Gibt es in einem Gebiet zu viele Monokulturen, wie hier aus Mais, kann der Boden das Wasser kaum speichern und es kommt zu Schlammlawinen (Foto: Magdalena Fröhlich)
26.09.2016
Interview mit Agrarwissenschaftler

Vielfalt und gesunde Böden sind fürs Klima nicht egal

Keine chemisch-synthetischen Pestizide, kein künstlicher Stickstoffdünger - das sind auf dem Acker die Hauptaspekte des Biolandbaus. Aber ist das relevant fürs Klima? Und ist Bio überhaupt besser, wenn doch weniger geerntet wird? Andreas Gattinger hat das untersucht.

IM FOKUS: In Bezug auf den Klimaschutz: Was kann Bio, was der konventionelle Landbau nicht kann?

Gattinger: In zwei Meta-Analysen haben wir herausgefunden, dass die Lachgas-Emissionen auf dem Acker durch weniger Dünger im Biolandbau weitaus geringer sind und zudem die Kohlenstoffspeicherung im Boden erhöht ist. Dies liegt vor allem an dem niedrigeren Düngungsniveau im Biolandbau, an den Fruchtfolgen mit Futterleguminosen und Verwendung von hofeigenem Dünger. Das wiederum führt dazu, dass mehr Humus aufgebaut wird. Höfe, die auf Bio umstellen, bauen tendenziell mehr davon auf und speichern somit mehr Kohlenstoff als vorher. Auch die Rückfuhr von Recyclingdüngern aus kommunalen Kompostierungsanlagen ist im Biolandbau stärker verankert. Man nimmt also Stickstoff, der schon vorhanden ist, und führt keinen künstlich hergestellten hinzu. Das ist das Prinzip der Kreislaufwirtschaft. Nur bei Bedarf wird Dünger zugekauft - und der muss dann organisch sein. Synthetischer Stickstoffdünger ist verboten. Sowohl bei dessen Herstellung als auch beim Aufbringen entstehen Emissionen, dazu wird oftmals mehr verwendet, als die Pflanzen aufnehmen können.

Zur Person:

Andreas Gattinger leitet seit 2010 den Fachbereich Klima am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Zuvor arbeitete er an der technischen Universität München sowie am Helmholtz Zentrum München. Er hat an der Universität Kassel den Diplomstudiengang Organic Agriculture absolviert, nachdem er eine Ausbildung zum Chemielaboranten gemacht hat.

www.fibl.org

IM FOKUS: Dass Agrochemie wie künstlicher Dünger und chemisch-synthetische Pestizide schlecht für die Umwelt sind, weil sie die Artenvielfalt gefährden, ist klar. Haben sie auch Auswirkungen aufs Klima?

Gattinger: Fürs Klima ist der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden weitgehend irrelevant, da dadurch kaum Emissionen entstehen. Andererseits spielen die Kohlendioxid- und Lachgas-Emissionen zur Herstellung von künstlichem Stickstoffdünger schon eine Rolle. Die Produktion ist ja weitgehend erdölbasiert.

IM FOKUS: Und die Artenvielfalt - ist die dem Klima egal?

Gattinger: Nein, aber da muss ich etwas ausholen: Nehmen wir mal die Kompostierung. Das reduziert die Methanemissionen gegenüber der Festmistlagerung. Klar, wenn ich das aufs Feld ausbringe, entstehen Emissionen, aber: Diese regen das Bodenleben an. Ich habe also mehr Mikroorganismen und Bodentiere, die dafür sorgen, dass der Boden gut durchlockert ist. So kann der Boden nicht nur mehr Wasser aufnehmen, sondern auch für mehr Grundwasserbildung sorgen. Ein weiteres Beispiel: Im sogenannten Jena-Experiments wurde gezeigt, dass je höher die Pflanzenvielfalt ist, desto mehr Kohlenstoff kann der Boden speichern.

IM FOKUS: Ein Gegenargument lautet, dass Bio weniger Ertrag bringt. Auf der gleichen Fläche könnte man also mehr ernten und würde somit das Klima schonen, da man ja zum Beispiel weniger Strecke mit dem Trekker zurücklegt. Was ist da dran?

Gattinger: Ja, im Schnitt macht die Lücke 25 Prozent aus. Bei Weizen in manchen Hochertragsregionen sind es auch gerne mal 50 Prozent, bei Futterleguminosen wie Ackerbohne und Kleegras ist der Ertrag in etwa gleich. Auf den ersten Blick verhagelt dieses Ernteminus die Klimabilanz des Ökolandbaus. In einem Langzeitfeldversuch in der Schweiz haben wir aber kürzlich festgestellt, dass die Treibhausgas-Emissionen pro Hektar auf den Bio-Parzellen so gering waren, dass sie im Bezug aufs Klima besser abschnitten - obwohl weniger geerntet wurde. Und dann darf man ja nicht nur auf den Kornertrag schauen: Man spart ja viel Geld, wenn man die Ökosystemdienstleistungen im Biolandbau betrachtet - wo wir wieder beim Hochwasserschutz wären.

IM FOKUS: Kommen wir mal vom Feld in den Stall. Ein Beispiel sind ja immer die Kühe, die durch ihre Methanausscheidungen schädliche Klimagase produzieren. Andererseits spielen Wiederkäuer im Ökolandbau eine wichtige Rolle: Als Düngerlieferant und zur Landschaftspflege.

Gattinger: Die Wiederkäuer an sich sind nicht schuld an den hohen Methan-Emissionen, es ist unsere Art der Lebensmittelerzeugung: Die Kühe werden neben Gras auch mit Körnern gefüttert - man nutzt also Ackerflächen, auf denen man auch Lebensmittel anbauen könnte. Und Kraftfuttererzeugung verursacht natürlich Energie und Emissionen, was eine Ressourcenverschwendung darstellt, wenn die Ration zu wenig ausgewogen und die Lebensleistung der Kühe zudem beeinträchtigt wird. Der Biolandbau stellt sich dieser Problematik, indem er eine bestimmte Menge an Raufutter, also Gras und Heu, vorschreibt.

IM FOKUS: Schweine und Geflügel können sich aber nicht nur von Heu und Gras ernähren.

Gattinger: Wollen wir Nutztiere ökologisch füttern und halten, heißt das geringere Tierbestände an Schwein und Geflügel. Und wir müssen unseren Fleischkonsum immens herunterschrauben, um Dauergrünland für die Wiederkäuer und Ackerflächen für die menschliche Ernährung zu sichern.

IM FOKUS: In der Politik wird gerade der Klimaschutzplan diskutiert, der die Vorgaben der letzten Weltklimakonferenz in Paris umsetzen soll. Meist wird als verbindliches Ziel mindestens 20 Prozent Ökolandbau gefordert. Um wie viel Prozent würde sich dann die Treibhausgasbilanz in der Landwirtschaft verbessern?

Gattinger: Da gibt es keine eindeutige Antwort. Es kommt ja darauf an, welche Betriebe umstellen - also solche mit Vieh oder eher solche ohne, welche mit viel Dauergrünland und so weiter. Und dann kommt es ja auch immer noch auf den Bauern an - wie geht der mit Ressourcen um?

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

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