Dieser Bauer aus Paraguay wurde von seinem Land vertrieben und lebt nun in einer Hütte am Straßenrand (Foto: imago/imagebroker)
26.08.2015
Landraub

Wie funktioniert Landgrabbing?

Mein Geld auf der Bank bringt Zinsen, sonst nichts? Von wegen. Manche Geldanlagen spekulieren auf Ackerland und fördern somit Landgrabbing. Was das ist und für die Betroffenen bedeutet, erklärt Roman Herre, Experte für Landkonflikte der Menschenrechtsorganisation FIAN.

IM FOKUS: Wie funktioniert Landgrabbing im globalen Süden? Kommt da einfach jemand mit einer Waffe und sagt, das Land gehört jetzt mir?

Herre: Ja, im globalen Süden kommt neben dem Faktor Geld in vielen Fällen tatsächlich noch rohe Gewalt hinzu. Man kommt einfach mit einem Vermessungsteam oder Bulldozern an und sagt, das Land gehört jetzt einer mächtigen Firma. Wenn die Menschen protestieren, wird oft das Militär zur Hilfe gerufen. Menschen werden eingeschüchtert, verprügelt, vertrieben und manche ermordet. Als sich in Kambodscha die Menschen gegen eine riesige Zuckerrohrplantage wehrten und die eigenen Felder beschützen wollten, wurde auf sie geschossen und mehrere Bauern willkürlich verhaftet. In einem anderen Fall wurde das Netzwerk, das sich effektiv gegen den Landraub organisiert hatte kurzerhand von der Regierung verboten. So kann jeder verhaftet werden, der sich öffentlich gegen den Landraub wehrt.

Was ist Landgrabbing?

Bei den Geschäften um Land prallen zwei Interessen aufeinander: Die der Investoren und die der - vorrangig kleinbäuerlich arbeitenden - Einheimischen. Nach der Finanzkrise entdeckte der Kapitalmarkt Land als wertvolle Investition: Denn angesichts der steigenden Weltbevölkerung, schwindender fruchtbarer Böden durch Erosion und Straßen- sowie Städtebau, wird Boden zur Mangelware. Insgesamt werden jährlich rund 10 Millionen Hektar somit unfruchtbar. Daher lohnt es sich, in den Bodenmarkt einzusteigen - Boden wird knapp, die Preise dafür steigen. Die Investoren setzen auf industrielle Landwirtschaft und erhoffen sich durch die Rendite aus dem Verkauf von Lebens- und Futtermitteln aber auch von Agrartreibstoff einen hohen Gewinn. Die Produkte sind vornehmlich für den Export bestimmt, die Flächen fehlen also für die örtliche Lebensmittelversorgung. Das hat vor allem zwei Folgen: Zum einen werden Kleinbauern von ihren Äckern und Weiden vertrieben, weil sie keine so hohen Preise für das Land zahlen können - und verlieren somit neben ihrem Land auch ihren Job. Zum anderen können diese Flächen nicht mehr für die regionale Ernährungssicherung verwendet werden, da die Produkte ins Ausland gehen.

Die UN gehen davon aus, dass eine Fläche von 100 Millionen Hektar an Großinvestoren verpachtet wurde, meist in Ländern des globalen Südens. Zum Teil passiert das mit illegalen Mitteln und roher Gewalt, etwa wenn sich korrupte, nationale Eliten ebenfalls dadurch einen Gewinn versprechen.

Quellen: www.saveoursoils.com , www.umweltbundesamt.de und www.bund.net

IM FOKUS: Was passiert dann mit den vertriebenen Leuten?

Herre: Sie sind entweder gezwungen, in die Slums der Städte oder ins Ausland zu gehen, um sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Oder sie müssen sich als saisonale Arbeitskräfte mit Hungerlöhnen in den Plantagen der Firmen verdingen, die ihnen ihr Land geraubt haben. Viele dieser Menschen hungern. Sie werden so nicht nur ihres Landes beraubt, sondern auch eines selbstbestimmten Lebens in Würde. In Sambia hat mir beispielsweise ein Bauer erzählt, dass nach der Vertreibung die meisten jungen Menschen ihr Glück in den Slums von Lusaka gesucht haben. Bis heute haben viele Eltern nichts mehr von ihnen gehört. Sie selbst leben seitdem in einer Armensiedlung am Zaun der 40.000 Hektar Megafarm, haben kein Land mehr, um sich zu ernähren und ein Einkommen zu erwirtschaften und schlagen sich etwa als Tagelöhner durch.

IM FOKUS: Können sie sich dagegen wehren?

Herre: Widerstand nimmt die unterschiedlichsten Formen an. Von Gerichtsprozessen, Straßenblockaden oder Behinderung der Bulldozer, Märschen zum Provinzgouverneur bis hin zu Klagen gegen internationale Konzerne, die am Landraub beteiligt sind. Aber die Gegenreaktionen sind oft sehr extrem. Menschenrechtsverteidiger werden bedroht und mundtot gemacht, nicht selten auch ermordet. So zum Beispiel in Brasilien. Dort kämpfen die Indigenen Gemeinden gegen die aggressive Expansion der Soja- und Zuckerrohrindustrie in ihren angestammten Territorien und letztendlich um ihr Überleben. Im November letzten Jahres wurde die Anführerin der Guarani-Kaiowá, Marinalva Manoel, nach einer Demonstration in der Hauptstadt ermordet.

