Ziege Strolchi ist ein guter Trainer (Fotos: Jutta Schneider-Rapp)
15.03.2018
Therapie auf dem Bauernhof

Mein Coach ist eine Ziege

Zweimal wöchentlich steht bei Kindern der Lassbergschule in Sigmaringen Bauernhofarbeit auf dem Stundenplan. Drei Stunden lang arbeiten drei bis vier Schüler auf dem Bioland-Hof Göhring. Ihre Kollegen: Schafe, Schweine, Ziegen - und natürlich Luis, der Esel. Von Jutta Schneider-Rapp

Neun Uhr morgens auf dem oberschwäbischen Land: Im Stall wird es unruhig. Mini und Micki, zwei quirlige Minischweine, machen einen Mordskrach. Zicke Susi steht auf den Hinterbeinen. Wollschaf Whitey wuselt mit ihren Mitschafen durchs Stroh. Nur Esel Luis bleibt trotz Hunger cool.

Pünktlich kommen drei Kinder des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums der Lassbergschule mit ihrer Lehrerin Christin Müller auf den Hof gefahren. Jeder Therapievormittag beginnt damit, die Tiere zu begrüßen und ihnen ein Frühstück zu servieren. So lautet die erste Aufgabe für Martina, Jan und Benjamin, trockenes Brot und frische Möhren zu zerkleinern. Schließlich können Schafe nicht vom Brot abbeißen.

So hart wie das Brot ist auch das Schicksal vieler dieser Kinder. Eine Frühgeburt hat die Entwicklung von Martina ausgebremst. Handarbeit ist Schwerstarbeit für die Zwölfjährige. Jan kämpft aufgrund seiner angeborenen spastischen Körperbehinderung ebenfalls mit den harten Backwaren beziehungsweise seiner Feinmotorik. Doch wenn die Kinder die hungrigen Tiere sehen, mobilisieren sie alle Energien.

Jan bringt den Tieren Futter

Jan transportiert im Korb seines Rollators Möhren und Äpfel. Martina versucht das Brot eben mit den Füßen zu zerteilen. Der mobile Benjamin füttert bereits seinen Liebling, Esel Luis. "In unseren Gruppen brauchen wir immer auch fittere Kinder, die die anderen mitziehen. Deshalb mische ich die Gruppen mit Kindern unterschiedlichen Alters und Handicaps", erklärt Bioland-Bäuerin Andrea Göhring.

"Die Kinder sind hier viel aktiver als daheim"

Die Kinder sind hier viel aktiver als daheim Die Fachkraft für Tiergestützte Therapie und Pädagogik fördert auf ihrem Hof bereits seit acht Jahren Kinder mit körperlichen Handicaps und seelischen Nöten. Dazu hat sie eine Weiterbildung zur Fachkraft für Tiergestützte Therapie und Pädagogik nach ESAAT absolviert. Diese englische Abkürzung steht für European Society for Animal Assisted Therapy.

Schlüssel zum Erfolg ist ihre bunte Tierschar: eine Kuh mit Kalb, zwei Esel und Minischweine, Schafe, Ziegen und Hühner. "Die Kinder wollen mir und meinen Tieren helfen. Deshalb sind sie auf dem Bauernhof meist viel aktiver als zu Hause oder in der Schule. Wenn sie eine sinnvolle Aufgabe haben, merken sie gar nicht, wie sehr sie sich anstrengen müssen."

Martina mistet eifrig aus
Zum Beispiel beim Ausmisten. Dabei gilt: Jeder macht, was er kann. Martina, die erst mit sechs Jahren laufen gelernt hat und schlecht sieht, tastet sich vorsichtig in den Stall. Nur nicht umkippen. Hochkonzentriert schiebt sie den Mist mit einem Rechen in den Kanister und leert ihn in die Schubkarre. Anfangs mussten immer andere Kinder ihren Mist wegbringen. Nach sechs Monaten "Tierapie" kann sie die Arbeit jetzt selbst erledigen. Wie eine Schiffbrüchige an einen Rettungsring klammert sie sich an die Griffe der Karre und fährt langsam gen Misthaufen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Währenddessen rollt Jan durch die Ställe und fischt das dreckige Stroh aus den Tränken. Andrea Göhring lässt die Kinder soweit wie möglich machen, schreitet nur bei Bedarf ein. Dabei übersetzt sie die Bedürfnisse der Tiere: "Die Schweine wollen es schön kuschelig haben. Deshalb kommt nach dem Misten wieder viel sauberes Stroh in die Boxen." Die Kinder müssen daher sauberes Stroh aus der Scheune holen. Mit vereinten Kräften schieben sie das schwere Scheunentor beiseite. Alle sollen das Gefühl haben, dass ihre Arbeit wichtig ist. So wie sie.

Wollschaf glücklich, Kind glücklich

Das Stroh aufzuladen macht Spaß. Während die anderen Kinder gleich haufenweise Stroh in den Wagen packen, nimmt Jan immer nur ein paar Halme. Zurück im Stall reicht er den anderen Kindern das Stroh. Wenn Wollschaf Whitey und ihr Lamm später im frischen Strohbett liegen, ist er glücklich. Gleichzeitig hat der Zehnjährige viel gelernt und geleistet.

"Das Ausmisten und anschließende Einstreuen der Ställe fördert die Beweglichkeit, die Bewegungsfreude und die Mobilität. Gleichzeitig schulen diese Tätigkeiten den Gleichgewichtssinn sowie die Hand-Augenkoordination", erklärt seine Lehrerin Müller. Sind die Ställe sauber, geht es mit Fellpflege weiter. Esel Luis liebt es, gestriegelt zu werden. Die Wollschafe lassen sich so gerne knuddeln wie Schmusekatzen. Die tiergestützte Förderung auf dem Hof lebt von der Vielfalt. Jede Tierart hat ihre eigenen Vorzüge.

Die meisten Schüler haben ihr Lieblingstier. Jan steht auf Zicke Susi. Die neugierige Ziege schnappt immer wieder nach seinem Bayern-Schal. Wenn Jan auf der Weide geht, laufen ihm die Ziegen hinterher. Oder umgekehrt. Das ist wie Fangen spielen. Nur langsamer.

Jeder hat ein Lieblingstier

Um die Kinder mobil zu machen, baut Andrea Göhring mit ihnen einen Parcours auf. Für ein paar frische Zweige laufen Susi oder auch die Minischweine durch Tunnel, über Wippen und hüpfen auf Strohballen. Benjamin macht es ihnen sofort nach. Martina ebenso. Trotzdem der Boden auf der Weide voller Stolperfallen steckt, lässt sie ihren Gehwagen am Zaun stehen. Langsam, aber sicher lotst sie Susi durch den Parcours und kommt dabei selbst am besten vorwärts. Schritt für Schritt in die Selbständigkeit.

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