Bioland-Bauer auf dem Feld: Biolandbau ist die Landwirtschaft der Zukunft (Foto: imago)
08.11.2017
Kann Bio die Welt ernähren?

Ja - denn wir müssen die Welt nicht nur ernähren, sondern auch erhalten!

Das derzeitige System der globalen Landwirtschaft ist ein Irrweg. Es ist nicht nachhaltig. Es ist nicht widerstandsfähig gegen Störungen und gegen Entwicklungen wie den Klimawandel. Und - es ist ungerecht. Gastkommentar von Hans Rudolf Herren

Um den Hunger in der Welt zu besiegen, müssten nicht in erster Linie mehr Kalorien produziert werden, sondern wir müssen sicherstellen, dass die produzierte Nahrung nachhaltig ist und einen besseren Nährwert hat. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern nehmen die Menschen zwar genügend Kalorien zu sich, aber oft zu wenig Vital- und Mineralstoffe. Und gerade in den Schwellenländern grassiert auch zunehmend Übergewicht aufgrund einseitiger Ernährung.

Mit agroökologischen Methoden kann dieses Ziel erreicht werden. Dies zeigt unter anderem eine Langzeitstudie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), die in Indien, Kenia und Bolivien ökologische Anbau-Methoden mit konventionellen verglichen hat. Hinzu kommt, dass eine ökologische Landwirtschaft die Biodiversität erhält, was wesentlich ist, um gegen Klimawandel und Wetterextreme resilienter zu werden.

Zur Person

Hans Rudolf Herren ist Präsident der Stiftung Biovision. Als Vorreiter einer ökologisch geprägten Landwirtschaft wurde er 2013 mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet, dem "Alternativen Nobelpreis". Er hat das Buch "So ernähren wir die Welt" geschrieben.

Von den zugänglichen Daten her ist klar, dass der Biolandbau die Welt sehr gut auf längere Sicht ernähren kann - und muss. Das würde eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft nicht nur in den Industriestaaten bedeuten (auch wenn dies eine kurzfristige Ernte-Einbuße zur Folge hätte, die bei unserer Überproduktion aber zu verkraften wäre), sondern auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern, wo man recht schnell und einfach die Produktion von gesunden Nahrungsmitteln verdoppeln könnte.

Dabei ist das Hauptproblem gar nicht, dass die globale Landwirtschaft viel produktiver werden müsste, um alle Menschen zu ernähren. Die Bäuerinnen und Bauern weltweit produzieren derzeit genug, um sogar 14 Milliarden Menschen zu ernähren. Doch davon landet viel zu wenig tatsächlich auf dem Teller. Laut einer 2013 veröffentlichten Studie der britischen Institution of Mechanical Engineers gehen 30 bis 50 Prozent der für den Verzehr bestimmten Nahrungsmittel verloren.

Weniger Fleisch

Dabei sind die Ursachen je nach Region verschieden: In den Entwicklungsländern liegt es vor allem an ungenügenden Kapazitäten für Lagerung, Verarbeitung und Transport. In den Industrieländern dagegen fällt der Großteil der Verluste in den Haushalten an: Es wird zu viel eingekauft, Reste werden zu wenig verarbeitet oder aufgrund des Verfallsdatums werden Lebensmittel weggeworfen, die eigentlich noch brauchbar wären.

Ein weiterer Faktor in der globalen Ernährungssicherheit ist unser Fleischkonsum. Eine Kalorie aus tierischer Produktion erfordert zwei bis 14 Kalorien an Futtermitteln. Hinsichtlich der Ressourceneffizienz ist ein gewisser Anteil an tierischen Produkten für die menschliche Ernährung sinnvoll - so sind etwa zwei Drittel der weltweiten Agrarfläche ohnehin nur als Gras- und Weideland nutzbar. Aber heute wird die Massentierhaltung übertrieben; unnötigerweise wird ein Drittel der Weltgetreideproduktion an Nutztiere verfüttert. Wenn wir weltweit weniger Fleisch konsumieren würden, stünden mehr Nahrungsmittel für Menschen zur Verfügung.

Dazu kommt, dass die Massenproduktion von Fleisch negative Auswirkungen auf unser Klima hat und der Wasserverbrauch enorm ist. Die für die Landwirtschaft weltweit nutzbare Fläche ist begrenzt. Derzeit stehen rund fünf Milliarden Hektar zur Verfügung. Ein Drittel ist bereits durch Erosion, Versalzung, Verdichtung, Versauerung oder Schadstoffbelastung mehr oder weniger stark degradiert. Jedes Jahr gehen zehn Millionen Hektar durch Erosion verloren. Die riesigen Felder und Monokulturen vernichten die Strukturelemente in der Landschaft und gefährden die Artenvielfalt, und nicht nur der Boden selbst, auch Grundwasser und Oberflächengewässer sind zunehmend mit Pestiziden belastet.

Bereits 2008 kam der Welt-Agrarbericht (pdf) zu dem Ergebnis, dass wir eine in weiten Teilen kleinbäuerlich strukturierte, mit agrarökologischen Methoden arbeitende Landwirtschaft brauchen, um die Menschen zu ernähren und gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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