IM FOKUS: Haben Sie das in Ihrer Arbeit auch schon erlebt?

Herre: Solche schlimmen Beispiele erleben wir in vielen Ländern, von Kambodscha über Paraguay bis Äthiopien. Es hat eben System. Aber es gibt auch Lichtblicke. In Mosambik konnten sich Kleinbauern gegen einen Biospritinvestor aus Europa durchsetzen.

IM FOKUS: Wie haben die das denn geschafft?

Herre: Als sich die von Landgrabbing bedrohten Dorfgemeinschaften in der Provinz Limpopo mit der Verwaltung des angrenzenden Nationalparks zusammentaten und gleichzeitig der Fall in die nationalen und internationalen Medien kam, sah sich die Regierung genötigt, dem Investor ProCana die Konzession zu entziehen. Ich denke das zeitliche Zusammenspiel von einem Verbündeten in der Regierung – hier dem Tourismusministerium - und öffentlichem Druck hat die Menschen vor Ort befähigt, ihre Rechte durchzusetzen.

IM FOKUS: Wie sieht es mit der Entwicklungszusammenarbeit der deutschen Regierung aus? Ist auch der Staat Treiber des Landgrabbings? 

Herre: In Paraguay hat die deutsche Entwicklungshilfe über die Privatwirtschaftsförderbank DEG für 25 Millionen Euro Anteile an einem der größten Agrarkonzerne gekauft. Nun ist sie Anteilseigner von Payco, der sich in den letzten Jahren über 135.000 Hektar Land angeeignet hat. Das Entwicklungsministerium ist also Miteigentümer einer Firma, die Landgrabbing betreibt. Payco ist zudem ein zentraler Akteur im Vertrieb von gentechnisch verändertem Saatgut in Paraguay. Als wir das Entwicklungsministerium auf konkrete Landkonflikte angesprochen haben, haben wir keine Antwort bekommen. Leider gibt es weitere Beispiele, bei denen Entwicklungshilfe diese Auswüchse fördert. Ein solches ist der Finanzinvestor Chayton Africa. Diesem Investor hat das Entwicklungsministerium via eines Agrarfonds 10 Millionen US-Dollar gegeben. Chayton Africa hat sich in Sambia 16.000 Hektar Land angeeignet. Doch statt den Hunger vor Ort zu bekämpfen, wird ein Großteil der Produkte exportiert.

IM FOKUS: Das heißt Landraub findet unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe statt?

Herre: Fakt ist: Die Entwicklungshilfe beteiligt sich in mehreren Fällen direkt an der Finanzierung von Firmen, die Land in großem Stil aufkaufen – so wie etwa in Paraguay. Und auch wenn schnell betont wird, dass man einer Firma das Geld ja nicht direkt für den Landkauf gibt, schaffen Entwicklungsgelder für Firmen den nötigen finanziellen Spielraum, um weiter Land zu kaufen. In anderen Fällen sucht man nach Wegen in der Handelspolitik, etwa Zollerleichterungen, die internationale Investoren reich belohnen, wenn sie beispielsweise auf geraubten Äckern industriell Zuckerrohr anbauen und den Zucker dann in die EU importieren (siehe Kasten). Die Liste kann man beliebig verlängern. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Entwicklungspolitik leider immer mehr auf eine industrielle Landwirtschaft setzt. Und das, wo auch hier in Deutschland ökologische und sozial gerechte Alternativen klar im Aufwind sind.

IM FOKUS: Landgrabbing ist vor allem in Entwicklungsländern ein Thema, warum? 

Herre: Vor allem die Dimensionen sind dort gewaltig. In Kambodscha beispielsweise wurden in den letzten Jahren über zwei Millionen Hektar Land an agrarindustrielle Investoren vergeben. Das entspricht etwa der Hälfte der gesamten Agrarfläche des Landes. Warum dort? Weil die Regierungen und auch internationale Akteure bis heute behaupten, dass dort riesige Flächen Land einfach so brachliegen würden und nur darauf warteten, von Investoren übernommen zu werden. Weil das Rechtssystem in einigen Ländern wie Kambodscha jedoch von den nationalen Eliten kontrolliert wird, ist es fast unmöglich, diese Landrechte einzuklagen. So wird das Landgesetz systematisch gebrochen und auch internationale Investoren scheren sich salopp gesagt einen Dreck um das Gesetz. In anderen Ländern ist das vergleichbar.

IM FOKUS: Wer reißt sich denn das Land unter den Nagel? 

Herre: Die Palette ist breit: Es sind vor allem auf Agrarland spezialisierte Investmentfonds und Banken, Agro-Treibstoff-Firmen, nationale Mittelsmänner sowie klassische Agrar- und Lebensmittelunternehmen. Letztere spielen aber eine kleinere Rolle.

