsdorfer Schwein im Laufe seines Lebens. Das drückt den Ertrag (Foto: Dominik Baur)

 

 

Viel Auslauf bereichert das Schweineleben - und wirkt sich auf dem Preis aus (Foto: Dominik Baur)

 

 

So gut wie in Herrmannsdorf haben es Schweine eher selten (Foto: Dominik Baur)

 

"Zunächst mal ist da der Platz für die Tiere, den der Kunde mitzahlt", erklärt Schweisfurth. Er sitzt mit einer Tasse Kaffee an einem schweren Holztisch auf der Galerie oberhalb des Wirtshaus zum Schweinsbräu. Gerade hat er hier noch mit seinen Mitarbeitern gefrühstückt, den Tag geplant. Platz also: Die Herrmannsdorfer Schweine haben, solange sie im Stall sind, einen Außenbereich, den sie jederzeit aufsuchen können. Alle Schweine verbrächten aber auch zumindest einen Teil ihres Lebens auf der Weide, erklärt Schweisfurth.

Außerdem würden sie älter als ihre konventionellen Artgenossen. Herrmannsdorfer arbeite mit weniger intensiven Rassen wie dem Schwäbisch-Hällischen Landschwein, die weniger Ferkel zur Welt bringen, und diese blieben sechs bis acht Wochen bei der Mutter, statt drei in der konventionellen Landwirtschaft. Sprich: Ein Herrmannsdorfer Schwein beansprucht mehr Platz für eine längere Zeit - das drückt natürlich den Ertrag. Dazu kommen höhere Futterkosten, weil die Tiere länger fressen und natürlich auch die Erträge in der ökologischen Futterherstellung nicht so hoch sind. Für den Verbraucher bedeutet das: An der Kasse bei Herrmannsdorfer muss er deutlich tiefer in sein Portemonnaie greifen, bekommt aber dafür Fleisch einer besseren Qualität und das Wissen, dass sein Schnitzel von einem Schwein stammt, bei dessen Haltung der Tierwohlgedanke eine große Rolle gespielt hat.


Zur Person

Karl Schweisfurth (Foto: Dominik Baur)


Karl Schweisfurth, 60, gehört zu den Pionieren des Ökolandbaus. Sein Vater Karl Ludwig Schweisfurth hat einst Herta, das größte fleischverarbeitende Unternehmen Europas, aufgebaut, es in den Achtzigern dann aber – nicht zuletzt auf Betreiben seiner Kinder – verkauft und auf dem alten Gutshof Herrmannsdorf einen Neustart hingelegt. Diesmal in Bio. Hier gibt es neben der Landwirtschaft einen eigenen Schlachtbetrieb, eine Metzgerei, eine Bäckerei, eine Brauerei, ein Wirtshaus und, und, und ... Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten haben sich auf Schweinemast spezialisiert, in den letzten Jahren kam die Zucht und Mast von Zweinutzungshühnern hinzu. Rindfleisch wird von Partnerbetrieben geliefert. Die Produkte gibt es im eigenen Hofladen, einigen Herrmannsdorfer-Filialen in München sowie kleineren Bioläden in der Region.


Aber was ist mit den externalisierten Kosten, also Kosten, die zwar bei der Produktion anfallen, aber nicht in den Preis einfließen? Die gibt es, räumt Schweisfurth ein, aber auch sie versuche man so niedrig wie möglich zu halten. So gibt es in Herrmannsdorf eine Biogasanlage, die mit Schweinegülle betrieben wird. Damit wird rund ein Viertel des Strom- und Wärmebedarfs des ganzen Betriebs gedeckt. Insgesamt wird aber infolge des geringeren Tierbestands auch weniger Dünger ausgebracht, was die Nitratbelastung des Grundwassers ebenfalls senkt. Durch den insgesamt niedrigeren Energieeinsatz und den humusschonenderen Umgang mit dem Ackerboden sinkt zudem der CO2-Fußabdruck. "Die höchste Umweltbelastung bei uns", sagt der Landwirt, "ist die Schweinehaltung an sich. Wenn wir das Getreide direkt zur Mühle fahren und Brot daraus machen würden, wäre das natürlich klima- und umweltschonender."
Nun sieht aber die Realität in deutschen Ställen meist anders aus als auf dem idyllischen Gutshof in Glonn, und die meisten Kunden sind auch nicht bereit, die dortigen Preise zu bezahlen. Wie steht es also um die verdeckten Kosten beim „normalen“ Schnitzel?


Nötiger Aufschlag: 258 Prozent plus X

Anruf bei Tobias Gaugler. Der Wirtschaftswissenschaftler von der Uni Augsburg ist genau dieser Frage in einer Studie nachgegangen. "How much is the dish - was kosten uns Lebensmittel wirklich?" lautet das 39 Seiten lange Papier, das er gemeinsam mit Kollegen im Auftrag von Tollwood München und der Schweisfurth-Stifung erstellt hat. Dabei ging es den Experten nicht nur um das Schnitzel, sondern überhaupt um die Umweltfolgekosten der Lebensmittelproduktion.
Gaugler und seine Kollegen haben drei Lebensmittelkategorien untersucht: Milchprodukte, andere tierische Produkte und pflanzliche Produkte. Die einzelnen Kategorien haben sie dann noch in konventionelle Landwirtschaft und Ökolandbau unterschieden. Dabei bezogen sie sich jeweils auf den Erzeugerpreis, also das, was der Bauer für sein Produkt bekommt.


Mindestens dreieinhalb mal so teuer müsste ein Schnitzel aus konventioneller Landwirtschaft sein (Grafik: Tanja Hoffmann)

 

Das Ergebnis: Würde man die Umweltfolgekosten einpreisen, käme man bei konventionellen Produkten zu einem Aufschlag von 196 Prozent bei Fleisch, 96 Prozent bei Milch und 28 Prozent bei pflanzlicher Kost, im Ökolandbau auf 82, 35 und 6 Prozent. Und das ist noch zu tief gegriffen, da die Wissenschaftler von einem CO2-Preis von 86 Euro pro Tonne ausgingen. Kurz nach Veröffentlichung der Studie vor über einem Jahr erhöhte das Bundesumweltamt jedoch seine Kostenschätzung für die pro Tonne CO2 verursachten Schäden auf 180 Euro. Somit betrüge der Aufschlag für konventionelles Fleisch im Erzeugerpreis sogar 258, für Biofleisch 107 Prozent (s. Grafik). Unser Schnitzel müsste also dreieinhalb Mal so teuer sein – sofern es nicht bio ist.

 

Mindestens. Denn um überhaupt zu Zahlen kommen zu können, mussten die Wissenschaftler sich beschränken. So berücksichtigten sie nur drei verschiedene Schadenseffekte: die durch Stickstoffdünger, Treibhausgase und Energieverbrauch verursachten. Andere Faktoren wie multiresistente Keime, Pestizide, Bodendegradation und ungesunde Ernährung mussten außer Acht gelassen werden. "Das ist also erst die halbe Wahrheit", gibt Gaugler zu. Dennoch hat es aus seiner Sicht seine Berechtigung, die Rechnung aufzustellen. "Wenn wir nicht damit anfangen, tun wir so, als ob alles in Ordnung ist. Selbst wenn die Zahlen eher eine Schätzung sind, sprechen sie eine deutliche Sprache, und die sagt: Hey, da muss man was ändern."


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