Hans-Peter Posavac hat ein Buch über seine Erfahrungen mit Schnecken geschrieben (Foto: privat)
30.05.2017
Interview mit Schneckenflüsterer

"Ich hatte auch Rachedurst"

Früher hat Hans-Peter Posavac Schnecken in seinem Garten bekämpft. Heute redet er ihnen gut zu. Und meint: Schneckenflüstern kann jeder lernen.

IM FOKUS: Herr Posavac, Sie wollen Frieden in deutsche Gärten bringen. Warum ist das nötig?

Posavac: Weil oft Krieg herrscht zwischen Gärtner und Schnecken. Ich hatte früher auch Rachedurst und habe sie getötet. Aber das passt nicht zu meinem Bedürfnis, im Garten Frieden und Harmonie zu finden. Darum fiel mir das Schneckentöten immer schwerer.

IM FOKUS: Ihre Methode klingt ehrlich gesagt kurios. Hunde kann man erziehen, aber Schnecken?

Posavac: Schneckenflüstern ist kein Mysterium, sondern wie Pferdeflüstern eine Wissenschaft. Man beobachtet das Tier und lernt, was es braucht, wie es kommuniziert, was es als angenehm oder unangenehm empfindet. Das nutzt man, um mit dem Tier in Verbindung zu treten. Kommunikation findet ja immer statt. Die Frage ist, wie man gezielte Kommunikation hinbekommt.

IM FOKUS: Sind Schnecken denn überhaupt lernfähig?

Posavac: Untersuchungen haben gezeigt, dass Schnecken sogar schon durch die erste Erfahrung lernen. Es gibt eine wissenschaftliche Studie mit Meeresschnecken. Man hat Schnecken von einem zuvor farblich markierten Felsen abgeklaubt und ins Wasser zurückgeworfen. Schon nach dem ersten Absammeln zeigte sich, dass beim nächsten Mal deutlich weniger Schnecken zum Fressen an diesen Felsen kamen. Sehr schnell waren auf diesem Felsen fast gar keinen Schnecken mehr, wohl aber auf den Steinen rundherum.

IM FOKUS: Und wie bringe ich den Schnecken bei, meinen Salat in Ruhe zu lassen?

Posavac: Zuallererst einmal müssen Sie Ihre Einstellung ändern und bereit sein, die Schnecke kennenzulernen, anstatt sie nur als Feind zu betrachten. Außerdem ist es hilfreich, sich ihrer Geschwindigkeit ein wenig anzupassen, also deutlich langsamer und vor allem auch achtsamer zu werden. Dann braucht man natürlich noch ihre Aufmerksamkeit.

Zur Person

Hans-Peter Posavac ist Ingenieur und Hobbygärtner. Er hat den Freiburger Heilpflanzengarten mit aufgebaut und wendet dort seine Methode des Schneckenflüsterns an. Über seine Erfahrungen mit Schneckentraining hat er das Buch "Schneckenflüstern statt Schneckenkorn" geschrieben.

IM FOKUS: Und wie gewinnt man die?

Posavac: Indem ich sie von einer Pflanze abzupfe. Es ist ihr sehr unangenehm, den Boden unter dem Fuß zu verlieren. Sie stellt sich dann zwar erst einmal tot, aber das täuscht: Sie ist voll da und aufmerksam. Jetzt kann man der Schnecke sagen, was man von ihr will.

IM FOKUS: Und was sagt man da so?

Posavac: Also ich zupfe abends die Schnecken von den Pflanzen ab, die mir wichtig sind und sage: "Diese Pflanze gehört mir. Lass sie in Ruhe. Ich bringe dich aber an eine andere Stelle, an der du sein kannst." Wichtig ist, dass man dabei mit voller Achtsamkeit bei den Schnecken ist. Am besten reserviert man irgendwo einen schattigen feuchten Lebensraum für die Schnecken und bietet ihnen dort auch die welken Blätter aus dem Gemüsebeet an. Das haben sie am liebsten.

IM FOKUS: Das heißt, die Schnecken bleiben bei mir im Garten?

Posavac: Wenn möglich, ja. In unserem Freiburger Heilpflanzengarten, den ich mit aufgebaut habe, hatten wir anfangs viel zu viele Schnecken. Wenn ihre Population zu groß ist, bekommt man sie schwer in den Griff. Dann mussten wir einige von ihnen mindestens 200 Meter entfernt an eine geeignete Stelle umsiedeln.

IM FOKUS: Wie lang dauert das Schneckentraining?

Posavac: Erste Erfolge stellen sich sehr schnell ein. In meinem Gemüsegarten habe ich beim ersten Mal sechs Wochen gebraucht. Danach hatte ich das ganze Jahr über Ruhe. Im zweiten Jahr dauerte es vier, im dritten drei Wochen. Mein abendlicher Gang durch den Garten dauerte immer etwa 20 Minuten. Zwischendurch sollte man immer wieder mal schauen, ob man das Training auffrischen muss.

IM FOKUS: Und wenn es nicht klappt?

Posavac: Dann war man wohl etwas achtlos und nicht ganz bei der Sache. Den Schnecken hastig und gedankenverloren aus der Ferne zuzurufen, sie sollen abhauen, bringt nichts.

IM FOKUS: Was passiert, wenn ich in den Urlaub fahre?

Posavac: Wenn die Gartensaison los geht und die ersten Schnecken auftauchen, sollte man erst einmal nicht wegfahren. Hat sich ein Gleichgewicht eingestellt, kann man ruhig Urlaub machen.

IM FOKUS: Und wenn fremde Schnecken in meinen Garten einwandern, die meine Regeln nicht kennen?

Posavac: Das Experiment mit den Meeresschnecken hat auch gezeigt, dass Schnecken Informationen weitergeben. So wurden abgesammelte Schnecken markiert und man stellte fest, dass nicht nur die markierten Schnecken den Felsen gemieden haben, sondern auch alle anderen. Es gibt wohl auch bei Schnecken eine Art kollektives Gedächtnis. Unser Heilpflanzengarten ist offen in alle Richtungen. Da können ständig neue Schnecken einwandern. Und trotzdem klappt es.

IM FOKUS: Was hat Sie bei der Beschäftigung mit Schnecken am meisten überrascht?

Posavac: Dass sie wohl Geselligkeit lieben. Ihr Gruppenverhalten ist sehr ausgeprägt. Ich glaube fast, es gibt Schneckengangs, die durch den Garten ziehen oder sich bei bestimmten Pflanzen verabreden.

IM FOKUS: Können wir Menschen auch etwas von Schnecken lernen?

Posavac: Man kann sich von einer Schnecke beschenken lassen, indem man sich einfach mal hinsetzt und sie ein paar Minuten beobachtet. Da kann sie einem die Ruhe und den Frieden schenken, den man ja im Garten sucht.

Die Fragen stellte Julia Romlewski

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