Jetzt heißt es erst einmal Abschied nehmen - aber vielleicht klappt es nächstes Jahr wieder? (Foto: Linda Walter)
15.09.2014
Weinlese in Baden-Württemberg

Linda Walter: Vom Hang zurück in den Bioladen

Unsere Bloggerin Linda muss Abschied nehmen. In ihrer Woche hat sie viel über Wein gerlent und vor allem viel Herzlichkeit erfahren. Von Linda Walter

Sieht schick aus: Der beleuchtete Weinkeller (Foto: Linda Walter)
Der letzte Tag meines Hagenbüchle-Aufenthaltes hat begonnen. Der Keller wird hergerichtet für die "Nacht der Keller". Später am Abend ziehe auch ich noch los und schaue mir die umliegenden Ortschaften an. Morgen früh ist Abreise angesagt. Das Wochenende werde ich noch in Stuttgart verbringen, wenn ich schon mal hier unten bin steht Sightseeing auf dem Programm, bevor es wieder zurück geht, nach Norddeutschland….

Wein habe ich auch mitgenommen. In erster Linie für die Mitarbeiter der Ökoma, die so tapfer die Stellung gehalten haben in meiner Abwesenheit. Ich dachte da an den Cabernet Blanc, der gefällt mir zumindest sehr gut.

Am Samstag ist es dann soweit, Abschied von dem mir so lieb gewonnenen Ort. Ich möchte mich bedanken für dieses außergewöhnliche Erlebniswoche. Ich habe viel gelernt und viel gesehen. Anne und Achim waren großartige Gastgeber. Danke dafür! Wenn es sich einrichten lässt, bin ich vielleicht sogar nächstes Jahr wieder dabei.

Herzlichst, Eure Linda

Wir verladen die Trauben. Weil der Keller zu klein ist, wird ein Teil an einen anderen Winzer verkauft (Foto: Linda Walter)

Tag 4: Wem bringe ich welche Sorte mit?

Unsere Bloggerin  Linda weiß nun: Die können alles. Zum Beispiel auch köstlichen Apfelsaft. Nur Hochdeutsch - das gelingt den Baden-Württembergern nicht.

Auch der Nachbarsjunge hilft eifrig mit (Foto: Linda Walter)
Do, 18.09.14 Vom schönen Wetter wach geküsst, starte ich in den letzten Lesetag der Woche, denn heute ab heute Abend ist Regen angesagt... Wir nehmen es gelassen, denn weil die Nacht der Keller in unmittelbare Nähe gerückt ist, wäre es auch schwierig geworden, sich morgen noch den ganzen Tag im Weinberg aufzuhalten. Stattdessen stehen zur Abwechslung Vorbereitungen für das öffentlichkeitswirksame Ereignis auf dem Programm. Spätestens am Montag - wenn das Wetter mitspielt, ist dann aber wieder Lese angesagt - dann allerdings ohne mich. Ich befinde mich dann schon wieder in meinem Bio-Lädchen und darf abends bei einem Glas Johanniter in Erinnerungen schwelgen. Der Johanniter Weißwein ist ebenfalls eine Piwi-Sorte. Er begeistert durch seine frische und fruchtige Art gerade auch Rieslingfreunde, zu dessen Kreis auch ich mich zählen darf. ; )

Mit unserer weiterhin starken Sammlertruppe von heute haben wir begonnen die weißen Sorten Helios und Johanniter zu ernten. Auch der kleine Nachbarsjunge Simon ist diesmal mit dabei und erntet die schönsten und dicksten Trauben! Dann ist wieder Zeit für die Vesper und so langsam haben wir uns dabei auch durch alle Weine durchprobiert, und die Liste, wem ich welchen Wein mitbringen möchte, wird lang und länger… Wenn wir dann voll gegessen den Vorschlag machen, noch ein wenig in der Sonne zu verweilen, sagt Achim: "Ach das Hängerle mit dene Liegestühle henn i glatt vergesse!" Ach was solls, dann gehen wir halt wieder lesen...

Ein Teil der Trauben wird an anderes Weingut verkauft

Am Nachmittag fährt Achim einige Trauben zu einem befreundeten Naturland Betrieb, dem Schlossgut Hohenbeilstein. So teilt er seine Ernte auf: Was er nicht selbst keltern, abfüllen und ab Hof verkaufen kann, verkauft er an den Nachbarn. Heute fahren wir nach der Lese ins 40 Kilometer entfernte Hohenbeilstein. Woher wissen wir, wie viele Trauben im Hänger geladen sind? Klar, kurz noch beim Beutelsbacher vorbei, da gibt es eine große Autowaage.

