Kein Busch, keine Hecke, kein Baum - reine Nahrungsmittelproduktion, kaum Biodiversität (Foto: imago/Xinhua)
12.07.2016
Volkswirtschaftler im Interview

"Letztlich bezahlt der Konsument"

Wie viel sind Ökosysteme wirklich wert? Genau das berechnet Bernd Hansjürgens und kommt zu dem Schluss: Manchmal kann es lohnender sein, Flächen nicht landwirtschaftlich zu nutzen. Damit das funktioniert, muss aber auch die Politik umdenken, fordert der Ökonom.

IM FOKUS: Herr Hansjürgens, Sie errechnen im Auftrag der Bundesregierung den Wert der Natur. Eine Wiese ist demnach ziemlich wertvoll. Wie kommen Sie darauf?

Hansjürgens: Wenn man auf kohlenstoffreichen Böden artenreiches Grünland zum Beispiel in Ackerland umwandelt, wird dabei nicht nur beim Umbruch, sondern über Jahre hinweg das im Moorboden gespeicherte CO2 freigesetzt, das der Boden gespeichert hat. Pro Hektar sind das 118 Tonnen. Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass für jede Tonne CO2 Kosten in Höhe von 80 Euro entstehen. Somit entstehen pro Hektar und Jahr rund 9.440 Euro an Schaden. Dazu kommt der Verlust von Lebensraum für Arten. Der Wert hängt aber immer auch vom Standort ab. Wenn das Grünland etwa als Überschwemmungsfläche für Hochwasser dient, wird es noch wertvoller.

IM FOKUS: Kann bei so einer Berechnung die Natur nicht auch den Kürzeren ziehen? Eine neue Wohngegend in Frankfurt bringt bestimmt mehr Mieteinnahmen als eine Kuhweide.

Hansjürgens: Ja. Es kann auch sein, dass wir zu so einem Schluss kommen. Doch würden wir gar keine Bewertung vornehmen, dann würde die Natur immer den Kürzeren ziehen.

IM FOKUS:  Ein Wald oder ein Moor bringt aber weniger Geld ein als ein Acker. Und ein Acker weniger als eine Immobilie.

Hansjürgens: Es stimmt: Das Moor bringt kein Geld ein, der Getreidebau schon. Aber dieser Profit entsteht nur, weil auf der Kostenseite nicht alle Faktoren eingerechnet wurden. Die Trockenlegung von Mooren zieht in Wirklichkeit hohe gesellschaftliche Verluste nach sich, etwa durch den massiven CO2-Ausstoß, der unser Klima schädigt. Dazu kommt im konventionellen Landbau der Pestizideinsatz, der sich negativ auf die Artenvielfalt und das Grundwasser auswirkt. Bezieht man diese Folgekosten ein, lohnt sich die Trockenlegung des Moors nicht mehr, denn ihre Kosten sind fünfmal höher als der Ertrag, den der Bauer mit einem Acker erwirtschaften könnte. Uns geht es mit unserer Studie "Naturkapital Deutschland" darum, solche Wechselbeziehungen sichtbar zu machen und sie dann in politische Entscheidungen einfließen zu lassen.

IM FOKUS: Müssen wir dann nicht mehr Lebensmittel importieren?

Hansjürgens: Nein, im Gegenteil: Bei den meisten Grundnahrungsmitteln wird in Deutschland mehr produziert als konsumiert. Insbesondere die intensive Tierhaltung führt sowohl in Deutschland, aber auch in den Ländern, aus denen die Futtermittel stammen, zu erheblichen Problemen. Die Stichworte sind bekannt: Monokulturen, Grundwasserbelastung durch übermäßige Düngung und hohen Pestizideinsatz, Antibiotikaresistenzen und so weiter.

IM FOKUS: Nehmen wir mal als Beispiel die Aufbereitung von Trinkwasser. Ihre Studie zeigt, welche Kosten hier die übermäßige Düngung verursacht. Was kann man dagegen tun?

