Zwei Generationen von Biobauern: Christian Krupp (links) und Dirk Liedmann (Fotos: privat)
13.02.2018
Bio gestern und heute

"Stolz auf das, was wir geschaffen haben"

Es war noch in den Achtzigern, als Dirk Liedmann Biobauer wurde. Heute ist längst schon die zweite Generation am Ruder, Landwirte wie Christian Krupp. Was ihre Erfahrungen angeht, trennen die beiden Welten. Aber nicht nur. Ein Gespräch.

IM FOKUS: Herr Liedmann, Ihr junger Kollege hier wird demnächst den elterlichen Bioland-Betrieb übernehmen. Wie war das vor 30 Jahren, als Sie Biobauer wurden?

Liedmann: Ich konnte auf gar nichts aufbauen, als ich mit Anfang 20 anfing. Ich hatte nur meinen Dickkopf, einen grünen Daumen und den Wunsch, etwas besser zu machen. Landwirt wollte ich schon als kleiner Junge werden, aber ich kam nicht aus einer Bauernfamilie und hatte keine landwirtschaftliche Ausbildung. Das Kapital für den Quereinstieg habe ich mir geliehen. Es ging dann mit 1,5 Hektar los.

IM FOKUS: Und warum gerade Bio?

Liedmann: Das war für mich ganz klar: Wenn Landwirt, dann Biolandwirt. Auf Antiatomkraftdemos in NRW sah ich immer diese Biobauern mit ihren Trekkern an vorderster Front. Das hat mich sehr beeindruckt. Bei Bioland bin ich dann gelandet, weil die Bauern, die ich traf, so offen und herzlich waren.

Dirk Liedmann

Dirk Liedmann (51) bewirtschaftet zusammen mit einem Partner den Bioland-Hof Kornkammer Haus-Holte in Witten. Mitten im Ruhrgebiet baut er seit 30 Jahren Bio-Kartoffeln und Bio-Getreide an. So lange ist er auch schon bei Bioland und hat den Verband mit aufgebaut. Eigenes Land gehört ihm kaum, seine 270 Hektar sind fast komplett gepachtet.

IM FOKUS: Hätten Sie gedacht, dass es mal 27.000 Biobauern in Deutschland geben würde - Tendenz steigend?

Liedmann: Ich bin sogar davon ausgegangen, dass es heute fast nur noch Biobauern geben würde. Ich glaubte an die Vernunft der Leute.

IM FOKUS: Herr Krupp, Ihre Eltern haben vor 16 Jahren auf Biolandwirtschaft umgestellt. Ist Bio auch für Sie selbstverständlich?

Christian Krupp

Christian Krupp (30) will demnächst den Bioland-Betrieb seiner Eltern übernehmen - das Schlossgut Pillingen in Perl im Saarland. Familie Krupp stellte den Hof vor 16 Jahren auf Bio um. Seit 2015 ist sie bei Bioland. Christian Krupp hält Mastrinder und Schweine und baut Getreide an. Ein Großteil der 143 Hektar Land besteht aus Weideland und Wald.

Krupp: Ja, auch wenn es keine Ökoförderung mehr gäbe, würde ich dabei bleiben, weil ich überzeugt von Bio bin. Bei meinen Eltern waren aber tatsächlich noch die Subventionen ausschlaggebend.

IM FOKUS: Sind Sie ein bisschen neidisch auf die junge Generation, Herr Liedmann? Sie kann auf so vieles aufbauen.

Liedmann: Überhaupt nicht. Ich bin stolz auf das, was wir für die nächste Generation als Basis geschaffen haben. Genau das wollten wir ja erreichen: Der Welt zeigen, dass Bio funktioniert.

IM FOKUS: Eine Bezeichnung, die damals noch nicht einmal geschützt war.

Liedmann: Das stimmt. Und auch die Kontrolle der Bioland-Richtlinien haben wir damals selbst übernommen. Das war anfangs mehr so eine Art soziale Kontrolle untereinander. Aber die Biopreise waren sehr gut, weil sich Angebot und Nachfrage die Waage hielten. Eigentlich war das ein Schlaraffenland für uns. 

So sah es bei Dirk Liedmann früher aus (Fotos: privat)

IM FOKUS: Klingt auch nach ziemlich viel Freiheit, Dinge auszuprobieren.

Liedmann: Auf jeden Fall! Es war alles noch nicht so reglementiert durch Richtlinien und die EU-Ökoverordnung, die ja für alle Biobauern in der EU gilt. Heute befinden sich die Landwirte in einem sehr engen Korsett.

IM FOKUS: Sie mussten bestimmt auch viel improvisieren.

Liedmann: Klar. Nach den Bioland-Gruppentreffen habe ich auf dem Parkplatz mit anderen Bioland-Bauern Produkte ausgetauscht, Gemüse gegen Würstchen und so - wie auf dem Basar. Und meine Feldarbeiter hab ich abends in meiner Stammkneipe rekrutiert. Meistens haben sie nach zwei Tagen wieder aufgegeben, weil sie Rückenschmerzen bekamen, und ich musste mir neue suchen.

IM FOKUS: Was ist seither besser geworden?

Liedmann: Heute läuft alles viel routinierter ab, und ich muss nicht mehr schauen, wie ich meine Produkte vermarkten kann. Früher hat man etwas angebaut und wusste gar nicht, ob man es verkaufen würde.

