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Artgerechte Haltung ist eines der sieben Prinzipien des Bioland-Verbandes.

Ein Leben über den Nutzen hinaus

Warum Tierhaltung auch viel Verantwortung bedeutet

26.07.2021

Tiere gehören zum Bioland-Ökolandbau aus Prinzip dazu. Sie liefern organischen Dünger für die Felder und sind wichtiger Teil der Kreislaufwirtschaft. Dabei legen Bioland-Bauern und -Bäuerinnen besonderen Wert auf artgerechte Haltung. Wie das aussehen kann, zeigen unsere vier Beispiele aus der Praxis.

Von Marta Fröhlich

Die kräftigen Bullen laufen Reimund Schneider im Gänsemarsch hinterher (Foto: Bioland-Hof Schneider)

Kraftprotze auf der Weide

Gar nicht wild, diese Bullen. Seelenruhig schaukeln die muskulösen, rotbraunen Kerle Reimund Schneider hinterher. Quer über Westerwälder Wiesen führt der Landwirt seine Tiere von Weide zu Weide, von Fressplatz zu Fressplatz. Er züchtet Limousin-Rinder, eine Rasse, die sich besonders gut zur Fleischproduktion eignet. In den meisten Fällen werden Mastbullen nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt und verbringen anschließend ihr 24 Monate langes Leben im engen Stall, damit sie sich nicht das mühsam mit Kraftfutter angefressene Fett auf der Weide wieder ablaufen. Bei Bauer Reimund Schneider ist das anders.


Seine Mutterkühe bringen Kälber zur Welt, die neun Monate bei ihnen bleiben dürfen. Erst dann wird nach Geschlechtern getrennt, damit es keinen Stress um die Damen gibt. Die weiblichen Rinder, die Färsen, kommen gemeinsam auf eine Weide, ebenso die jungen Bullen. "Das Rind ist ein Grasfresser, deshalb dürfen sich alle unsere Tiere ausgiebig auf den Weiden sattfressen", sagt Schneider. Ein Nebeneffekt: Im Gegensatz zur Haltung auf Vollspaltenböden in konventionellen Ställen laufen sie sich auf natürliche Art ihre Klauen ab und bleiben gesünder. Zum Muskelaufbau bekommen die Kraftprotze etwas Bio-Mais und buntes Getreide aus eigenem Anbau oder der Region dazu. Erst zur sogenannten Endmast für die letzten zwei bis drei Monate bezieht die Bullenherde einen großen Außenstall. 30 Bullen teilen sich 450 qm - fünfmal so viel Platz wie üblich.
Sanft greift Reimund Schneider einem kräftigen Bullen in die Frisur, der sich die Streicheleinheit gern gefallen lässt. "Bei uns haben alle Tiere viel Platz, können sich gut aus dem Weg gehen und sich bewegen. Das bringt eine unwahrscheinliche Ruhe rein", weiß er zu berichten, "und sie bleiben ab Geschlechtertrennung in ihrem Herdenverbund. Sie kennen sich gut und brauchen sich gegenseitig nichts mehr zu beweisen." Nach 24 Monaten, in denen die Tiere seit ihrerGeburt den Hof nicht verlassen haben, bringt Bauer Schneider sie zum Bioschlachter, 40 Kilometer entfernt. Kein langer Transportweg, keine unnötigen Fahrten, kein Stress für die Tiere. Ein geschlossenes System mit Weidehaltung, das zwar teuer ist, aber an dem für Schneider kein Weg vorbeiführt: "Man kann das hier nicht machen, wenn man viel Geld verdienen will. Die Tiere haben nur das eine Leben, und das sollte so angenehm wie möglich sein."


Die Schweine der Familie Bäumer können ihrem arttypischen Bewegungs- und Spieldrang nachgehen (Foto: Bioland-Hof Bäumer)

Spiel und Platz für Schweine

Ähnlich sieht es auch Raimund Bäumer aus dem nordrhein-westfälischen Tecklenburg. Dort bewirtschaftet er 520 Mastplätze nach Bioland-Richtlinien. Seine Schweine können den Himmel sehen. Das ist in der Schweinemast nicht üblich. Üblicherweise werden Ferkel in geschlossenen, klimatisierten Ställen schlachtreif gemästet – auf Vollspaltenböden, ohne Beschäftigung, eng auf eng. Bäumers Schweine, die bis zur Schlachtung in festen 25er-Gruppen in modernen Außenställen zusammenleben, haben die Wahl: Sie können sich zum Beispiel in ihre Strohkiste im hinteren Stallbereich zurückziehen – in der Natur bauen Schweine einen sogenannten Kessel, eine weiche, warme Höhle, in der sie abferkeln und schlafen – oder sie toben mit ihren Artgenossen an der frischen Luft im geräumigen Auslauf, auch im Winter.