In der Region wächst neben Wein auch viel Obst (Foto: Linda Walter)
Auch hier sind alle emsig dabei: Es wird Streuobst aus der ganzen Gegend angeliefert. Alles scheint auf den Straßen zu sein - manche haben Trauben, Äpfel oder Kürbisse geladen. Die Hänge und Felder scheinen im Überfluss voll mit reifem Obst. Auch Achim hat Streuobsthänge und verkauft Apfelsaft und Traubensaft. Ein Hochgenuss! Auf dem Weg zum Schlossgut passieren wir einen Kreisel, auf dem vor dem Hintergrund der Weinhänge eine riesige Bananenstaude wächst. Langsam verstehe auch ich: Die hier können wirklich alles - außer Hochdeutsch!

Vor Ort an dieser wundervollen Anlage angekommen, schütten wir unsere 1.080 Kilo geernteten Tauben wieder in die Trennmaschine, hier eben etwas größer als daheim. Die Trauben landen direkt im Keller, auch etwas größer als daheim. Vater und Tochter kontrollieren den Oexle Grad, knapp 80. Das ist gut.

Zufrieden mit dem heutigen Tag fahren wir wieder Heim und halten kurz an einem schönen Aussichtspunkt. Ich werde viele schöne Erinnerungen mit nach Düsseldorf nehmen: Das herzliche Aufgenommen-Werden in die Familie, die gemeinsame Arbeit im Weinberg und die schönen Bilder dieser Gegend...

 

Romantik pur (Foto: Linda Walter)

Ein Winzer hat ganz schön viele Termine

Tag 3: Am dritten Tag der Weinlese notiert unsere Bloggerin, dass ein Winzer noch viel mehr tun muss als sich nur um die Trauben zu kümmern.

Im Remstal gibt es ungefähr tausend Hektar Weinbau. Klingt wenig, sind aber trotzdem viele Betriebe, da hier alle relativ kleinstrukturiert beziehungsweise im Nebenerwerb tätig sind. Achims Flächen zählen etwa vier Hektar. So gesehen ist es reiner Zufall, dass diese Woche im Remstal geherbschtet wird.

Und andere Termine gibt es obendrauf noch genug. Heute Abend hat sich zum Beispiel eine Gruppe für eine Weinprobe angemeldet. Die findet in den Kellergewölben statt. Da hat’s zwar nur 17 Grad. Aber im Winter gibt es die Möglichkeit mit einem Wärmegebläse Abhilfe zu schaffen. Und nicht zu vergessen Freitag und Samstag die "Lange Nacht der Keller". Von Strümpfelbach bis Schnait können in urigen Gewölbekellern Wein, Musik und Kunst genossen werden. So auch im "Im Hagenbüchle". Für den Transport sorgt ein Shuttlebus.

Es geht um mehr als die Zertifizierung

Das hängt alles dran, wenn man eine Kellerwirtschaft hat. Außerdem ist da noch die Familie. Ob wohl eins der Kinder später mal in den Betrieb einsteigen möchte? Vielleicht noch etwas früh, daran zu denken. Aber denken tun die Stilz viel. Das merkt man spätestens in einer der abendlichen Unterhaltungen. Der ökologische Gedanke geht weit über die bloße Zertifizierung hinaus.  Es geht auch um den Umgang mit Menschen, Arbeitskollegen, Natur und Umwelt. Allein der Flyer verrät schon sehr viel. Liebevoll gestaltet hat jeder Wein ein Etikett mit einem anderen Vogelbild. Eine Hommage an unsere gefiederten Helfer im stetigen Bestreben, die Schädlinge im Zaum zu halten.

Das gleiche spiegelt sich auf den Weinhängen wider. Man sieht jetzt noch, dass zwischen den Reihen groß angelegte Blühstreifen aus Sonnenblumen, Malven und Wicke gesät wurde. Blühstreifen dienen - außer natürlich der Schönheit für die Landschaft - als Futter für die Nützlinge und bringen gleichzeitig Stickstoff in den Boden durch die Leguminosen, das heißt der Boden wird durch die vielfältige Durchwurzelung belüftet und mit Nährstoffen versorgt. Das kommt natürlich dem Wein zu Gute. Und für nächstes Jahr ist Landsberger Gemenge zwischen einigen Reihen eingesät. Dieses mag ich besonders gern, sieht es mit dem Inkarnatklee als roter Farbtupfer mittendrin doch besonders schön aus.

