Artenvielfalt fördern: Die Phacelia wird gern von Insekten angeflogen, sie bietet noch Nahrung, wenn etwa der Raps schon verblüht ist (Foto: Bioland)
17.01.2018
Kommentar zur EU-Agrarpolitik

Die Zeche zahlen wir alle!

Seit Jahrzehnten kennt die europäische Agrarpolitik nur ein Prinzip: die Gießkanne. Der verantwortungsbewusste Bauer hat davon genauso wenig wie der Verbraucher. Höchste Zeit zum Umdenken! Von Gerald Wehde

Rund 55 Milliarden Euro zahlt die EU jährlich an ihre Landwirte - knapp 40 Prozent des gesamten EU-Haushalts. Und der Verbraucher fragt sich: Was hat das mit mir zu tun? Denn: Auf den ersten Blick durchschaut kaum ein Verbraucher die komplexe Welt der EU-Agrarpolitik.

Aber ein zweiter Blick lohnt sich. Denn Umfragen zeigen, dass über 90 Prozent der Verbraucher eine umweltfreundliche Produktion und tierfreundliche Viehhaltung erwarten. Doch das wird von der EU kaum gefördert. Wofür Landwirte aktuell Geld aus Brüssel bekommen, das ist genau das Gegenteil: 75 Prozent der Agrargelder werden pauschal über Flächenprämien verteilt - ohne Vorgaben für Umwelt und Tierschutz. Diese Gießkannenförderung treibt die Pacht- und Bodenpreise für Land immer höher und nützt Bodenspekulanten. Zum Schaden der aktiven Bauern, die die Fördergelder an den Landbesitzer weitergeben müssen, sonst verpachtet er an einen anderen. Zunehmend kaufen Großinvestoren deshalb Agrarland und große Agrarbetriebe auf.

Industrialisierung der Landwirtschaft und Massentierhaltung liefern zwar scheinbar billige Lebensmittel. Denn deren wahren Preis zahlen die Verbraucher an anderer Stelle - über Steuern und Abgaben. Mit im Schnitt mehr als hundert Euro jährlich muss jeder über Steuern die EU-Agrarsubventionen mit finanzieren; zusätzlich werden wir aber natürlich auch für die Folgekosten einer umweltschädlichen Landwirtschaft zur Kasse gebeten.

Das merken wir dann etwa an einer höheren Wasserrechnung. Denn mit unseren Abgaben müssen wir auch die Reinigung der  Gewässer von Nitrat und Pestiziden zahlen. Oder einen höheren Krankenkassenbeitrag, weil die Resistenzbildung gefährlicher Keime durch den viel zu hohen Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung gefährlich zugenommen hat. Natürlich bezahlen wir auch mit unserer Gesundheit oder dem Verlust der Artenvielfalt.

Doch warum ändert sich seit Jahrzehnten so wenig an der EU-Förderpolitik? Auch für die jetzt anstehenden Entscheidungen verweigern der Bauernverband und der noch amtierende Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) eine zukunftsfähige Agrarreform. Ein wichtiger Grund sind die Interessen der Ernährungsindustrie. Bauern sollen billige Massen-Rohstoffe liefern, damit die Industrie international konkurrenzfähig bleibt und immer mehr Milch sowie Schweine- und Geflügelprodukte in die Welt exportieren kann - auf Kosten von Umwelt, Natur und Tierwohl hierzulande.

Ich meine: Mit unseren Steuergeldern müssen wir sinnvoll steuern. Dafür muss die EU-Agrarpolitik neue Wege einschlagen. Mit 55 Milliarden Euro jährlich kann man viel bewirken. Damit können wir Landwirtschaft in unserem Sinne gestalten und diejenigen Landwirte honorieren, die sauberes Wasser und eine hohe Artenvielfalt sicherstellen, Klima- und Tierschutz auf höchstem Niveau betreiben und so wertvolle Lebensmittel erzeugen. Eine Politik zum Wohle der Menschen, der Tiere und der Natur. Und genau das wollen die Verbraucher.

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