Dort wühlen sie mit ihren dicken Rüsseln im Stroh, das zweimal die Woche frisch eingestreut wird. Darauf lässt es sich auch super in der Sonne lümmeln und herumkauen. Oder sie gönnen sich eine Runde Schubbern am Scheuerpfahl und mümmeln frisches Heu für einen gesunden Darm. Auf dem Speiseplan stehen neben eiweißstarkem Getreide und Molke auch Ackerbohnen und Erbsen oder Altbrot vom befreundeten Bäcker. "Das Schwein ist ein guter Resteverwerter. Der Speiseplan ist bunt", erzählt der Schweinebauer. "Bei uns hat auch jedes Schwein einen eigenen Fressplatz, so können alle gemeinsam fressen ohne Streit und Gedränge." Das sorgt für mehr Ruhe in der Gemeinschaft. Für Bioland-Bauer Bäumer war nach der Hofübernahme von seinen Eltern 1989 klar, dass er auf Bio umstellt. "Natürlich machen wir immer einen Kompromiss zwischen Tiergerechtigkeit, Wirtschaftlichkeit und Umwelt", sagt er, "aber Bio macht auch für uns mehr Spaß. Das ist ein ganz anderes Arbeiten. Wir sind immer an der frischen Luft statt im stickigen Stall, in dem es heiß ist und nach Ammoniak riecht. Und schauen Sie sich mal die Tiere an, wie sie im Stroh wühlen und toben – einfach schön."


Auf dem Kudammhof dürfen Bruderhähne mit ihren Schwestern aufwachsen (Foto: Kudammhof)

Ein Ei - zwei Tiere

Dass Tiere nicht nur Nutztiere sein dürfen, findet auch Hühnerhalter Johannes Erkens vom Kudammhof im niedersächsischen Adelheidsdorf. "Das Tier braucht erst mal ein Leben, das so artgerecht sein muss, wie man es eben mit der Nutztierhaltung vereinbaren kann", sagt er. Seine 6000 Legehennen verteilen sich auf sechs Mobilställe und 10 Hektar Land. Viermal im Jahr schleppt der Bauer die Stallanhänger auf frische Wiesen, die mit Büschen bewachsen und mit zusätzlichen Dächern ausgestattet sind. Das schützt vor Greifvögeln und spendet Schatten. Denn Hühner sind ursprünglich Waldtiere, die es gern kühl mögen. "Biohühnerhaltung ist anspruchsvoll. Die Tiere brauchen Abwechslung, Beschäftigung und Auslauf", erklärt er.


Schon von klein auf, wenn die Küken von der Brüterei angeliefert werden, brauchen sie eine artgerechte Umgebung. Am Anfang benötigen sie noch wenig Platz und dafür viel Wärme, doch Bewegungsradius und Neugier wachsen stetig. Erkens bietet deshalb schon den Junghennen Stroh, Sand und Picksteine an, um auch das Interesse an Neuem aufrechtzuerhalten. So trauen sich die Damen, wenn sie mit 18 Wochen ihren Mobilstall zum Legen beziehen, auch raus in den großen Auslauf. Die Frühförderung hat noch einen guten Grund, erklärt Erkens: "Man weiß heute, dass gerade die Aufzucht der Junghennen dafür entscheidend ist, wie sie sich später vertragen. Wenn schon den jungen Mädels langweilig wird, picken sie sich gegenseitig an. Und das hört im Alter nicht auf."
Doch was ist eigentlich mit den Herren? "Zum Ei gehören immer zwei Tiere", unterstreicht Erkens. Deshalb ziehen er und seine Friederike Schultz bereits seit 2012 die Bruderhähne eins zu eins mit auf. Dabei setzt der Hühnerhalter auf eine sogenannte Hybridrasse, die sich gut zur Eierproduktion eignet, aber auch Fleisch ansetzt. "Eier sind unser Hauptprodukt. Da können wir keine Abstriche machen. Dafür sind dann eben die Bruderhähne etwas magerer als bei typischen Fleischrassen", erklärt er. Seine Bruderhähne sind im Gegensatz zu den eher gemütlichen Fleischrassen "sportive, agile Typen", wie er sagt. Erst mit 16 bis 18 Wochen werden sie geschlachtet, geschlechtsreif sind sie aber bereits mit 100 Tagen und müssen von den Hennen getrennt werden. Sonst wird es stressig für die Damen – wegen der Annäherungsversuche. Nur etwa 35 Hähne verbleiben in einer 1000er Herde, die anderen Jungs kommen in einen gemeinsamen Stall und Auslauf mit viel Platz zum Rumgockeln und erhöhten Sitzstangen als Rückzugs- und Beobachtungsort. Diese Haltung ist nicht billig. Bauer Erkens musste den Eierpreis erhöhen, um die Bruderhahnhaltung mitzufinanzieren. Doch die Verbraucher*innen scheinen das gerne in Kauf zu nehmen. "Wir haben nicht eine einzige Beschwerde bekommen." Ein Fazit, das Mut macht.


