Der etwas andere Laden: Food-Coop in Karlsruhe (Foto: Florian Zoll)
06.08.2014
Food-Coops

Der Anti-Supermarkt

Bio, lokal und gemeinschaftlich soll es sein: Immer mehr Menschen möchten selbst über ihre Lebensmittelversorgung entscheiden - und fragen sich: Geht es auch ohne Supermarkt? Ein Besuch bei der Food-Coop Karlsruhe. Von Florian Zoll

Peter Eisenmann ist heute der Pförtner: Er öffnet die alte quietschende Holztür des Ladens, in dem er zweimal die Woche seine Lebensmittel einkauft. Laden ist ein großes Wort. Keller wäre vielleicht ein passenderes. Es ist ein anderes Einkaufen hier. Das merkt man schon, wenn man Peter durch die Tür folgt. Hinter der Tür liegen zwei längliche Räume. Es ist kühl hier unten, das Neonlicht flimmert. Die Wände sind nackter Beton, und abwechselnd grün, rot, gelb gestrichen. Auf dem Boden stehen Eimer mit der Aufschrift "Kompost". Die Einrichtung ist spartanisch. An den Wänden stehen Holzregale; ein abgewetzter Tisch, ein paar Stühle, in einer Ecke ist ein Sofa.

Fein säuberlich sind die Produkte in den Regalen aufgestellt: Nudeln, Reis, Tomatensoße, Aufstriche. Aber auch Tee, Schokolade und Kaffee. Alles in Bio-Qualität. Neben den Grundnahrungsmitteln, haltbaren Produkten und einer kleinen Auswahl an Haushaltsartikeln gibt es noch Frischprodukte, die in grünen Kisten auf einem länglichen Tisch aus Stahl in der Mitte des Raums stehen. Bunt zusammengewürfelt liegt in den Kisten alles was das Food-Coop-Herz begehrt: Fenchel, Sellerie, Rotkohl, Radicchio, Spinat und Salat. Alles scheint weit weg von der standardisierten Warenwelt der Supermärkte.

Was auffällt ist die Ruhe, die der Laden ausstrahlt: Keine Musik-Jingles, keine aufdringlichen Sonderangebotsschilder, und obwohl der Laden sehr klein ist, gibt es kein Gedränge. Auch der Ort des Ladens ist ungewöhnlich: Vorbei an Garagen, die dunkle Treppe hinab, unter einem Atelier für Lichtobjekte. Die Food-Coop Karlsruhe liegt versteckt in einem Hinterhof der Karlsruher Südweststadt. Die Öffnungszeiten sind dienstags- und mittwochabends. Aber wer will, bekommt seinen eigenen Schlüssel und kann jederzeit einkaufen gehen, falls nach einem langen Tag mal wieder keine Tomatensoße im Haus ist.

"Das Menschliche im Mittelpunkt"

Mit dem Einkaufen allein ist es jedoch nicht getan. Alle Mitglieder müssen auch eine Aufgabe übernehmen. Peter hat heute Ladendienst: "Ich schließe den Laden auf und später wieder ab. Außerdem sortiere ich Lebensmittel, beantworte Fragen und führe neue Mitglieder ein", sagt er. "Was suchst du denn?" fragt er Dominik Schreiner, der vor dem leeren Brotregal steht. "Auf dieser Liste kannst du Brot bestellen. Das kommt dann nächste Woche." Auch das ein Gegensatz zum immer vollen Supermarktregal. Das Bestellen von Lebensmitteln läuft bei der Food-Coop Karlsruhe über Listen. Dort tragen die rund 40 Mitglieder jeweils für die nächste Woche im voraus ihr gewünschtes Obst, Gemüse oder Brot ein. Das war zu Beginn eine große Umstellung für Franziska Bergmann. Jetzt sieht sie es positiv: "Man muss sich mehr Gedanken machen über den eigenen Konsum und darüber reflektieren, was für ein Ess-Typ man eigentlich ist."