Auch zwischen den Jungpflanzen (die brauchen im Übrigen so zwischen drei  bis fünf Jahre bis sie Ertrag bringen), wachsen Ackerbohnen und anderen Sorten. So ist Achim um die Umsetzung von Ideen nicht verlegen. Längst kommen auch die neuen Piwi-Sorten wie der trockene Weißwein Johanniter  gut bei den Kunden an. Frei nach dem Motto "Wer keinen Versuch wagt, macht keine Fehler, kommt aber auch nicht vorwärts".

In diesem Sinne, freue ich mich mal wieder auf den nächsten Tag.

Eure Linda  

Puh! Aber gemeinsam schaffen wir das! (Foto: Linda Walter)

Tag 2 der Weinlese: Und von oben schaut der Milan zu

Am zweiten Tag der Weinlese begegnet unsere Bloggerin Linda Walter einer großen Schnecke. Die ist für den Wein unglaublich wichtig.

So sieht das Gerät aus, mit dem die Trauben vom Stiel getrennt werden, das außen sind die Kämme (Foto: Linda Walter)
Tag 2 - Von wegen Feierabend! ... Gestern Abend hat Achim noch die frisch geernteten Regent-Trauben durch die Trennmaschine gejagt. Die arbeitet rein mechanisch und man kann ihre Arbeit gut erklären: Zunächst wird die überwiegende Menge an Stängeln mit Hilfe einer Schnecke nach draußen befördert und nennt sich fortan Kämme. Die Trauben werden durch Walzen gequetscht, aber nur bis zum Kern, damit nicht unnötig viel Gerbsäure in die Maische kommt. Diese Maische (die angequetschen Trauben und ein paar tapfere Stängel) wird dann mit Hefe versetzt, wodurch die Gärung in Gang gesetzt wird.

Am Himmel kreist ein Milan (Foto: Linda Walter)
Je nach Sorte beziehungsweise wie intensiv der Wein werden soll, verbleiben die Traubenschalen unterschiedlich lange in den Bottichen. Mehrmals täglich muss kontrolliert und gerührt werden. Morgen wird Achim Proben zum nahegelegenen Labor fahren. Mal schau’n, ob die Werte etwas über die Säurestrukturen verraten. Das ist ein wichtiges Thema, denn durch die einsetzende Fäule an den Trauben können sich Säuren bilden, die im Wein unerwünscht sind. Es bleibt also spannend...

Dieses Problem der unwillkommenen Säuren haben dieses Jahr alle Winzer in dieser Gegend, egal ob aus konventionellen oder biologischen Anbau, ob in Handarbeit oder mit Erntemaschine gelesen. Eine Vollerntemaschine haben wir heute gesehen. Allerdings mussten auch dort am Vortag erst menschliche Helfer durch die Rebstöcke ziehen und die faulen Beeren aussortieren, bevor die Maschine fahren konnte...

Anne sponrt alle zum Durchhalten an (Foto: Linda Walter)
Unsere Erntetruppe setzt sich heute aus etwa zehn Leuten zusammen. Bei bombigem Wetter geht es ab in eine etwas steilere Hanglage, um die Traube Pinotin einzusammeln. Die Arbeit ist relativ anstrengend, denn auch hier muss wieder viel aussortiert werden, was ich als sehr deprimierend empfinde. Auf den letzten 20 Metern vor dem Ende der Reihe muss Anne meinen Blick gesehen haben, der in etwa sagte „Das sind die längsten 20 Meter meines Lebens! Ich weiß nicht, ob ich da jemals ankomme“ und sagte zu mir "Linda woisch, wenn du nimmer kannsch, gesch oifach!" Egal, was sie gesagt hat, ich nehme das als Ansporn. Schließlich gibt hier keiner auf. Gemeinsam geht das! Außerdem hat Anne gerade eine so schöne Traube gefunden und freut sich darüber. Das wird natürlich sofort fotografisch festgehalten. Im Hintergrund seht ihr übrigens den Vollernter.

