Stroh, Platz, Auslauf im Freien - bei Bio ist das garantiert (Foto: imago/chromorange)
17.01.2017
Kommentar zum geplanten Tierwohllabel

Schlechtes Zeichen für das Tierwohl

Von Gerald Wehde

Christian Schmidt hat sich viel vorgenommen: Zum Vorreiter in Sachen Tierschutz will der Bundeslandwirtschaftsminister Deutschland machen. Dabei hinken wir jetzt schon anderen Ländern hinterher - zum Beispiel Dänemark, einem wichtigen Schweinefleischproduzenten. Derzeit ist leider zu vermuten, dass Schmidts Ankündigungen nichts als leere Versprechen sind. Denn würde Schmidt es ernst meinen, dann hätte er in den letzten Jahren bereits den gesetzlichen Standard angehoben und zwar für alle Nutztiere. Es ist ein Unding, dass es zum Beispiel für Milchkühe, Mastrinder und Puten immer noch keine gesetzliche Haltungsverordnung gibt, die etwa das Platzangebot vorschreibt. Im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes will sich Schmidt nun mit einem staatlichen Tierschutzlabel profilieren.

Dabei setzt er auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Ein freiwilliges Tierwohllabel, das darauf setzt, dass die Kunden mehr zu zahlen bereit sind, wird aber nur unter zwei Voraussetzungen erfolgreich sein. Zum einen muss es bereits in der Einstiegsstufe deutlich mehr bieten als den gesetzlichen Standard. Zum anderen muss eine Fleischkennzeichnung das gesamte Sortiment umfassen, so dass der Verbraucher Fleisch, das nur dem gesetzlichen Mindeststandard entspricht, erkennen und meiden kann. Genau dies macht den Erfolg bei der Kennzeichnung von Käfigeiern aus.

Beides leistet das Label aber nicht. In der Einstiegsstufe des geplanten Labels wird in der Schweinehaltung noch nicht einmal der gesetzliche Mindeststandard eingehalten. Das Kupieren der Ringelschwänze bei Schweinen ist nämlich eigentlich durch die EU seit 2008 verboten. Die Umgehung des Verbots ist gängige Praxis. Ausnahmegenehmigungen sind auf fast allen konventionellen Schweinemastbetrieben die Regel. Das staatliche Tierwohllabel sollen die Betriebe aber trotz Schwänzekupierens bekommen. Und dafür will der Minister viele Millionen Euro Steuergelder für Werbung ausgeben. Ich meine: Dies ist ein Fall für den Rechnungshof. Denn dieses Label bringt nicht das versprochene Tierwohl. Damit nutzt es weder dem Landwirt, der sein Fleisch erst dann besser vermarkten kann, wenn dem Label auch vertraut wird, noch dem Verbraucher, der dadurch kaum tiergerecht erzeugtes Fleisch bekommt. Die Wirkung des Labels ist sogar schädlich: Es legitimiert und verlängert den Status-quo einer untragbaren Tierhaltung in den meisten Schweineställen.

Jeder Verbraucher hat beim Fleischkauf ein Recht, genau zu erfahren, wie das Tier gehalten wurde. Eine vollständige Fleischkennzeichnung mit Einstufung der gängigen Haltungssysteme analog der Konsum-Eier ist der richtige Weg. Nur dann kann der Verbraucher den gesetzlichen Mindeststandard überhaupt erkennen und zu höherwertigem Fleisch oder Biofleisch greifen. Mit Freiwilligkeit ändert sich weder etwas Grundlegendes im Tierschutz noch bei der Transparenz für Verbraucher.

Wer ernsthaft mehr Tierwohl in deutschen Ställen will, muss den gesamten Instrumentenkasten von gesetzlichen Regelungen, klarer Kennzeichnung und gezielter Förderung aufmachen und vor allem die Frage beantworten, wo die jährlich drei bis fünf Milliarden Euro herkommen sollen, die der Umbau der Tierhaltung nach Schätzung des wissenschaftlichen Beirates kosten würde. Denn Mastschweineställe mit mehr Platz und Auslauf sowie die Abschaffung des Kastenstandes in der Sauenhaltung kosten sehr viel Geld.

Schmidt müsste Bauern stärker unterstützen, die deutlich mehr für Tierwohl und Umweltschutz tun. Indem er Stallbauten auf hohem Tierschutzniveau fördert und vor allem mehr Bio pusht - das System mit den höchsten Anforderungen. Verbraucher vertrauen Bio. Warum? Weil es für alle Biobauern verbindliche Regeln auf hohem Niveau gibt, die von staatlich anerkannten Kontrollstellen überprüft werden. Hier gibt es nämlich Gesetze. Wer sich nicht daran hält, wird bestraft. Regeln und Kontrolle schaffen Transparenz und Vertrauen - und ändern etwas am System: Sie verbessern die Tierhaltung und stärken die Mündigkeit der Verbraucher. Der will nämlich verlässliche Informationen - und keine verbratenen Steuergelder für ein paar Flyer, Fähnchen und Luftballons, auf denen ein neues Label klebt.

 

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