An der Milch scheiden sich die Geister (Foto: imago)
02.01.2018
Interview mit Ernährungsexperte

"Milchtrinker hatten evolutionär einen Vorteil"

Lange galt sie als das gesunde Lebensmittel schlechthin, inzwischen ist Milch bei manchem in Verruf geraten. Milch mache krank, behaupten Kritiker. Wir haben den Ernährungsexperten Bernhard Watzl gefragt.

IM FOKUS: Herr Watzl, haben Sie heute schon Milchprodukte gegessen?

Bernhard Watzl: Ich esse zum Frühstück immer Müsli mit Buttermilch und Joghurt. Und heute Abend werde ich sicher noch etwas Käse essen.

IM FOKUS: In der Schule haben wir gelernt, dass Milch stark und gesund macht. Nun gibt es aber auch kritische Stimmen, die das Gegenteil behaupten. Was sagen Sie dazu?

Zur Person

Bernhard Watzl ist Ernährungswissenschaftler am Max-Rubner-Institut und leitet dort das Institut für Physiologie und Biochemie der Ernährung. Er ist außerdem Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Watzl: Es gibt diverse Studien, die einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Krankheiten wie Diabetes oder Krebs untersucht haben. Dabei werden die Ernährungsgewohnheiten vieler gesunder Menschen dokumentiert. Jahre später wird geschaut, wie sich diejenigen Menschen, die erkrankt sind, ernährt haben im Vergleich zu Menschen mit vergleichbarem Lebensstil, welche nicht erkrankt sind.

IM FOKUS: Und was hat man herausgefunden? Ist Milch schuld an Diabetes oder Krebs?

Watzl: Nein, in Maßen senkt Milch sogar das Risiko, an Diabetes zu erkranken oder Probleme mit Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Krankheiten zu bekommen. Und Milchprodukte schützen auch vor Dickdarmkrebs. Allerdings haben Männer, die sehr viel Milch und Käse zu sich nehmen, ein etwas höheres Risiko an Prostatakrebs zu erkranken. Das ist aber auch schon das einzige negative Studienergebnis.

IM FOKUS: Das heißt, Männer sollten etwas vorsichtiger beim Milchkonsum sein?

Watzl: Na ja, sie müssen schon jeden Tag mehr als einen Liter Milch oder mehr als 120 Gramm Hartkäse essen, damit es ungesund werden könnte. Davon sind die meisten Erwachsenen weit entfernt.

IM FOKUS: Warum soll Milch gut sein für den Dickdarm, aber schlecht für die Prostata?

Watzl: Der Schutz vor Dickdarmkrebs hat wahrscheinlich mit dem Kalzium in der Milch zu tun. Es wird diskutiert, dass sekundäre Gallensäuren für Dickdarmkrebs mitverantwortlich sind, und Kalzium neutralisiert diese Säuren. Wer Milch und Milchprodukte konsumiert, hat viel Kalzium im Darm, weil 60 bis 70 Prozent des Kalziums gar nicht aufgenommen, sondern über den Darm wieder ausgeschieden werden. Welche Inhaltsstoffe verantwortlich für ein erhöhtes Prostatakrebsrisiko sind, ist nicht bekannt.

IM FOKUS: Ist Milch ein Kalziumfresser, wie man oft hört?

Watzl: Nein. Wenn viel tierisches Eiweiß aufgenommen wird, wird vermehrt Kalzium über den Urin ausgeschieden. Gleichzeitig erfolgt unter diesen Bedingungen eine höhere Aufnahme von Kalzium aus dem Darm. Netto ist die Kalziumbilanz auf keinen Fall negativ.

IM FOKUS: In Milch sollen auch Hormone enthalten sein, vor allem, wenn die Kuh trächtig ist. Dann können die Progesteronwerte, also die Gelbkörperhormone, in der Milch um das Zehnfache steigen. Was weiß man darüber?

Watzl: Diese Hormone sind ganz klar in der Milch und zum Teil noch in weiterverarbeiteten Produkten enthalten. Allerdings muss man berücksichtigen, wie viel wirklich über den Darm aufgenommen wird. Im Verhältnis zu den Hormonen, die der Körper selbst produziert, nehmen wir nur extrem kleine Mengen über die Nahrung auf. Es gibt noch weitere Hormone in der Milch, wie das Hormon IGF, ein insulinähnlicher Wachstumsfaktor, von dem Milchtrinker etwas mehr im Blut haben. Es gibt aber keine Hinweise, dass höhere IGF-Werte mit einem erhöhten Risiko für Krebs im Zusammenhang stehen.

IM FOKUS: Milch soll auch gut für die Knochen sein, weil reich an Kalzium. Warum haben dann Europäer mehr Probleme mit Osteoporose als etwa Asiaten, die traditionell kaum Milch trinken?