Ertrag hin oder her - auch heute habe ich einiges mit nach Hause genommen: Auf dem rechten Arm einen Sonnenbrand und in der Kamera schöne Bilder. Die ganze Zeit über begleiteten uns Bussarde und ein Milan am Himmel. Weiß übrigens jemand, warum man oft Rosenstöcke vor den Weinstöcken findet? Ich schon! Ist im Übrigen keine deutsche Besonderheit, hab ich auch in Südafrika gesehen...

Der Herbst ist da! (Foto: Linda Walter)

Tag 2: Vespern im Weinberg

Am zweiten Tag der Weinlese fühlt sich unsere Bloggerin Linda ein wenig wie Aschenputtel. Weinlese heißt eben auch schlechte Beeren auszulesen.

Montag 15.09.14 10 Uhr sind allerhand Leute vor der Tür versammelt plus Auto, kleine weinbergtaugliche Schlepper mit Kipper und Wannen zum Sammeln der Trauben und natürlich das Wichtigste: diverse Schüsseln, Schalen gefüllt mit Leckereien für die Vesper. Alles verstehe ich auf schwäbisch zwar nicht. Kann mir aber gut vorstellen, dass Weckle, Brezle, Brödle mit Schwarzwurst gut harmonieren. Die meisten Helfer kommen schon seit Jahren. So wie ich hier reingerutscht bin, ist es auch anderen ergangen. Manfred zum Beispiel fuhr eines Tages mit dem Fahrrad an der Erntetruppe vorbei und fragte, ob er mal mithelfen könne. Seitdem ist er dabei. Das Schöne an der Traubenernte ist eben auch das gemeinsame Schaffen.

Vespern auf schwäbisch (Foto: Linda Walter)
Wie gestern bereits kurz erwähnt, beginnen wir früher als sonst mit der Lese. Wegen des Wetters. Die frühen Sorten müssen runter, sonst faulen sie weg und es gibt keinen Ertrag. Also etwas gedrückte Stimmung. Man wird eben erst sehen, ob sich die Arbeit überhaupt gelohnt hat, wenn wir mal angefangen haben. Trotzdem bleibt Achim positiv. Seit 1994 hat es keine schwerwiegenden Ernteeinbußen gegeben (man könnte also auch sagen, dieses Jahr ist die schlechteste Ernte seit 20 Jahren), er sei also so im Großen und Ganzen zufrieden. Und Hoffnung gibt es noch bei den späteren Sorten, falls es jetzt mal kühler wird und die Nässe aufhört. Der starke Regenfall am Freitag hat dem Regent den Rest gegeben. Ein wenig fühlen wir uns bei der Arbeit wie Aschenputtel, die schlechte Trauben sortieren wir aus. Trotzdem sind auch hervorragende Trauben dabei, die schmecken einfach nur gut!

Nachdem wir den Regent an dieser Stelle abgeerntet haben, geht es weiter hoch auf den Berg. Dort sind noch ein paar Reihen zu beernten. Dann naht die Erlösung. Achim ruft: Vesper! Dabei dürfen wir auch ein paar Sorten Wein probieren und ich erfahre wie der Regent schmeckt, wenn er fertig ist. Oder auch Pinotin und Bacara - Sorten die ich bisher nicht kannte, genauso wenig wie den Würtemberger "Trollinger".

Frisch gestärkt geht es nun zur Traube Monarch, vom Wuchs her erscheinen die Blätter viel triebiger und größer. Eine halbe Reihe schaffen wir noch, dann machen wir Feierabend. Achims Frau und Kinder sind aus der Schule zurück und packen auch fleißig mit an. Wir fahren alle zusammen wieder hinunter ins Dorf und trinken noch einen gemeinsamen Kaffee zusammen, verabreden uns für morgen 9.30 Uhr. Meine Hände kleben wie 'ne Fliegenfalle, sehen schlimmer aus als nach der Rotkohlernte und ich habe Traubensaft im Haar. Aber egal. Es war ein guter Start. Für morgen ist auch Sonne angesagt, es sind noch mehr Helfer organisiert. Das wird schon. Habe bei den Stilz im Haus einen schönen Spruch gelesen: „Der einzige Mist, auf dem nix wächst, ist der Pessimist. In dem Sinne bis morgen ;)

Die ganze Familie packt mit an (Foto: Linda Walter)

Tag 1: Die Weinlese startet

Zu Beginn macht Linda Walter gleich einmal Bekanntschaft mit einer eingeschleppten asiatischen Fliege. Diese bohrt Löcher in die Trauben und sie so  kaputt. Was jetzt?