Hansjürgens: In Leipzig bei den Kommunalen Wasserwerken ist es zum Beispiel so: Der Landwirt bekommt einen Cent pro Kubikmeter Grundwasserbildung, wenn er etwa Zwischenfrüchte anbaut, auf bestimmte Pestizide verzichtet und weniger düngt. Die Wasserwerke haben hier sogar einen Biohof gekauft - denn die Brunnen liegen auf diesen Flächen. So landen weniger Pestizide, Nitrat und andere Stoffe, die man nicht im Trinkwasser haben möchte, in den Brunnen. Der Ausgleich lohnt sich - würde man die ganzen unerwünschten Einträge aus der Landwirtschaft technisch aus dem Wasser holen, würde das siebenmal so viel kosten.

IM FOKUS: Ein bekanntes Beispiel für Ökosystemdienstleistungen sind die Bienen - nur durch ihre Bestäubungsleistung fährt etwa ein Beerenobstbauer viel höhere Erträge ein. Aber wem kann man es in Rechnung stellen, wenn es kaum noch Bienen gibt?

Hansjürgens: Letztlich bezahlt der Konsument den höheren Preis für Lebensmittel, die durch den Verlust von Ökosystemleistungen nur durch einen immer größeren Aufwand produziert werden können - etwa wenn durch Monokulturen die Fruchtbarkeit von Böden abnimmt. Hat der Boden keine Nährstoffe mehr, weil man ihn zu intensiv nutzt, muss man umso mehr düngen. Dünger kostet aber und belastet unsere Umwelt. Derzeit sieht das kaum ein Verbraucher, weil die Preise für Lebensmittel viel zu niedrig sind.  Das sind sie aber nur, weil die Wirtschaft sehr stark auf Export setzt und die Politik mit Subventionen vorrangig Masse statt Nachhaltigkeit fördert. 

IM FOKUS: Was also tun?

Hansjürgens: Wir müssen die Überproduktion zurückfahren, unsere Orientierung am Weltmarkt, etwa bei der Milchproduktion, hinterfragen, mehr Geld für hochwertige Lebensmittel ausgeben. Und wir müssen die Bauern für den Erhalt von Ökosystemleistungen entlohnen. Dazu gehört etwa der Erhalt von Weiden, aber auch das Pflanzen von Hecken, vielfältige Fruchtfolgen statt Monokulturen und so weiter. Und wir müssen uns darüber klar werden, dass wir in unseren Supermärkten nicht immer alles verfügbar haben müssen, um glücklich zu sein.

IM FOKUS: Und auf gesetzgeberischer Ebene?

Hansjürgens: Mit diesem Wissen kann nun die Politik andere Entscheidungen treffen. Unserer Ansicht nach müsste beispielsweise die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU geändert werden. Sie muss den Landwirt belohnen, wenn er seine Bewirtschaftung nicht nur auf die Nahrungsmittelproduktion ausrichtet, sondern "echte" Leistungen für die Natur liefert.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person:

Bernd Hansjürgens ist Leiter der Studie "Naturkapital Deutschland - TEEB.DE, in deren Rahmen mehrere Studien über den ökonomischen Wert der Natur für den Menschen entstehen. Sie ist eine Folgestudie der internationalen TEEB Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Zahlreiche Länder errechnen seit einigen Jahren den Wert von Ökosystemdienstleistungen in ihren Ländern, um klar zu machen, dass die Zerstörung von Natur auch einen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten kann. Die Ergebnisse sollen Unternehmen und Politiker bei ihrer Entscheidungsfindung für oder gegen Investitionen unterstützen.

Hansjürgens leitet das Department "Ökonomie" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ in Leipzig. www.ufz.de

Foto: André Künzelmann, Helmholtz-Zentrum fürfür Umweltforschung - UFZ

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