Es braucht höhere Ernte-Erträge, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, meint Matin Qaim (Foto: imago)
08.11.2017
Kann Bio die Welt ernähren?

Nein, der Ökolandbau ist nicht das Patentrezept!

Der Ökolandbau ist für viele Menschen in Deutschland Inbegriff für nachhaltige Landwirtschaft. Er wird als grundsätzlich gut für Umwelt, Klima, Tier und Gesundheit wahrgenommen. Das positive Image trägt dazu bei, dass er teilweise auch als Lösung für das Welthungerproblem gesehen wird. Fälschlicherweise. Gastkommentar von Matin Qaim

Könnte der Ökolandbau allein die Welt tatsächlich ernähren? Wäre eine flächendeckende Umstellung der Landwirtschaft möglich und anstrebenswert? Ich beantworte diese Fragen mit einem klaren "Nein". Das heißt nicht, dass die Landwirtschaft nicht umwelt- und klimafreundlicher werden muss. Aber der Ökolandbau ist hierfür nicht das Patentrezept.

Das Hungerproblem

Über Jahrtausende hinweg war die Frage einer ausreichenden Nahrungsverfügbarkeit das zentrale Problem für menschliches Überleben. Noch im frühen 20. Jahrhundert hungerten über 70 Prozent der Weltbevölkerung. Selbst in Europa gehörte Unterernährung zur Tagesordnung, weil die landwirtschaftlichen Erträge niedrig und die Ernteverluste durch Krankheiten und Schädlinge groß waren.

Doch in den letzten hundert Jahren konnte der Hunger in Europa weitgehend ausgerottet werden, und auch anderswo wurde er massiv zurückgedrängt. Heute hungern weltweit nur noch 11 Prozent der Menschen, und das obwohl die Bevölkerung seit Beginn des 20. Jahrhunderts um fast sechs Milliarden angestiegen ist. Hauptgrund für diese enormen Erfolge sind die gesteigerten Erträge durch den Einsatz von Dünger, besseren Sorten, Pflanzenschutz und anderen Agrartechnologien.

Zur Person

Matin Qaim ist Professor für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung an der Universität Göttingen. Er forscht seit über 20 Jahren zu Fragen der Gentechnik und anderer Technologien im Kleinbauernsektor der Entwicklungsländer.

Doch der Hunger ist noch nicht besiegt. Nach wie vor sind über 800 Millionen Menschen unterversorgt, vor allem in Asien und Afrika. Und die Weltbevölkerung wächst weiter. Produktionssteigerungen allein werden nicht reichen, um das Ziel einer Welt ohne Hunger zu verwirklichen. Aber ohne weitere Steigerung wird das Ziel erst recht nicht realisierbar sein. Für eine ausreichende Nahrungsverfügbarkeit wird die globale Agrarproduktion bis 2050 um mindestens 60 Prozent gesteigert werden müssen.

Erträge im Ökolandbau

Die durchschnittlichen Erträge im Ökolandbau sind niedriger als in der konventionellen Landwirtschaft. Meta-Analysen mit weltweiten Daten zeigen Ertragsunterschiede von 20 bis 25 Prozent, mit starker Streuung je nach Situation. Diese Daten unterschätzen allerdings die Ertragslücke, die entstünde, wenn die gesamte Landwirtschaft auf Öko umgestellt würde.

Gute Erträge im Ökolandbau erfordern mehr Wissen und Geschick als im konventionellen Anbau. Viele Studien über Erträge im Ökolandbau stammen von Experimenten, bei denen Agraringenieure optimales Management garantieren. Solche Ergebnisse sind nicht auf die Praxis übertragbar. Selbst bei Studien aus der Praxis können die erreichten Erträge nicht verallgemeinert werden, weil diejenigen Landwirte sich für den Ökolandbau entschieden haben, die hierfür besonders gute Voraussetzungen mitbringen. Bisher wird weltweit nur ein Prozent der Agrarfläche ökologisch bewirtschaftet. So ist kaum davon auszugehen, dass die dort erzielten Erträge auch repräsentativ für die anderen 99 Prozent der Fläche sind.

Hinzu kommt, dass die Ertragslücke im Zeitablauf größer werden wird, weil im Ökolandbau bestimmte Technologien mit großem Steigerungspotential kategorisch ausgeschlossen werden. Beispiele sind die Gentechnik und andere neue Züchtungstechnologien, die Pflanzen robuster gegen Schädlinge und widrige Umwelteinflüsse machen können.

Die Ertragslücke bedeutet, dass im Ökolandbau mehr Fläche benötigt wird, um die gleiche Menge an Nahrung zu produzieren. Zur Befriedigung der steigenden Nachfrage müssten also mehr Wälder abgeholzt und Naturräume in Agrarflächen umgewandelt werden. Das würde zusätzliche Klima-Effekte und weiteren Verlust an Biodiversität nach sich ziehen. Solche indirekten Folgen können die vermeintlichen Umweltvorteile des Ökolandbaus erheblich relativieren und sogar umkehren.

