Wer Wildpflanzen auf seinen Balkon pflanzt, bekommt bestimmt Besuch von Zitronenfaltern (Foto: imago/blickwinkel)
04.03.2015
Interview mit Wildpflanzenexperten

"Geranien sind für die Natur absolut nutzlos"

Nur ein Balkon, keine Ahnung vom Gärtnern und wenig Zeit noch dazu? Kein Problem, sagt Naturgartenexperte Reinhardt Witt. Mit Wildpflanzen klappt’s bestimmt. Das ist nicht nur einfach, sondern auch ein Beitrag zum Artenschutz. Denn mit Zierpflanzen können einige Insekten gar nichts anfangen - die mögen’s lieber wild.

IM FOKUS: Herr Witt, was ist denn der Unterschied von Wildpflanzen zu Nutz- und Zierpflanzen?

Witt: Wildpflanzen sind die Pflanzen, die wild bei uns in der Natur wachsen. Von den heimischen Wildpflanzen gibt es ungefähr 3.500 verschiedene Arten mit jeweils regionaltypischen Ausprägungen. An diese ist die Tierwelt besonders gut angepasst: Von Wildbienen über Schmetterlinge bis hin zu Hummeln.

Ein Distelfalter mag vor allem Disteln (Foto: imago/blickwinkel)
IM FOKUS: Also: Insekten essen lieber regional?

Witt: Das kommt darauf an, ob es sich um ein spezialisiertes oder unspezialisiertes Insekt handelt. Hummeln sind in ihrer Nahrungsaufnahme unspezialisiert, die ernähren sich auch vom Nektar der Zierstauden - es müssen also nicht unbedingt heimische Wildpflanzen sein. Ein Drittel der rund 560 verschiedenen Wildbienenarten sind aber spezialisiert - und zwar auf bestimmte Wildpflanzen, sei es deren Blütenform oder einfach nur eine bestimmte Geschmacksrichtung.

IM FOKUS: Zum Beispiel?

Witt: Zum Beispiel die Natternkopfmauerbiene - die braucht eben den heimischen Natternkopf, sonst würde sie verhungern.

IM FOKUS: Also sind Wildpflanzen echte Artenschützer?

Der gemeine Natternkopf (Foto: imago)
Witt: Ja, sie sichern das Vorkommen vieler Insektenarten. Aber auch bei den Wildpflanzen selbst gibt es eine enorme genetische Vielfalt. Außerdem produzieren sie alle Samen. Das ist bei einigen Zierpflanzen nicht der Fall - die können sie nicht vermehren, weil es sich um Hybride handelt, andere wiederum sind so gezüchtet, dass sie gar kein Saatgut produzieren. Schauen Sie sich zum Beispiel Geranien an - diese sind für die Natur absolut nutzlos - sie produzieren weder Samen noch Pollen oder Nektar. Davon kann sich also kein Tier ernähren. Bei Wildpflanzen ist das nicht so. Sie sind außerdem gut an regionale Umwelt- und Klimaverhältnisse angepasst und ziemlich robust.

IM FOKUS: Robust klingt gut. Heißt das, ich kann beim Gärtnern mit Wildpflanzen nicht allzu viel falsch machen?

Witt: Ja, Wildpflanzen sind absolut unkompliziert: Die brauchen nicht so viel Wasser und auch nicht so anspruchsvolle Böden sowie nur wenig Pflege.

IM FOKUS: Also optimal für faule Gärtner?

Auch Astern ziehen viele Schmetterlinge an (Foto: imago/westend61)
Witt: Wenn Sie so wollen: Ja. Da können Sie ruhig mal eine Woche in den Urlaub fahren und müssen nicht extra Ihren Nachbarn bitten, dass er sich um Ihren Balkon oder Garten kümmert. Wildpflanzen kommen viel besser mit Klimaextremen zurecht. Also selbst, wenn wir wieder einen sogenannten "Jahrhundertsommer" bekommen, kommen Ihre Pflanzen getrost ein paar Tage ohne Wasser aus. Im Winter können Sie die Pflanzen auch ruhig draußen stehen lassen.