Die Bienen der Imkerei Pausch dürfen den Honig im unteren Wabenteil für sich behalten (Foto: Sonja Herpich/Bioland)

Tierwohl auch für Insekten

Das Tier nicht auf seinen Nutzen zu reduzieren, bildet auch für Imker Albrecht Pausch die Grundlage seiner Arbeit. "Ich als Imker setze so ein Tier bewusst ins Leben und habe Verantwortung, dass es ihm gut geht, während es mit mir meinen Lebensunterhalt erwirtschaftet", sagt er. Bereits seit über 30 Jahren hält Pausch mit seiner Frau Helga Bienen im bayerischen Scheyern, seit 1995 nach Bioland-Richtlinien. "Unser Anspruch ist, dass ein gesund aus dem Winter kommendes Volk auch gesund in den Winter gehen soll, und dafür braucht es einiges", erklärt der Imker. Denn die Biene ist ein komplexes Tier mit Superhirn und phänomenalen Fähigkeiten, die sie für das gesamte Bienenvolk einsetzt.


Pausch hat gemeinsam mit anderen Bioland-Imkern Tierwohlkriterien erarbeitet, die einen behutsamen Umgang mit Bienen in der Bioland-Bienenhaltung definieren. Aber es geht auch darum, Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Insekten schonend gehalten werden.
Bienen lieben es warm und trocken, in der Natur findet man ihre Schwärme hoch oben in den Bäumen. Deshalb wählen die Pauschs komfortable Standorte, die nicht kalt und feucht sind. Zum Beispiel meiden sie Kaltluftsenken, auch wenn sie manchmal für das Imkerpaar besser zu erreichen wären. Die Beuten, wie der Imker die Bienenstöcke nennt, müssen regendicht abgedeckt sein und nach Bioland-Richtlinien aus nachhaltigen Naturmaterialien bestehen. Auch bei der Bekämpfung von Krankheiten wie der gefährlichen Varroamilbe setzt Pausch nach Bioland-Richtlinien nur natürliche Hilfsmittel ein.
Der Bioland-Imker überprüft die Beuten regelmäßig auf Schadstellen, denn ein Bienenstock sollte nur über ein Flugloch verfügen, das das Bienenvolk gegen Eindringlinge wie Wespen oder Hornissen verteidigen kann. "Aber auch das Arbeiten an den Bienen selbst sollte umsichtig und rücksichtsvoll sein", sagt der Imker. Ein behutsamer Umgang mit den Tieren ist das A und O. "In einem Bienenvolk leben 40.000 Bienen. Wenn man die Waben aus dem Stock hebt, muss man sich die Zeit nehmen, dass man möglichst keine Biene zerquetscht." Besondere Vorsicht gilt sowohl für die Durchsicht, also die Kontrolle der Waben, als auch für die Honigernte. "Bevor man den Honig aus den Waben herausschleudert, müssen die Bienen davon entfernt werden", erklärt Pausch. Dies kann entweder mit einem Besen oder mit einem Luftbläser passieren. De Bienen damit rauszupusten, ist eigentlich sehr schonend für die Tiere. Wird dies jedoch zu stark gemacht, können sie Schaden nehmen. Pausch setzt da schon vorab auf eine andere Strategie. Im Erdgeschoss der Beute befindet sich die "Bienenwohnung", im oberen Teil lagern die Bienen den überschüssigen Honig ab, den sie für ihre Brut vorerst nicht brauchen und den der Imker abernten kann. Zwischen diesen beiden Stockwerken setzt er eine Einbahnstraße, sodass die Bienen zwar von oben ins Erdgeschoss krabbeln, jedoch nicht wieder zurück. Will er den Honig ernten, entnimmt er nur das obere Stockwerk. So behalten die Bienen einen Teil des Honigs für ihre Brut und den Winter, und der Imker hat bereits beim Abtransport weniger Bienen an der Wabe. Die restlichen Tiere bläst er dann mit einem Akkubläser vorsichtig ab. So kommen keine Tiere mit in den Schleuderraum, wo sie auf dem Boden rumkrabbeln oder im Honig ertrinken können. Für ihn ist wichtig, umsichtig zu sein und nicht nach dem Motto „Time is Honey“ zu verfahren.

Wie in den Tierwohlkriterien vorgeschrieben ist den Pauschs wichtig, möglichst wenig Verluste zu verursachen. Auch in der Natur überleben nicht alle Bienenvölker. Aber als Nutztierhalter empfindet der Imker eine besondere Verantwortung für die ihm anvertrauten Bienen. Nicht mehr als 30 Prozent der Tiere dürfen laut Bioland-Richtlinien über den Sommer verloren gehen, Albrecht Pausch ist stolz, da weit drunter zu bleiben. Auch seine Winterverluste bleiben deutlich unter den maximal erlaubten 20 Prozent. Für mehr Tierwohl im Bienenstock. 


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