IM FOKUS: Investoren - heißt das auch: Die Banken verwenden mein Geld, um damit auf Land zu spekulieren und Kleinbauern von ihrem Acker zu vertreiben? Welche Rolle spielen die Banken?

Herre: Eine große. Banken kaufen Anteile von Firmen, die Land kaufen, oder legen selbst Fonds an, die Land kaufen. FIAN hat beispielsweise 2010 recherchiert, dass die Deutsche Bank seit etwa 2007 systematisch über spezialisierte Fonds in Agrarkonzerne investierte. So hatte die Deutsche Bank schon 2010 über mehrere Fonds Anteile an Firmen gehalten, die zusammen etwa drei Millionen Hektar Land in Afrika, Südamerika und Südostasien halten. Ein bedeutender Akteur sind auch Pensionskassen. Sie haben in den letzten Jahren Ackerland in ihre Anlagestrategien integriert. Ein Beispiel dafür ist die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe, die das Geld ihrer Mitglieder ohne deren Wissen in Agrarland weltweit angelegt hat.

IM FOKUS: Weltweit gibt es gerade eine Divestment-Bewegung. Was versteht man darunter?

Herre: Die Divestment-Bewegung ist eine aktive Antwort auf diese Investitionen: Man will das mit seinem eigenen Geld nicht unterstützen, nimmt Geld aus der Bank und versucht es eher in lokalen und sozialen Projekte anzulegen. Man will mit seinem Geld also nicht länger unterstützen, dass damit Landgrabbing oder Umweltzerstörung passiert oder Rüstungs- und Bergbaukonzerne finanziert werden. Denn es ist ja so: Die wenigsten Banken machen es transparent, ob sie zum Beispiel das Geld Ihres Bausparers dafür verwenden, dass sie Monsanto und Co. einen Kredit geben können, damit das Unternehmen neue Investitionen tätigen kann und die Bank von den Kreditzinsen profitiert. Auch immer mehr Städte und öffentliche Einrichtungen werden dazu aufgerufen, ihr Geld ethisch korrekt anzulegen. Es macht ja auch etwa keinen Sinn, sich zum Beispiel als Fair Trade Town bezeichnen zu wollen oder gegen Agrogentechnik zu sein - aber dann genau in solchen Finanzprodukten das Geld anzulegen.

Landgrabbing der EU in Kambodscha

Seit 2009 gestattet die Europäische Union im Rahmen ihrer Handelsinitiative "Alles außer Waffen" Kambodscha den zollfreien Export von Zucker in die EU. Dadurch wollte man zur Armutsbekämpfung in dem südostasiatischen Land beitragen. Dieses Ziel verkehrte sich ins Gegenteil, die Heinrich-Böll-Stiftung schreibt: "In Erwartung der vollständigen Aufhebung der Handelshemmnisse begannen thailändische Zuckerkonzerne und andere ausländische Investoren damit, Konzessionen für große Flächen Agrarland zum Anbau von Zuckerrohr zu sichern. Die Aneignung der Flächen erfolgte nach bewährtem Muster. Einflussreiche kambodschanische Geschäftsleute mit engen Verbindungen zur Regierung, unter ihnen ein Senator der herrschenden Volkspartei CPP, verschafften ihren ausländischen Partnern Zugang zu Land - über ein Netzwerk von Firmen, die eigens zu diesem Zweck gegründet wurden. Für die Investoren war es ein lockendes Geschäft, da die bis zu 99 Jahre laufenden Pachtverträge ohne lästige Ausschreibungsverfahren oder die eigentlich gesetzlich vorgeschriebenen sozialen Verträglichkeitsgutachten schnell und diskret abgeschlossen wurden." Diese Initiative belohnt also internationale Zuckerkonzerne statt der lokalen Bevölkerung zu helfen. Laut FIAN weigert sich die Europäische Kommission, umfassende Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen, die mit dieser Handelsinitiative in Verbindung gebracht werden.

Quellen: www.boell.de und www.fian.de

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person:

Roman Herre ist Diplom-Geograph und arbeitet seit acht Jahren für die in Köln ansässige Menschenrechtsorganisation Food First Informations- und Aktionsnetzwerk e.V. (FIAN). Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Landkonflikte.

www.fian.de

Mehr zum Thema

Auf bioland.de

Im Netz:

Studie zu Landgrabbing in Sambia: Deutsche Finanzinvestoren und Entwicklungshilfe beteiligen sich an der Jagd nach Land www.fian.de

Ab 8. Oktober läuft der Dokumentarfilm "Landraub" im Kino. Infos unter: www.landraub.com

Die NGO urgewald zum Thema Divestment: www.urgewald.org

Utopia vergleicht verschiedene Banken: www.utopia.de

Teilt man die Ackerfläche dieser Welt durch die Zahl ihrer Bewohner ergibt das etwa 2000 m². Ein Europäer beansprucht vor allem wegen des hohen Fleischkonsums und für Sprit rund 7000m². Ein Projekt in Berlin zeigt, was auf 2000m² alles wachsen und dass man sich davon prima ernähren kann: www.2000m2.eu