IM FOKUS: Wo bekomme ich die Wildpflanzen denn überhaupt her?

Witt: In der Natur dürfen Sie die nicht einfach so sammeln, vor allem, wenn es sich um Arten handelt, die auf der Roten Liste stehen. Es gibt aber spezielle Wildstaudenproduzenten. Als "Stauden" bezeichnet man übrigens mehrjährige Pflanzen. Das heißt, die sterben zwar im Winter ab, blühen aber im nächsten Jahr wieder neu. Auf unserer Website findet man Gärtnereien, die solche verkaufen: www.naturgarten-fachbetriebe.de Wenn man die Pflanzen selber anziehen möchte, kann man auch Wildpflanzensaatgut kaufen.

IM FOKUS: Ok, jetzt habe ich also meine Pflanzen - kann ich die denn jetzt so nebeneinandersetzen, wie es mir gefällt oder vertragen sich da manche weniger gut mit anderen?

Witt: Nein, das ist im Gemüsebeet so, dass man da eher etwas aufpassen sollte, welche Pflanzen gut miteinander können. Bei Wildpflanzen ist das nicht so. Da kann es höchstens sein, dass manche Pflanzen, die anderen überwuchern - der Wilde Majoran oder Oregano haben da solche Tendenzen. Wenn Sie auf Ihren Balkon  ganz sicher gehen wollen, dann nehmen Sie dafür einfach verschiedene Töpfe.

IM FOKUS: Brauche ich denn bestimmte Töpfe oder kann ich einfach auch aufgeschnittene Milchkartons nehmen?

Eine Prachtnelke (Foto: imago/blickwinkel)
Witt: Ja, das können Sie ruhig machen, pflanzen Sie von mir aus auch etwas in Ihre alten Schuhe. Für die Pflanzen ist es nur wichtig, dass sich das Wasser nicht staut - Sie müssen also Löcher unten rein machen. Was Sie aber wissen sollten: Nicht jedes Gefäß kann gleich gut Wasser speichern. Bei einem Jutesack, wird es unten schnell wieder herauslaufen, ein Tontopf dagegen hält die Nässe länger - da müssen Sie dann auch nicht so oft nachgießen. Am besten ist es, wenn ihr Gefäß mindestens 30 Zentimeter tief ist. Denn je größer Ihre Töpfe sind, desto besser. Dann bildet sich nämlich mehr Wurzelmasse und die Pflanzen können sich so besser mit Wasser und Nährstoffen versorgen.

IM FOKUS: Und wie sieht es mit Unkraut aus? Oder mit Schädlingen?

Witt: Dazu müssen Sie einfach Erde nehmen, in der kein anderer Samen ist. Dann wächst da auch nichts, außer Ihrer Pflanze. Verwenden Sie abgepackte Bio-Erde oder wenn Sie einen Garten haben, dann nehmen Sie Erde aus einer tieferen Schicht. Wenn Sie etwas ansäen wollen, brauchen Sie auch nicht extra Anzuchterde. Mit Schädlingen werden Sie kaum ein Problem haben, bei Blattläusen sollten Sie die Pflanze zuerst mal in eine andere Ecke stellen. Aber ich habe noch nie eine Pflanze durch Schädlinge verloren. Wie gesagt: Wildpflanzen sind eben robust.

IM FOKUS: Was blüht denn besonders schön? Gibt es auch so etwas wie die Geranie der Wildpflanzengärtner?

Eine Glockenblume (Foto: imago/blickwinkel)
Witt: Nein, das wäre ja etwas einfältig. Wenn Sie aber eine schöne Blütenpracht wollen, dann empfehle ich Ihnen Bergsteinkraut, das blüht ab April sowie alle möglichen Arten von Glockenblumen, die ab Juni blühen. Im Hochsommer kommen dann die Nelken. Und im Herbst Gold- und Bergastern. Das Zimbelkraut ist auch schön. Das ist ein Dauerblüher, da haben Sie von Frühjahr bis in den Herbst Ihre Freude daran.

IM FOKUS: Aber ich will ja auch, dass die Insekten etwas davon haben - werden denn die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge meinen Balkon finden, selbst wenn ich im fünften Stock wohne?