So es geht los. Stehe ordnungsgemäß Düsseldorf Hbf zehn vor elf am Sonntag, 14.09.14 am Gleis. Der IC 2013 hat 25 min Verspätung. Na macht nix, ist ja ausnahmsweise mal schönes Wetter. Darauf hoffe ich natürlich auch in Schnait, denn ohne gutes Wetter wird’s schwer mit der Weinlese.

Habe mir für die Bahnfahrt ein Ticket für die erste Klasse geholt, mit Zugbindung war das jetzt billiger als die 2. Klasse. Ich bin sehr froh darüber, hier ist es ruhig, und ich habe genügend Platz für meinen unverhältnismäßig schweren Koffer. Wenn ich den erwische, der den gepackt hat…

Die Ernte beginnt (Foto: Linda Walter)
Nach diversen weiteren Verspätungen, einer wunderschönen Fahrt am Rhein und an der Mosel vorbei, (hoffentlich sind die Weinhänge der Familie Stilz nicht sooo steil wie hier), komme ich gegen 16.30 Uhr in Beutelsbach an, wo Achim auch schon am Gleis steht und mich abholt. Da wir sowieso schon im Auto sitzen, machen wir gleich eine kleine Fahrt um die Weinhänge herum. Danach geht’s nach Hause zur Familie Stilz, ich lerne Frau und Kinder kennen, und gleich noch einen kleinen Rundgang durch den circa 400 Jahre alten Gewölbekeller und an den Weinfässern entlang. In diesen paar Stunden habe ich praktisch einen Crashkurs bekommen in puncto Weinanbau, Herstellung und Vermarktung. Diese ganzen Infos muss ich erstmal sacken lassen.

Im Prinzip sieht es morgen so aus: Gegen 10 Uhr geht es los. Jedes Jahr kommt eine Art freiwilligen Helfertruppe für die Weinlese zusammen, bestehend aus rund zehn Leuten, Nachbarn, Familie. Achims Eltern sind normalerweise auch dabei, diesmal aber im Urlaub in Frankreich. Achims Frau Anne unterrichtet an der Schule, und für die Kinder fängt morgen nach den Sommerferien auch die Schule wieder an.

Irgendwo hinterm Hügel ist Stuttgart (Foto: Linda Walter)
Dieses Jahr ist alles etwas früher. So auch der Beginn der Weinlese. Es wird wohl alles etwas aufwendiger als sonst. Wetterbedingt sind viele Trauben geplatzt. Dadurch sind an einigen Trauben faule Beeren, die gilt es morgen auszusortieren, das heißt mit der Schere wegzuschneiden. Also alles reine Handarbeit. Wir beginnen morgen mit einer frühreifen Sorte, der roten Traube Regent. Auch eine Piwi-Sorte, also eine pilzwiderstandsfähige Sorte. Sie ist zwar nicht resistent, aber immerhin sehr widerstandsfähig  gegen eines der Probleme im Weinbau, den Mehltau. Das ist ein Pilz. Da gibt es echten und falschen. Aber das führt jetzt echt zu weit.

Waren wir nicht fleißig? (Foto: Linda Walter)
Zusätzlich zum  geplatzten-Trauben-Problem kommt die gemeine Kirschessigfliege. Drosophila suzuki. Eine aus dem asiatischen Raum eingeschleppte Fruchtfliege. Die deutsche Variante in Asien heißt dann wohl BMW. Mit Drosophilas stehe ich seit meiner Abitur-Klausur persönlich auf Kriegsfuß! Und nun bedroht eben diese hier auch noch die Ernte. Die geplatzten Früchte geben einen Duft ab, der die Fliegen anlockt. Anders als hier die Fruchtfliegen, ist diese Spezies in der Lage mit ihrem Rüssel auch gesunde Beeren anzustechen. Das multipliziert natürlich das Problem der dann wieder faulwerdenden Trauben.

