Gegen Ackergifte gehen immer wieder Demonstranten auf die Straße (Foto: Imago)
23.04.2018
EU vor der Entscheidung

Bienenkiller verbieten!

Lange hat die EU geschlafen. Jetzt haben die Mitgliedsstaaten die – vielleicht letzte – Chance, dem Bienensterben Einhalt zu gebieten. Neonics müssen vom Markt – und zwar alle. Von Marta Fröhlich

Geschwindigkeit ist alles – das wissen auch die Bienen. Wer trödelt, verliert. Was für die Insekten klar ist, scheint noch nicht bei der Europäischen Union angekommen zu sein. Die EU-Kommission lässt sich nicht hetzen, wenn es darum geht, sterbende Bienenvölker zu retten, indem sie den Einsatz der hochgiftigen Neonikotinoide verbietet.

Seit Jahren belegt Studie um Studie, dass diese Pestizide für das Bienensterben mitverantwortlich sind. So zeigen Untersuchungen, dass die Wirkstoffe die Orientierung stören und die Tiere den Bienenstock nicht mehr wiederfinden. Auch konnten Wissenschaftler nachweisen, dass die Sammelaktivität sowie die für Bienen extrem wichtige Tanzkommunikation Schaden nehmen können. Sogar für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) besteht kein Zweifel mehr an der letztendlich tödlichen Wirkung der sogenannten Neonics.

Mehr als nur ein Science-Fiction-Szenario

Folgen, die das massenhafte Töten der nützlichen Insekten haben kann, sind bereits heute in Asien zu beobachten. Schon jetzt müssen dort mit technischen Hilfsmitteln oder gar durch Menschenhand Pflanzen bestäubt werden, um die Bevölkerung zu ernähren. Nein, das ist längst kein Science-Fiction-Szenario mehr – das ist Wirklichkeit. Bald auch in Europa?

Seit zehn Jahren debattiert, diskutiert und delegiert die europäische Politik das Problem des Bienensterbens, schiebt die Entscheidung eines Totalverbots der Bienenkiller vor sich her. Nachdem das erste Teilverbot in Deutschland bereits 2008 umgesetzt wurde, wird jetzt – zehn Jahre und Milliarden toter Bienen später – die EU wach und lässt ihre Mitglieder am 27. April entscheiden, ob sie denn überhaupt ein Freilandverbot für den Einsatz bestimmter Neonics haben wollen.

Löchriges Zulassungssystem für Pestizide

Doch das wird nicht reichen. Die Neonics sind nur ein Symptom für ein löchriges Zulassungssystem für Pestizide. Auf großen Druck der Industrie, allen voran des Pestizidherstellers Bayer, wurden Pflanzenschutzcocktails mit einem ordentlichen Schuss Neonics auf den Markt gespült, ohne diese vorher ausreichend unter die Lupe zu nehmen. Weder die Konsequenzen für Flora und Fauna noch die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus wurden hinreichend untersucht. So konnten Neonics über Jahrzehnte auf die Äcker ausgebracht werden.Und nun stehen wir nachweislich vor großen Schäden an der Natur. Denn Neonikotinoide schaden nicht nur Honig- und Wildbienen. Auch Schmetterlinge, Käfer, Ameisen und Regenwürmer leiden darunter Die Pestizidlobby verharmlost diese Folgen natürlich und leugnet die tödliche Wirkung ihrer Cash Cow.

Erinnerungen an DDT

Die Geschichte um die Neonics weckt Erinnerungen an ein anderes Ackergift. Seit den Vierzigern sah man in dem Insektizid DDT das Allheilmittel gegen Fraßschäden. DDT wurde zum meistverwendeten Insektizid – mit verheerenden Folgen, wie man heute weiß. Der Wirkstoff wurde im Trinkwasser, in Fischen, ja sogar in Muttermilch nachgewiesen. Studien weisen darauf hin, dass der Stoff krebserregend und hormonell wirksam sein kann.

Auch beim DDT wurden lange die enorme Wirkung und die einfache Herstellung des Pestizids in den Himmel gelobt, bis das Ökosystem in Gefahr geriet und selbst der Mensch Schäden davontrug. DDT mutierte vom Wundermittel zum Teufelszeug. Erst dann griff die Politik ein und verbot das Pflanzengift zum größten Teil.

Aber offensichtlich haben die Zulassungsbehörden aus der Geschichte nicht gelernt. Was sie einst auf die Felder losließen, müssen sie nun wieder stoppen. Auch Deutschland hat eine Stimme. Die neue Agrarministerin Julia Klöckner konstatierte bereits kühn: „Was für Bienen Gift ist, muss vom Acker!“ Am 27. April hat sie die Chance, Wort zu halten und für ein Freilandverbot von drei Neonics zu stimmen. Das kann aber nur ein erster Schritt sein. Bioland fordert ein Komplettverbot aller Neonikotinoide. Sonst geht das Massensterben weiter.

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