Witt: Ja. Sie können schon nach einigen Tagen mit den ersten Blütenbesuchern rechnen. Allerdings gilt: Je mehr Sie außerhalb des Stadtzentrums wohnen, desto mehr verschiedene Arten werden Sie beobachten können. Im Stadtzentrum ist die Artenvielfalt bei den Insekten nämlich nicht so hoch. Nur ein Beispiel: Der Tübinger Wildbienenforscher Paul Westrich hat auf seinem Balkon im dritten Stock 30 Wildpflanzenarten in Kübeln und Kästen darüber und eine Art Gästebuch geführt - 30 Wildbienenarten haben ihn schon besucht.

IM FOKUS: Woher wissen die Insekten überhaupt, dass ich mich jetzt dazu entschlossen habe, Wildpflanzen auf meinen Balkon zu stellen?

Schleier- oder Gipskraut wächst sehr dicht (Foto: imago/imagebroker)
Witt: Das funktioniert vor allem anhand der Farbe. Die Hummeln, Schmetterlinge und Bienen sehen dann zum Beispiel: In dem Grau der Hauswand ist ein gelber Fleck, den könnten wir mal anfliegen. Die Insekten, die bei Ihnen eh schon um den Häuserblock fliegen, werden die Pflanzen dann auch anhand des Duftes erkennen. Das ist übrigens auch ein Grund, der gegen Petunien oder Geranien spricht: Da sehen und riechen die Insekten die Pflanze, und stellen dann fest: Da gibt es nichts zu holen. Das ist so, wie wenn Sie einkaufen gehen wollen und finden endlich einen Laden, aber dann steht auf der Tür: Leider geschlossen.

IM FOKUS: Also ist es eher ungeschickt, wenn meine Pflanzen hinter dem Balkongeländer stehen und man sie gar nicht aus der Ferne sehen kann?

Witt: Nein, nehmen Sie einfach noch ein paar Pflanzen, die man sieht, dann finden die Insekten auch den Rest. Seifen- oder Gipskraut sind beispielsweise schöne Hängepflanzen. Auch die Pfingstnelke bildet ein dichtes Polster - das heißt, die breiten sich gut aus und ranken am Geländer hoch.

IM FOKUS: Wie viel Geld muss ich denn auf den Tisch legen, um mir eine kleine Wildnis auf dem Balkon zu pflanzen?

Witt: Eine Staude kostet rund drei Euro. Sagen wir mal, Sie fangen mit rund vier Töpfen an und kaufen dafür zehn Pflanzen, dann brauchen Sie noch einen Sack Bio-Erde und eben die Töpfe. Mit 60 Euro sind Sie dabei.

IM FOKUS: Noch ein Tipp zum Schluss?

Witt: Bleiben Sie neugierig! Machen Sie Fotos von den Blütenbesuchern und versuchen Sie diese zu bestimmen. Und wenn Sie Saatgut haben: Schenken Sie es Ihren Freunden - je mehr Menschen auf Wildpflanzen setzen, desto besser für die Artenvielfalt.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person

Reinhard Witt, Jahrgang 1953, ist freiberuflicher Biologe, Journalist und naturnaher Grünplaner. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich mit naturnaher Garten- und Landschaftsgestaltung. Für Privatpersonen, Unternehmen und Kommunen entwirft er Pläne für naturnahes Grün und hilft bei der Umsetzung. Er leitet zudem zahlreiche Seminare und hat bereits 21 Bücher zu diesem Thema verfasst. Infos und Termine: www.naturgartenplaner.de

Buchtipp: Reinhard Witt: Das Wildpflanzen Topfbuch. Ausdauernde Arten für Balkon, Terrasse und Garten. Lebendig, nachhaltig pflegeleicht, tierisch gut. Verlag Naturgarten, 3. komplett überarbeitet und erweiterte Auflage, Ottenhofen 2014. 296 Seiten und 489 Fotos. Zahlreiche Tabellen. 22,95 Euro. Bestellung beim Autor selbst: www.reinhard-witt.de

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