Gemeine Fliege

Aber Achim sieht alles sehr differenziert und macht keine große Panik, wie es in der Presse  zu lesen ist. Wir fangen morgen erstmal an, und dann schauen wir mal. Der Regent hat auch in der Vergangenheit schon mal Probleme gemacht, und speziell auf dieser Parzelle, die wir morgen als erstes beernten. Über das Suzuki-Fliegen-Thema gibt es noch zu wenig Wissen. Wie also immer im Leben: Es wäre einfach alles auf eine Sache zu schieben. Zack Problem erkannt, Gefahr gebannt. Aber es ist eben alles etwas komplizierter und vielschichtiger. Und vor allen Dingen können sich Probleme auch verlagern. Wenn man beispielsweise Kalk gegen spezielle Krankheiten ausbringt, könnte dies wiederum negative Folgen bei der Gärung des Weins haben. Ich habe heute demnach gelernt: Es ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, viel Beobachten und Erfahrung.

Linda Walter ist Geschäftsführerin eines Bioladens. Sie will mehr über Weine erfahren. (Foto: privat)
 

Vor der Anreise: Werde ich alle Fragen los?

Linda Walter arbeitet eigentlich in einem Bioladen. Sie geht mit tausend Fragen  zur Weinlese nach Baden-Württemberg und will herausfinden, wie man einen guten Jahrgang erkennt.

Das bin ich. Linda in Ihrem Bioladen Ökoma (Ökologische Marktwirtschaft GmbH) – dem schönsten Bioladen Düsseldorfs mit Beteiligtensystem. Gehören tut mir der Laden zwar nicht, aber ich bin mit Leib und Seele Geschäftsführerin. Mein erster Job war mit 16 in einem Bioladen in Solingen. Mit 19 folgte die Lehre als Ökolandwirtin auf einem der demeter-Betriebe im Windrather Tal, gefolgt vom Ökolandbaustudium in Witzenhausen. Mich treiben die Neugier und Fragen über Fragen in die Weinlese - einen Bereich im Landbau, den ich bisher nicht kennengelernt habe. Obwohl wir natürlich auch Wein im Laden verkaufen und ich mir selbst mal gern ein Schlückchen genehmige ;).

Als Biolandwirt scheint alles so stimmig. Fruchtfolge, Stickstoffeintrag – klar. Aber wie machen das Dauerkulturen? Wie lange dauert es überhaupt, bis man einen eben gepflanzten Weinstock beernten kann? Welche Schädlinge gibt es? Wie geht man mit Erosion um? Welche Maschinen gibt es im Weinbau? Wie funktioniert ein Familienbetrieb im Weinbau?

Kann ich bei jedem Wetter ernten?

Ich bin in Südafrika geboren, habe in meiner jüngeren Vergangenheit  zwei Jahre in Kapstadt gelebt und dort einige Weingüter in der Stellenbosch-Region bzw. Constantia besichtigt. Wie kann sich ein deutsches Bio-Weingut behaupten bei diesem enormen Druck von internationalem Angebot, welches durch günstige Arbeitskräfte und Sonne satt besticht?

Das Weingut Im Hagenbüchle in Weinstadt-Schnait (Foto: Jessica Maron)
Besonders freue ich mich auf das Ernteerlebnis auf dem Weingut "Im Hagenbüchle". In meiner Lehrzeit hatte ich davon einige und es waren für mich immer sehr erfüllte Momente der gemeinsamen Arbeit. Als Verbraucher ohne Anschluss an einen Hof erlebt man so etwas für gewöhnlich nicht…Ob ich der schweren Arbeit eines Winzers gewachsen bin?

Momentan regnet es viel in NRW. Die Höfe im Windrather Tal haben es schwer. Das Getreide konnte nicht vollständig geerntet werden. Die Kartoffelernte fällt schwer. Aber dennoch gibt es verschiedene Kulturen mit verschiedenen Erntezeitpunkten und Ansprüchen, sodass selten die komplette Ernte ausfällt. Und im Weinbau? Was wenn es verregnet ist? Kann ich bei jedem Wetter ernten? Macht das der Boden mit? Wann weiß ich, ob ein Jahrgang gut war? Kann ich das bei den Trauben vorher schmecken?

Die Ernte ist eine Sache. Aber dann muss noch eingekellert werden und gelagert. Wie lange dauert die Reife? Besonders interessieren mich auch die Piwi Sorten. Regent haben wir auch im Laden vom Weingut Fuchs Jacobus, Steilhang! Wie entscheide ich mich für eine neue Sorte oder eine neuen Weg? Was will der Weinmarkt?

Ob ich in einer Woche alle Fragen beantworten kann? Ich hoffe, ich kann im Anschluss meinen Kunden aus eigener Erfahrung berichten und viele schöne Erinnerungen mit nach Düsseldorf nehmen!

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