Krupp: Die Vermarktung ist heute wirklich kein Problem mehr. Es ist fast egal, was man produziert, es wird einem aus den Händen gerissen. Trotzdem fühle ich mich als Junior auf dem Hof ähnlich wie Dirk vor 30 Jahren. Da ist schon viel Ausprobieren dabei, Nervenkitzel und Bangen um jede angebaute Kultur. Wenn ich Anfang November bei Minusgraden noch meinen letzten Dinkel säe, sind die konventionellen Kollegen schon seit Wochen fertig und staunen über mich. Das kann schon nervös machen. Vor allem, wenn sich dann bis Ende Januar noch kein Pflänzchen blicken lässt.

Viel Grünland, viel Wald: Das Schlossgut Pillingen - Krupps Heimat (Foto: privat)

Liedmann: Das wird sich auch bei dir ändern. Die Gelassenheit kommt!

IM FOKUS: Was sind Ihre Netzwerke?

Liedmann: Ich arbeite zum Beispiel eng mit Universitäten zusammen. Wir machen nicht nur Sortenversuche, auch Bodenprojekte und Vergleiche zwischen Konventionell und Bio. Ich mache viel aus dem Gefühl heraus richtig, möchte manches aber auch wissenschaftlich erklärt haben. Mit vielen Kollegen bin ich auch eng befreundet. Manche Probleme verstehen nur die Kollegen. Dass ich zum Beispiel nur im Winter in Urlaub fahren kann. Und dass mir eigentlich auch nichts fehlt.

IM FOKUS: Von welchen Forschungsergebnissen konnten Sie denn persönlich profitieren?

Kartoffeln baut Liedmann immer noch an (Foto: privat)
Liedmann: Ich hatte früher zum Beispiel einen ganz leichten Humusabbau durch den Kartoffelanbau. Durch längere und etwas andere Fruchtfolgen kam ich da wieder deutlich ins Plus. Wenn man jedes Jahr 30 Kilo Humus verliert, merkt man das selbst gar nicht groß. Aber ich sehe das langfristig und möchte den nächsten Generationen guten Boden hinterlassen. Nur auf Kunstdünger zu verzichten reicht eben nicht. Auch ein Biobauer kann seinen Boden über die Jahre hinweg kaputt wirtschaften.

Krupp: Ich habe am Anfang auf das alte Wissen meines Opas zurückgegriffen. Und ich hab mir Tipps von einem Nachbarn geholt. Seit 2015 sind wir bei Bioland, und seitdem sind die Bioland-Regionalgruppe und eine Fachgruppe für Rindermäster meine ersten Ansprechpartner. Mein Geografiestudium nützt mir auch sehr, wenn es um Bodenfragen geht.

IM FOKUS: Geografiestudium? Sie haben doch schon mit 16 den Hof geschmissen.

Krupp: Es war zunächst nicht klar, ob der Hof zum Leben reichen würde. Darum habe ich auf Lehramt studiert, um nebenbei Zeit für die Landwirtschaft zu haben. Nach dem Studium hab ich mich dann doch entschieden, Vollerwerbslandwirt zu werden und habe meinen Meister gemacht.

IM FOKUS: Und reicht es zum Leben?

Krupp: Die konventionellen Bauern drehen ein riesiges Umsatzrad, haben davon aber persönlich nichts. So ging es uns auf dem Hof in den neunziger Jahren auch. Jetzt habe ich den Umsatz halbiert und erwirtschafte trotzdem ein Familieneinkommen mit dem Biolandbau.

Liedmann: Das ist ein wichtiger Punkt. Bio und Ertrag schließen sich nämlich nicht aus. Meine konventionellen Kollegen ernten zehn Tonnen Weizen und ich im Schnitt sechseinhalb, das kann sich sehen lassen. Da wird mancher Kollege schon nachdenklich. Wir müssen zeigen, dass Bio sich lohnt und flächendeckend weltweit möglich ist.

Krupp: Ich bin auch davon überzeugt, dass wir die Welt ökologisch besser ernähren können. Wir müssen das in Europa vormachen.

IM FOKUS: Sie sind die zweite Biobauerngeneration. Was wollen Sie anders machen als Ihre Eltern?

Krupp: Mein Vater hatte sich auf die Fleischrinderhaltung spezialisiert. Das ging wegen der BSE-Krise Ende der neunziger Jahre dann voll in die Hose. Ich habe deswegen lieber mehrere Standbeine. Seit Kurzem halten wir auch Schweine.

Krupps Rinder freuen sich über Auslauf (Foto: privat)

IM FOKUS: Die Erwartungen der Verbraucher an die Biobauern sind sehr hoch. Wie ist das, wenn man mit solchen Idealbildern konfrontiert wird?

Krupp: Bei uns liegen die Schweine alle auf Stroh, und die Kühe kommen im Sommer auf die Weide. Und ich halte mir zehn Hühner für mein Frühstücksei, das ist mein Hobby. Also mein Biobauernhof kommt den romantischen Vorstellungen der Verbraucher schon näher als ein Betrieb mit Intensivtierhaltung.

Liedmann: Wir hätten es natürlich alle gerne so, wie es auf den Milchpackungen aussieht. Aber liebe Leute, ihr könnt doch nicht alle in einer Hightech-Gesellschaft leben, und wir Bauern sollen euch Romantik bieten. Wenn, dann müssen das alle leben. Dann pflüge ich auch wieder mit dem Pferd.

Die Fragen stellte Julia Schreiner

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