Lotta hat keine Scheu vor Kühen (Fotos: Julia Romlewski)
06.05.2015
Ferien auf dem Bauernhof

Ein bisschen Bullerbü

Lotta hat einen eigenen Bauernhof. Also nicht wirklich, aber es fühlt sich so an. Zumindest in den Ferien, denn dann fährt das Mädchen aus Kiel mit seiner Familie zu Bauer Schöneweiß an den Edersee. Immer wieder - langweilig wird das nie. Von Julia Romlewski

Wenn ihre Mitschüler von Mallorca oder Thailand erzählen, denkt Lotta, dass sie auch gerne mal weiter wegfahren würde. Aber irgendwie auch wieder nicht. Ein Jahr ohne die Kühe, die Hühner, das alte Pony Moritz und Bauer Andreas - da würde der Zwölfjährigen wohl was fehlen. Zum siebten Mal ist sie am Edersee, mit dem zwei Jahre jüngeren Bruder Janne und den Eltern. Wohnt in einem der drei großen Ferienhäuser, die Bioland-Bauer Andreas Schöneweiß auf seinem Hof gebaut hat. Die Häuser sind blau-grün-rot angemalt, die Flachdächer begrünt. Nilgänse nisten hier gerne mal. Die Gäste haben hier alles, was sie brauchen: Eine große Küche, ein großes Wohnzimmer, viel Platz für die Kinder zum Herumtoben.

Die Ferienhäuser auf dem Bioland-Hof Schöneweiß am Edersee
Hinter den Häusern liegen Wiesen, dann geht es hoch in den Wald, hinein in den Nationalpark. Von oben schaut der Hof mit seinen drei Ferienhäusern aus wie Büllerbü. Die Gegend ist abgeschieden. Der nächste größere Ort ist die hessische Kleinstadt Korbach. Dafür gibt es viel frische Luft und Ruhe in Harbshausen.

Am Himmel kreist ein Rotmilan, unten auf dem Hof trippelt ein Huhn in aller Seelenruhe die Treppe vor dem Bauernhaus hinunter und Lottas Eltern, die Henningsens aus Kiel, trinken in der Frühlingssonne Kaffee auf ihrer Terrasse. Dazu gibt es Kuchen. Später wollen sie noch eine Wanderung machen - wenn sie die Kinder vom Hof loseisen können. "Lotta und Janne verbringen am liebsten die ganze Zeit auf dem Hof", sagt Dirk Henningsen und lächelt. Den 44-jährigen Lehrer zieht es immer wieder an den Edersee. "Ich war als Kind oft hier." Was ihm am Urlaub auf dem Bauernhof besonders gefällt: "Man hat wirklich Zeit füreinander." Lotta stubst ihn in die Seite. "Manchmal wärt ihr uns aber schon gerne los!"

Die Mädchen bringen Pony Moritz auf die Wiese
Lotta darf Pony Moritz auf die Wiese bringen. Sie muss neben ihm herrennen, so eilig hat er es. Dann schauen die Kinder im Stall vorbei. Lotta krault ihrer Lieblingskuh den Kopf, ihr kleiner Bruder schnappt sich eine Mistgabel und schaufelt den Tieren Heu zu. "Wir holen auch manchmal Eier", erzählt Lotta.

Früher hatte Bauer Schöneweiß Milchkühe. Heute hält er für einen befreundeten Nachbarbetrieb Färsen, also Kühe, die zum ersten Mal Nachwuchs kriegen. Kurz vor dem Abkalben gehen die Kühe dann auf ihren eigenen Hof zurück. "Wir haben sozusagen eine Pension für Menschen und Kühe", sagt Bauer Schöneweiß. Lotta und Janne haben bei ihm noch das Melken gelernt. "Unsere Kinder sind Melkprofis", sagt Vater Dirk. "Mit Hand und Maschine", erklärt Lotta.

