Familie Weckmüller (Erich, Karin und Sascha) aus dem Hunsrück hat 2010 auf Bio umgestellt (Fotos: privat)
19.10.2015
Umsteller

"Konventionell können wir uns nicht mehr vorstellen"

Erich Weckmüller hält seine Kühe jahrzehntelang nur im Stall, gibt ihnen Antibiotika, kauft Pflanzenschutzmittel ein - wie man das eben so macht als konventioneller Bauer. Dann stellt die Familie auf Bio um. Seitdem ist alles anders. Von Julia Romlewski

Eigentlich wollte Erich Weckmüller schon vor 30 Jahren Biobauer werden. Dann wurde es doch 2010, bis er sich traute. "Wir hatten früher einfach Angst vor dem Risiko", gibt der 60-Jährige zu. Heute führt er seinen Hof als Bioland-Betrieb - zusammen mit Sohn Sascha. 60 Milchkühe haben sie und hundert Hektar Land - nicht gerade wenig. Darauf lassen sie die Tiere weiden und bauen Weizen, Roggen, Hafer oder Kartoffeln an.

Der Wimmersbacher Hof liegt abgelegen mitten im Hunsrück in Rheinland-Pfalz. Nur der Schulbus fährt dort vorbei und liefert Erich Weckmüllers Enkelin zur Mittagszeit zu Hause ab. Später kommt man ohne Auto nicht mehr weg. Die Weckmüllers sind alteingesessene Hunsrücker. Man hört es dem Seniorchef an, wenn er spricht. In der wievielten Generation sie nun schon ihren Hof haben, kann er aus dem Stegreif nicht sagen. Auf jeden Fall ganz schön lange.

Erich Weckmüller mit seinen Kühen: Jetzt dürfen sie raus
Aber jetzt ist alles anders auf dem Wimmersbacher Hof. Die Kühe grasen auf der Weide. Sie fressen Gras und Bio-Futter und kalben im Freien. Auch gemolken werden die meisten draußen - solange es das Wetter zulässt. Das geht mit einem mobilen Melkstand. "Die Kühe kommen auf Zuruf zum Melken", erzählt Erich Weckmüllers Frau Karin. "Früher standen sie nur im Stall. Jetzt sind sie fröhlicher und viel fitter."

Früher - das war noch vor sechs Jahren. Da steckten sie noch drin im Teufelskreis aus mehr Gewinn über immer höhere Erträge, was wiederum zu niedrigeren Preisen führte. "Als Konventioneller verdient man nur, wenn man Vollgas fährt", sagt Juniorchef Sascha.

Das ist aber der falsche Weg, erkannten die Weckmüllers. "Nach dem schlechten Erntejahr 2009 stand dann fest: Wir stellen um", sagt Erich Weckmüller. "Wir wollten uns damit auch von der Chemie-Industrie abkoppeln." Vater und Sohn hatten einfach keine Lust mehr, jedes Jahr bis zu 30.000 Euro für Pflanzenschutzmittel und Dünger auszugeben. Viel Geld, das man über hohe Ernteerträge erst mal wieder reinholen muss. "In der konventionellen Landwirtschaft sind außerdem die Böden tot", sagt Seniorchef Weckmüller.

Leicht hatten es die Weckmüllers in den ersten Jahren nicht. Vor zwei Jahren brannte der gerade neu gebaute Stall ab, neun Jungrinder kamen im Feuer um, die Feuerwehrleute brauchten zwei Tage zum Löschen. Ein Haufen Hackschnitzel vor dem Stall hatte sich wohl selbst entzündet.

Kühe müssen sich umgewöhnen

Offiziell ist die Umstellungszeit vorbei. Die Weckmüllers können ihre Milch schon längst als Bio-Milch an die Upländer Bauernmolkerei und ihr überschüssiges Futtergetreide als Bio-Futter verkaufen. Auch ein Gewächshaus gibt es inzwischen, und vielleicht macht Karin Weckmüller auch noch einen Hofladen auf.

Manche Kühe werden noch im Stall neben der Wiese gemolken, raus dürfen aber alle
Nur: So ganz haben sich die Kühe noch nicht an die neuen Gegebenheiten angepasst. Familie Weckmüller muss sie behutsam ans Leben im Freien gewöhnen. Erst kommen die Tiere auf eine Fläche neben dem Stall und erst später auf die Weide. Seit die Kühe draußen sind, klappt es mit dem Kalben viel besser, hat Karin Weckmüller festgestellt. Die trächtigen Tiere stehen gerade auf der Wiese gegenüber vom Wohnhaus. So hat Karin Weckmüller sie vom Fenster aus im Blick und kann gleich loslaufen, wenn sie gebraucht wird. 

Auch mit den Feldfrüchten war es anfangs nicht einfach. "Im Ackerbau haben wir zwei Jahre nichts verdient", sagt der 33 Jahre alte Juniorchef. Erst war es zu nass, dann zu trocken. Er musste sich auch erst reindenken in den Biolandbau. Mit den Fruchtfolgen hat er manchmal noch so seine Probleme.

Seit der Umstellung auf Bio hat Sascha Weckmüller wieder mehr Spaß an der Landwirtschaft
Die Kühe geben jetzt auch weniger Milch als früher. Das ist normal für Bio-Kühe, die sich viel bewegen und viel Gras fressen. Weckmüllers Tiere waren aber auch noch nie Hochleistungskühe: 7000 Liter gab jede Kuh früher im Schnitt pro Jahr - das ist nicht besonders viel für einen konventionellen Betrieb. Manche Turbokühe bringen es da schon aufs Doppelte.

Erich Weckmüller tätschelt ein geflecktes Jungrind. Hörner hatten sie schon immer, seine Kühe. Schon vor der Umstellung auf Bio. Klappt das? Es klappt. "Ab und zu müssen wir halt mal einen Unruhestifter aus der Herde nehmen."

Wenn es darum geht, Tiere abzugeben, sind sich Seniorchef und Juniorchef nicht immer einig. Sascha Weckmüller möchte mehr selektieren, um die Züchtung zu verbessern. Hat eine Kuh Euterentzündungen, könnte das erblich sein, fürchtet er. Für Erich Weckmüller ist eine kranke Kuh einfach ein Fall für sein Homöopathiebuch. Er trennt sich ungern von einem seiner Tiere.

Vorbild für andere

Die Homöopathie hat es ihm angetan. Er hat sich eingelesen in die alternative Medizin. Naturheilverfahren sind für Biobauern immer die erste Wahl. Antibiotika dürfen nur ausnahmsweise verabreicht werden - und auf keinen Fall zur reinen Vorbeugung von Krankheiten. Die Weckmüllers wollen ganz ohne Antibiotika auskommen. Erich Weckmüller ist stolz. "Unser Betrieb ist seit fünf Jahren penicillinfrei." Auch kranke Familienmitglieder bekommen Globuli.

Anfangs wurden die Weckmüllers von ihren konventionellen Kollegen belächelt. Inzwischen haben es ihnen einige nachgemacht und ebenfalls auf Bio umgestellt. Es tut sich etwas im Hunsrück.

Die Weckmüllers sind überzeugte Bio-Bauern geworden. Eine Rückkehr zur konventionellen Landwirtschaft kommt für sie nicht infrage. Kühe wieder einsperren - niemals. "Dann hören wir lieber ganz auf", sagt Sascha Weckmüller und klingt sehr entschlossen.

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