Jessica Bornhäuser und Peter Eisenmann holen ihr bestelltes Gemüse ab (Foto: Florian Zoll)
Die Motive, aus denen sich die Mitglieder engagieren, sind vielfältig. Franziska Bergmann kommt vor allem, weil es sie stört, dass im Wirrwarr der globalen Lebensmittelproduktion niemand mehr weiß, woher die Lebensmittel eigentlich kommen. "Lokale Initiativen sind mir wichtig, wobei mein Hauptargument Bio ist und dann erst lokal", sagt sie. "Und die Frage, wie man Supermärkte umgehen kann." Jessica Bornhäuser sieht es ähnlich: "Mir ist wichtig, dass ich weiß, wo meine Lebensmittel herkommen. Bei den großen Supermarktketten weiß man das nie so genau."

Die Food-Coop-Mitglieder wissen genau, woher ihr Gemüse und Obst kommt: von zwei Bio-Bauern in der Nähe von Karlsruhe. Damit Salat, Gurke und Tomate aber auch den Weg von den Produzenten zur Food-Coop finden, holt die Gemüsedienstgruppe das bestellte Gemüse und Obst bei einem Bauern ab. "Die Arbeit mache ich gerne", sagt Dominik Schreiner, "mir gefällt der direkte Kontakt zu den Bauern." Der zweite Bauer liefert immer mittwochs direkt. "Für die zwei Bauern wäre es eigentlich einfacher und profitabler, große Mengen an den Naturkosthandel zu verkaufen. Aber die sympathisieren mit uns. Die finden es gut, wenn man sich mit lokalen Bio-Lebensmitteln auseinandersetzt", erzählt Peter Eisenmann.

Obst und Gemüse vom Bio-Bauern aus Karlsruhe (Foto: Florian Zoll)
Waren wie Kaffee oder Schokolade, die nicht regional bezogen werden können, kommen von kleinbäuerlichen Betrieben, die fair-trade-zertifiziert sind. Am besten von kleinen Produktionsgenossen-schaften. Überhaupt steht für die Mitglieder der Wert und nicht der Preis der Lebensmittel im Vordergrund: "Konsum soll ein Geben und Nehmen zwischen den Produzenten und Konsumenten sein", findet Oliver. "Das Menschliche muss wieder mehr im Mittelpunkt stehen."  

"Im Vergleich zum Supermarkt achten Food-Coops darauf, dass nichts verschwendet wird", meint Dominik Schreiner, der gerade seine bestellten Tomaten abwiegt. Aber manchmal bleibt doch etwas liegen: "Ich habe versehentlich ein Kilogramm Spinat bestellt. Das ist mir viel zu viel", sagt Franziska ratlos. "Ich nehme dir gerne die Hälfte ab", antwortet Peter. Nur selten bleiben bestellte Nahrungsmittel abends übrig. Hat doch einmal ein Mitglied zu viel bestellt oder vergessen seinen Spinat abzuholen, schreibt Peter eine E-Mail an alle mit den Dingen, die übrig geblieben sind.

Viele Produkte sind hier billiger

Der soziale Mittelpunkt der Food-Coop ist der runde Tisch, an dem alle Mitglieder ihre Einkäufe von ihrem Guthaben abziehen. Hier kommen sie miteinander ins Gespräch: Wie läuft das mit dem Bestellen noch einmal? Ist etwas übrig? Was machst du beruflich? Die Menschen gehen freundlich miteinander um, sind interessiert aneinander und per Du. Manche bleiben nur kurz, manche eine halbe Stunde. "Mir ist die Gemeinschaft hier in der Food-Coop sehr wichtig", so Franziska. Eine Zeitlang hat sie auch Bio-Kisten bezogen, aber dann wieder Abstand davon genommen. "Die sind doch sehr anonym. Man begegnet dabei niemandem. Und wenn ich arbeite, dann steht die Kiste bei mir zu Hause vor der Türe."