Lottas Bruder Janne geht gerne in den Kuhstall
Noch müssen die Kühe drinnen bleiben, es ist erst kurz nach Ostern, aber bald wird sie Bauer Schöneweiß wieder jeden Tag auf die Wiesen bringen. "Almauftrieb" nennt er das scherzhaft. "Die Rinder liegen dann fast neben den Ferienhäusern, rülpsen und kauen", sagt er.

Ersatzoma für die Mädchen

Hauptberuflich ist Schöneweiß Milchkontrolleur. Er prüft zum Beispiel den Fettgehalt der Milch und die Leistung der einzelnen Kühe, das ist wichtig für die Zucht und die Zusammenstellung des Futters. Wenn seine Feriengäste aufstehen, ist Bauer Schöneweiß meistens schon unterwegs auf den Betrieben. Lebensgefährtin Regina und Mutter Gertrud kümmern sich dann um die Gäste. "Gertrud weiß unheimlich viel, zum Beispiel über Heilkräuter, und hat viele Rezepte für uns", sagt Melanie Henningsen.

Für Jule, Mette und Jytte, 6, 9 und 11 Jahre alt, ist die 71-Jährige ein richtiger Oma-Ersatz. Oma Gertrud nennen sie sie. Die Mädchen aus Wolfsburg sind quasi auf dem Hof aufgewachsen, Bauer Schöneweiß kennt sie von klein auf. 15 Mal waren sie schon da. "Weil die Gegend so schön ist und die Bauersleute so nett sind", sagt ihre Mutter, Anja Niessner. Freunde hatten ihnen den Hof empfohlen. Die Henningsens und die Niessners kennen sich, sie haben schon öfter gleichzeitig Urlaub auf dem Bauernhof gemacht. Weil vor allem Familien hierherkommen, ist für die Kinder immer jemand zum Spielen da. 

Als Bauer Schöneweiß am Nachmittag von der Arbeit kommt, hängen sich die Kinder sofort an ihn. Er verspricht ihnen eine Fahrt mit dem neuen Planwagen. Auch die Eltern dürfen mit. Es ist die erste Fahrt in diesem Frühjahr. "Andreas bietet auch Wanderungen an. Man läuft dann mit viel offeneren Augen durch den Wald", sagt Melanie Henningsen. "Er hat uns zum Beispiel gezeigt, wo vor Kurzem noch ein Reh im Gras lag." Oder wo ein Wildschwein vorbeigekommen ist. "Und einen Feuersalamander haben wir auch gesehen", sagt Lotta.

Andreas Schöneweiß spielt seinen Gästen sogar ein Ständchen
Bauer Schöneweiß spannt den Planwagen an den Traktor. Dann geht es bergauf in den Wald, vorbei an den Wiesen, die zum Bauernhof gehören. Der Wind pfeift. Dirk Henningsen ist froh, dass er doch noch eine Jacke mitgenommen hat. Plötzlich hält der Wagen. Alle absteigen, heißt es. Orkan Niklas hat viele Tannenzweige auf Schöneweiß' Wiesen geweht. Alle helfen mit, die Zweige einzusammeln, kein einziges Kind murrt. Es geht schnell. Bauer Schöneweiß ist zufrieden. "Ich lasse meine Gäste für mich arbeiten. Mit so vielen Helfern geht es einfach schneller", sagt er augenzwinkernd.

Eine gute Stunde später, zurück auf dem Hof, zeigt Schöneweiß seinen Feriengästen noch ein paar besondere Schätze: Prächtige Geweihe, die er auf seinen Wiesen gefunden hat. Und einen Fuchsschädel. Die Kinder nehmen ihn in die Hand und bestaunen die spitzen Zähne. Kleine Biologiestunde. Dann entlässt Bauer Schöneweiß die Familien in den Feierabend. Einige wollen noch grillen. "Ich würde am liebsten immer hier bleiben", sagt Jule.

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