Insekten auf dem Teller: Eine Frage der Gewohnheit (Foto: imago)
17.10.2017
Insekten

"Heuschrecken schmecken nussig"

Heuschrecken-Salat? Mehlwurm-Kekse? Noch klingt das exotisch, aber wohl nicht mehr lange. Insektenessen hat viele Vorteile, meint Lebensmitteltechnologin Birgit Rumpold.

Frau Rumpold, was für Insekten haben Sie schon probiert?

Rumpold: Ich habe zum Beispiel Heuschrecken-Salat gegessen, kleine Häppchen mit Bienenpuppen sowie Cookies mit Mehlwürmern.

Und wie hat es geschmeckt?

Rumpold: Ich fand alle Insekten lecker. Bei den Bienenpuppen war etwas viel Essig dran. Die Heuschrecken und Mehlwürmer schmeckten leicht nussig.

Mussten Sie sich überwinden?

Rumpold: Beim ersten Mal ja. Aber man gewöhnt sich an den Gedanken, Insekten zu essen. Ich mag aber auch gerne Garnelen und Krabben - und die sind als Krustentiere ja verwandt mit Heuschrecken und Co.

Wo liegt bei Ihnen die Grenze?

Zur Person

Lebensmitteltechnologin Birgit Rumpold (39) hat am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam den Bereich Insektenforschung aufgebaut. Seit 2016 ist sie an der TU Berlin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre im Fachgebiet "Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft". Sie forscht unter anderem zur Akzeptanz essbarer Insekten.

Rumpold: Kakerlaken zum Beispiel würde ich nicht essen. Dabei ist es in einigen Ländern durchaus üblich, auch diese Insektenart zu verzehren.

Ist Insektenessen anderswo normal?

Rumpold: In vielen Ländern ist es Tradition. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO verzehren weltweit zwei Milliarden Menschen regelmäßig Insekten. Meist geschieht dies nicht aus Not, sondern weil es ein Genuss ist für die Menschen.

Warum ist das in Deutschland so anders?

Rumpold: In fast allen westlichen Ländern fehlt die Tradition des Insektenessens. Ich vermute, dass es mit dem Klima zu tun haben könnte. In wärmeren Ländern werden Insekten größer, vermehren sich schneller und sind gehaltvoller. An den meisten Insekten, die in unseren Breiten in der Natur vorkommen, ist - salopp gesagt - nicht viel dran. 

Inzwischen arbeiten viele Institute und Firmen daran, essbare Insekten unter lebensmittelhygienischen Bedingungen zu züchten. Auf diese Weise könnten sie auch bei uns den Speisezettel bereichern. Ist das wünschenswert aus Ihrer Sicht?

Rumpold: Durchaus. Die Weltbevölkerung wächst, und wir brauchen dringend neue Nahrungsquellen. Wichtig ist es vor allem, den steigenden Proteinbedarf zu decken. Dabei können Insekten sehr hilfreich sein.

Was sind die Vorteile?

Rumpold: Insekten liefern viel und zugleich wertvolles tierisches Eiweiß und auch wichtige ungesättigte Fettsäuren. Anders als traditionelle Fleischlieferanten wie Rind, Schwein und Huhn lassen sie sich aber deutlich ressourcenschonender produzieren. Sie brauchen wenig Platz, wenig Wasser, entwickeln sich schnell und lassen sich zum Teil sogar auf Reststoffen züchten, etwa auf Obst- und Gemüse, das in Supermärkte aussortiert wird.

Haben Rind, Schwein und Huhn also bald ausgedient?

Rumpold: Die Gewohnheiten werden sich ändern, aber nicht so schnell. Ich vermute, dass Insektenessen bei uns zu einem Trend werden könnte, ähnlich wie Sushi. Aber die breite Masse der Bevölkerung wird sich in den westlichen Ländern auf absehbare Zeit nicht davon ernähren. Im Futtermittelbereich könnten sich Insekten hingegen schneller durchsetzen.

Wo sind sie da nützlich?

Rumpold: Vor allem in der Fisch- und Geflügelzucht. Denn für diese Tiere sind Insekten ohnehin eine natürliche Nahrungsquelle. Hühner zum Beispiel fressen gerne Insekten und weisen damit gute Wachstumsraten auf. Das haben erste Tests gezeigt. Und für die Fischzucht in der Aquakultur werden Insekten bereits kommerziell verwendet. Seit dem 1. Juli gilt eine geänderte EU-Verordnung, die den Einsatz von Insektenmehl für die Fütterung von Tieren in der Aquakultur regelt. Unter anderem dürfen nun die Larven der Schwarzen Soldatenfliege und drei Grillenarten verwendet werden.

Sind es in Europa vor allem rechtliche Hindernisse, die die Nutzung von Insekten verhindern?

Rumpold: Bei den Futtermitteln schon. Das ist auf den BSE-Skandal zurückzuführen. Im Jahr 2001 wurde EU-weit die Verwendung von verarbeitetem Tierprotein als Futtermittel für Nutztiere verboten. Damals hat wohl keiner daran gedacht, dass dieses Verbot auch Insekten betrifft. Nun bewegt sich so einiges in diesem Bereich.

Rechnet es sich für die Bauern, Insekten zu verfüttern statt Soja oder Fischmehl?

Rumpold: Zurzeit sind Insekten sehr kostspielig. Mehlwürmer etwa sind gut zehnmal teurer als Fischmehl. Im Vergleich zu Getreide und Sojamehl sind die Kosten sogar noch höher. Das hat eine niederländische Studie gezeigt. Dabei verursachen die Personalkosten und das Futter den Löwenanteil an den Kosten. Wenn die Insektenzuchtverfahren automatisiert werden und in größerem Maßstab stattfinden, könnte sich das aber schnell ändern.

Sind Insekten als Lebensmittel erlaubt in der EU?

Rumpold: Es gibt in der EU die Novel-Food-Verordnung, die die Zulassung neuartiger Lebensmittel regelt. Darin waren Insekten bisher aber nicht explizit erfasst und jedes Land hat es anders gehandhabt. In Deutschland sind verarbeitete Insekten als Lebensmittel ganz verboten, in Belgien sind zwölf Arten zugelassen, in den Niederlanden und Frankreich werden sie auf dem Markt zumeist toleriert. Am 1. Januar 2018 tritt nun die überarbeitete Novel-Food-Verordnung in Kraft. Sie stuft Insekten als neuartige Lebensmittel ein und sieht vor, dass jede Insektenart erst nach einer Unbedenklichkeitsprüfung als Lebensmittel zugelassen werden soll.

Sind die deutschen Verbraucher überhaupt aufgeschlossen für Grillenpulver und ähnliche Zutaten?

Rumpold: Erstaunlich viele Menschen interessieren sich dafür. Das hat eine Studie gezeigt, die ich im Juni an der TU Berlin während der Langen Nacht der Wissenschaften vorgenommen habe. Wir haben Insektensnacks angeboten. 75 Prozent der Leute haben gekostet. Einige aber erst nachdem sie von uns Informationen erhalten haben. Zumindest die wissenschaftsinteressierten Berliner scheinen also bereit zu sein für die neuen Lebensmittel.

Das Interview führte Anne Brüning, erschienen zunächst in der "Berliner Zeitung" vom 13.9.2017

 

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