Watzl: Milch schützt im Alter nicht vor Knochenschwund. Sie hilft aber in jungen Jahren durch ihren Kalziumreichtum die Knochen aufzubauen. Von einer hohen Knochendichte in der Jugend zehrt man später noch. Im höheren Alter wird die Knochendichte durch Bewegung, ausreichend Vitamin D und eine phosphatarme Ernährung gefördert.

IM FOKUS: Also liegt es einfach am westlichen Lebensstil und dem Bewegungsmangel?

Watzl: Genau!

IM FOKUS: Kann man Kinder ohne Milch großziehen?

Watzl: Früher galt das als undenkbar. Man kann auch ohne Milch gesund leben. Das gilt auch für Kinder. Dazu gibt es inzwischen klare Stellungnahmen von verschiedenen Institutionen. Die Eltern müssen darauf achten, dass die Kinder genug pflanzliches Eiweiß und Kalzium aufnehmen – etwa über mit Kalzium angereicherten Orangensaft oder Sojamilch mit Kalzium.

IM FOKUS: Aber kaum etwas soll die Evolution des Menschen in den letzten zehntausend Jahren so stark gefördert haben wie Milch und Käse.

Watzl: Ja, das zeigt sich auch daran, dass an unterschiedlichen Orten der Welt Genmutationen auftraten, die dazu geführt haben, dass Menschen auch im Erwachsenenalter Milchzucker verdauen können. Nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika oder Indien. Die Menschen mit Laktosetoleranz hatten offensichtlich einen evolutionären Vorteil gegenüber den Laktose-intoleranten Menschen.

IM FOKUS: Trotzdem ist Laktose-Intoleranz weltweit gesehen immer noch der Normalzustand. Dann ist da noch die Sache mit dem fremden Genmaterial. Kann Milchkonsum unsere Gene verändern? Genmaterial von der Kuh soll mehr als 11.000 unserer Gene beeinflussen können.

Watzl: Menschen, Tiere und Pflanzen - alle produzieren Mikro-RNA. Die brauchen wir, um unseren Stoffwechsel zu regulieren. Wenn wir nun Getreide oder Käse essen, nehmen wir fremde Mikro-RNA auf. Die Frage ist nun, wie diese genetischen Bausteine in unserem Körper wirken. Damit beschäftigt sich die Forschung gerade. Das ist aber keine milchspezifische Frage. Negative Ergebnisse erwarte ich für die Milch keine, wir trinken sie ja schon seit Jahrtausenden.

IM FOKUS: Macht Milch dick und pickelig?

Watzl: Wir haben eher Hinweise, dass Vollmilch im Vergleich zu fettarmen Varianten dabei hilft, das Gewicht zu halten. Warum, weiß man nicht genau. Das Thema Akne und Milch ist kaum erforscht. Jugendlichen mit Akne wird bisweilen empfohlen, auf Milchprodukte zu verzichten. Milch allein verursacht wohl keine Akne. Wenn aber viel tierisches Eiweiß, Zucker und Fett aufgenommen werden, könnte dies die Entstehung von Hautproblemen wie Akne begünstigen.

IM FOKUS: Milchkritiker glauben auch, dass Milchproteine Sekundärallergien auslösen können. Was sagen Sie dazu?

Watzl: Es gibt keine Studien, welche diese Behauptung belegen. 

IM FOKUS: Einige Ärzte raten Patienten zu Milchverzicht. Sie können zwar nicht mit wissenschaftlichen Studien aufwarten, aber gilt nicht der Grundsatz "Wer heilt, hat Recht"?

Watzl: Millionen Menschen verzehren täglich Milch und daraus hergestellte Produkte. Wo keine Heilung erforderlich ist, kann man auch nicht Recht haben.

IM FOKUS: Unterscheidet sich Muttermilch eigentlich groß von Kuhmilch?

Watzl: Es gibt Unterschiede. Kuhmilch enthält mehr als dreimal so viel Eiweiß. Dafür ist Muttermilch etwas fetter und reicher an Kohlenhydraten.

IM FOKUS: Kann man die Erkenntnisse von Kuhmilch auch auf Ziegen- und Schafsmilch übertragen?

Watzl: Nein, zu Ziegen- und Schafsmilch gibt es keine vergleichbaren Studien.

IM FOKUS: Und worauf achten Sie bei Milchprodukten?

Watzl: Ich achte auf Vollmilchprodukte und auf Bio. Die Fütterung der Kühe hat einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Fettsäuren. Wenn die Kuh viel Heu und Gras bekommt, sind mehr Omega-3-Fettsäuren in der Milch. Das ist wissenschaftlich belegt. Diese Milch und daraus hergestellte Milchprodukte gelten als gesünder.

Die Fragen stellte Julia Schreiner

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