Oliver Kusche beim Einkauf (Foto: Florian Zoll)
Mitglied Jessica ergänzt: "Es ist ein nettes Einkaufen mit einem kleinen Plausch. Das Persönliche steht im Vordergrund, ganz im Gegensatz zum Supermarkt." Die Food-Coop als Gegenmodell vom Supermarkt? Darauf hat Oliver eine einfache Antwort: "Im Gegensatz zum Supermarkt ist das hier eine Gemeinschaft. Hier sind Menschen, die man kennt und gerne sieht. Es macht einfach Spaß, hier zu sein."

Es gibt hier keine Kasse wie im Supermarkt, keine Fußballbildchen, und man kann auch keine Punkte sammeln - das Bezahlen ist auf das Nötigste reduziert und funktioniert komplett bargeldlos: "Jeder hat ein virtuelles Konto. Auf das wird im voraus ein bestimmter Betrag eingezahlt. Der Wert der Waren wird dann beim Abholen abgezogen", erklärt Oliver Kusche. "Außerdem haben wir nur eine sehr geringe Marge, um verdorbene Lebensmittel zu ersetzen." Viele Produkte sind deswegen günstiger als im Supermarkt.

Franziska Bergmann zieht ihre Einkäufe vom eingezahlten Guthaben ab (Foto: Florian Zoll)
Eine Food-Coop bedeutet aber viel Arbeit und Organisationsaufwand: Bestellungen aufgeben, Waren sortieren, Guthabenkonten verwalten, den Laden sauber halten und vieles mehr. Diese Arbeiten erledigen die Mitglieder selbst: "Ohne ehrenamtliches Engagement kann es Food-Coops nicht geben", sagt Oliver Kusche, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Und die Mitglieder der Karlsruher Food-Coop leisten gern ihren persönlichen Beitrag. Peter Eisenmann etwa mag den Ladendienst, das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, das Zusammensein mit den anderen. Am Ende des Tages zieht er zufrieden die quietschende Tür hinter sich zu. Bis nächste Woche.

Was sind Food-Coops?

Food-Coops sind Einkaufsgenossenschaften. Sie haben eine lange Geschichte: Schon im 19. Jahrhundert gründeten Fabrikarbeiter erste Einkaufsgenossenschaften, um sich besser vor hohen Preisen und betrügerischen Abrechnungsmethoden der Händler zu schützen. Ihren Höhepunkt hatten Food-Coops zur Zeit der Weimarer Republik. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden viele Genossenschaften gleichgeschaltet und gingen in anderen Organisationen auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Einkaufsgenossenschaften wieder zu. Einsetzende Konzentrationsprozesse und Zusammenschlüsse führten zu sehr großen Einkaufsgenossenschaften, die sich jedoch nicht am Markt halten konnten. Heute gibt es wieder vermehrt kleine Einkaufsgenossenschaften, die wieder zunehmend Zuspruch finden. Ihnen ist das Unbehagen gegenüber anonymen Wertschöpfungsketten gemein, die auf reiner Profitorientierung basieren. Ihr Ziel ist es, unabhängig von großen Handelsstrukturen Lebensmittel direkt bei den Produzenten und Verarbeitern zu kaufen. In Food-Coop schließen sich Konsumenten zusammen, um ihre Einkäufe direkt bei Bauern und kleinen Verarbeitungsbetrieben zu beziehen. Food-Coops arbeiten nicht gewinnorientiert und haben keine Festangestellten. Zu Beginn jeden Monats überweisen die Mitglieder Geld auf ein Konto, dass ihnen dann gutgeschrieben wird. Wer einkaufen möchte, muss Mitglied sein. Die Mitgliedschaft ist zwar kostenlos, aber jeder muss sich an den Arbeiten beteiligen. Es gibt verschiedene Arbeitsbereiche wie Kasse und Inventur, Kommunikation, Ladendienst, Gemüsedienst oder Einkauf.

 

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