Anpassung im Konsum

Der Fokus auf die Produktion lässt außer Acht, dass auch im Konsum Änderungen nötig sind. Wenn wir zum Beispiel alle weniger Lebensmittel verschwenden würden und Vegetarier wären, könnten mit der gleichen Produktionsmenge wesentlich mehr Menschen ernährt werden. Kann der Ökolandbau die Welt also doch ernähren, auch ohne die Abholzung zusätzlicher Wälder? Und ist das Argument der Ertragslücke weniger gewichtig also oben dargestellt? Theoretisch vielleicht, aber realistisch ist dieses Szenario nicht.

In demokratischen Gesellschaften lassen sich Konsummuster nicht politisch verordnen. Ein gesellschaftliches Umdenken in Richtung nachhaltiger Konsum ist ohne Zweifel wichtig. Aber das ist ein Prozess, der sich erst langfristig auf die globale Nachfrage auswirken wird. In Deutschland beobachten wir zwar einen leicht rückläufigen Fleischkonsum. Aber wenn man den Trend der letzten Jahre fortschreibt, würde es bis 2050 dauern, bis sich der durchschnittliche Konsum halbiert hätte. Und in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist der Trend genau umgekehrt. Wenn arme Menschen schrittweise reicher werden, essen sie mehr tierische Produkte und verbessern so die Qualität ihrer Ernährung.

Um globale Konsumtrends realistisch einschätzen zu können, muss beachtet werden, dass rund 85 Prozent der Weltbevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern leben. Und dort allein findet das weitere Bevölkerungswachstum statt. Wenn die Nachfrage nach Nahrung wächst, ohne dass die Produktion Schritt hält, werden die Preise steigen. Für reiche Menschen ist das zu verkraften, für arme Menschen würde das jedoch zusätzlichen Hunger bedeuten. Natürlich müssen wir in der Wohlstandgesellschaft unseren Konsum kritisch hinterfragen. Aber das allein wird nicht reichen, um die Welternährung sicherzustellen. Eine Steigerung der Produktion wird in jedem Fall nötig sein.

Es gibt auch ein viel banaleres Argument, warum weltweiter Ökolandbau kombiniert mit vegetarischer Ernährung kein realistisches Szenario ist. Um gute Erträge zu liefern, ist der Ökolandbau auf tierischen Dung angewiesen, weil der Einsatz von Mineraldünger verboten ist. Eine Umstellung der Weltlandwirtschaft auf Ökolandbau würde eine massive Ausdehnung der derzeitigen Tierbestände voraussetzen, was bei fehlender Fleischnachfrage unmöglich wäre.

Ökolandbau in Entwicklungsländern

Viele arme und unterernährte Menschen in den Entwicklungsländern sind Kleinbauern. Für diese Menschen zählt nicht nur die Menge der Nahrungsproduktion, sondern auch wie viel Einkommen sie aus der Landwirtschaft erwirtschaften können. Es gibt eine Reihe von Projektbeispielen, die zeigen, dass eine Umstellung auf zertifizierten Ökolandbau sich für Kleinbauern finanziell lohnen kann.

Allerdings lassen sich solche Beispiele nicht auf den gesamten Kleinbauernsektor übertragen. Projekte zur Förderung des Ökolandbaus in Entwicklungsländern beinhalten sehr intensives Training für die Bauern, was auf der Ebene einzelner Dörfer gewährleistet werden kann, aber in größerem Maßstab kaum funktioniert. Zudem ist der Ökolandbau arbeitsintensiver, was viele Bauern abschreckt, insbesondere wenn Arbeitskraft knapp ist. Und schließlich ist die Umstellung finanziell nur dann attraktiv, wenn für Ökoprodukte höhere Preise erzielt werden. Das gelingt dann, wenn Kleinbauern an Exportmärkte angebunden sind oder sie bestimmte Marktnischen für einheimische, städtische Oberschichten beliefern. Über diese Marktnischen hinaus können sich die meisten Verbraucher in den Entwicklungsländern Preisaufschläge für Ökoprodukte schlichtweg nicht leisten.

Fazit

Der Ökolandbau kann die Welt nicht ernähren und ist deswegen kein globales Modell für nachhaltige Landwirtschaft. Dennoch beinhaltet er viele wichtige Aspekte, die es zu fördern gilt. Vielfältigere Fruchtfolgen, höhere organische Bodensubstanz und reduzierter Einsatz schädlicher Inputs sind zentrale Elemente hin zu einer umweltfreundlicheren Produktion. Aber deswegen muss man Chemie und neue Züchtungsmethoden nicht komplett verteufeln. Was wir brauchen ist eine Kombination der besten Elemente und Technologien ohne ideologische Scheuklappen. Nur so kann die Ernährungssicherheit wirklich nachhaltig werden.

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