Tagpfauenauge auf wildem Majoran: Auch dieser schöne Schmetterling ist gefährdet (Foto: Romlewski)
22.08.2017
Insekten

"Auch Schmetterlinge und Käfer spielen Pollen-Taxi"

Gefühlt flattert und krabbelt es überall. Doch der Insektenwelt geht es nicht so gut, wie man meinen könnte. Warum es uns nicht egal sein kann, wenn es immer weniger Schmetterlinge, Käfer, Hummeln oder Schwebfliegen gibt, erklärt Biologe Josef Settele.

IM FOKUS: Herr Settele, die sogenannte Krefelder Studie hat über die vergangenen Jahrzehnte einen starken Insektenschwund festgestellt. Sollte uns das beunruhigen?

Josef Settele: Auf jeden Fall. Die Ergebnisse sind alarmierend und ein Indiz dafür, dass es da wohl ein Problem gibt. Vergleichsstudien fehlen leider. Es gibt aber ein bundesweites Monitoring, da zählen engagierte Bürger Tagfalter. Das belegt zwar keinen eindeutigen Trend zu einem artenübergreifenden Insektensterben. Allerdings läuft das Monitoring auch erst seit 2005. Vielleicht fand der Einbruch schon früher statt. Dass immer mehr Vögel als gefährdet gelten, ist schon ein Hinweis auf weniger Insektenmasse. Das Futter wird knapp.

IM FOKUS: Der eine oder andere wird sich denken: Weniger Insekten, prima, dann hab ich doch auch weniger Schädlinge im Garten.

Zur Person

Josef Settele (Jahrgang 1961) ist Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle und untersucht, wie biologische Vielfalt und Art der Landnutzung in Zusammenhang stehen.

Settele: Darauf würde ich nicht spekulieren. Schädlinge können vom Insektensterben sogar profitieren, weil ihre natürlichen Fressfeinde - andere Insekten und Vögel - auch weniger werden. Ein großes Problem sind die Insektizide in der Landwirtschaft. Diese sind ja gerade dafür entwickelt worden, Insekten zu töten. Das Problem: Schädlinge erholen sich davon meistens schneller als ihre Gegenspieler. Das kann dazuführen, dass wir zunächst viele Schädlinge haben. Sie werden dann zwar später wieder durch die Nützlinge dezimiert, aber das kann für das Getreide, Gemüse oder Obst schon zu spät sein.  Bei einem Unkrautvernichter wie Glyphosat ist die Wirkung indirekt. Wenn die Wildkräuter verschwinden, finden die Insekten weniger Blüten.

IM FOKUS: Also sind auch die Pestizide schuld?

Settele: Der Einsatz von Pestiziden spielt sicherlich eine große Rolle - gerade auch in Kombination mit Klimaveränderungen oder dem Befall mit Parasiten, wie wir das von Bienen kennen. Außerdem finden sich viele Pestizide später in Böden und Seen wieder, wo sie ebenso für den Rückgang vieler Insekten verantwortlich sein dürften. Viele Insekten haben ja mal als Larven in der Erde oder im Wasser gelebt. Dass die Landschaft immer eintöniger wird, macht den Insekten auch zu schaffen. Ihr Lebensraum schrumpft. Es gibt immer weniger blühende Wiesen, Moore oder Heidelandschaften. 

IM FOKUS: Aber das eigentlich Besorgniserregende ist doch das Bienensterben, oder?

Settele: Meinen Sie die Honigbiene? Klar, die ist einer der wichtigsten Bestäuber. Aber nicht immer und überall. Auch Wildbienen sind wichtig oder Schwebfliegen. Die Bohnen in Ihrem Garten zum Beispiel lassen sich von Hummeln bestäuben. Und bei Apfelbäumen bestäuben Honigbienen nur ein Viertel der Blüten. Den Großteil der Arbeit erledigen Wildbienen und Schwebfliegen. Und auch Schmetterlinge und Käfer spielen Pollen-Taxi. Je weniger Honigbienen es gibt, desto wichtiger werden andere Bestäuber. Oder wenn das Wetter Kapriolen schlägt. Dieses Jahr bei der Kirschblüte war es den Bienen noch zu kalt, aber die Hummeln waren mancherorts zum Glück schon unterwegs und sind eingesprungen.

IM FOKUS: Andersherum sind zum Beispiel viele Tagfalter wählerisch beim Futter.

Settele: Das stimmt. Hochspezialisierte Insekten fressen nur auf bestimmten Pflanzen. Auch wenn diese Pflanzen noch recht häufig vorkommen, benötigen die Insekten zusätzlich ein bestimmtes Mikroklima. Wenn dem nicht so wäre, würden Sie überall, wo Brennnesseln stehen, auch Schmetterlinge wie Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs sehen.

IM FOKUS: Noch mal zurück zur Krefelder Studie: Die Insektenzählung fand in Naturschutzgebieten statt. Da müssten doch eigentlich ideale Bedingungen herrschen.

Settele: Naturschutzgebiete sind nicht zwangsläufig frei von landwirtschaftlicher Nutzung, sodass auch hier negative Einflüsse vorhanden sein können. Außerdem verweht der Wind manche Pestizide kilometerweit. In Gebieten mit intensiver Landwirtschaft geht es den Insekten wahrscheinlich noch viel schlechter.

IM FOKUS: Was bedeutet ein Insektensterben für das ökologische Gleichgewicht?

Settele: Es gerät durcheinander. Vögel, die auf Insekten als Nahrung angewiesen sind, gehen noch stärker zurück. Und auch die Pflanzenwelt verändert sich, wenn es weniger Bestäuber gibt. Das könnte nicht nur Kräuter betreffen, sondern auch Bäume. Viele Pflanzen würden dann kleinere Früchte und Samen bilden oder gar keine. Darunter leiden dann auch die Körnerfresser unter den Vögeln. Also könnte letztlich ein Großteil der Vogelwelt betroffen sein. Und wir Menschen auch. In China gibt es in manchen Obstanbaugebieten bereits keine tierischen Bestäuber mehr. Die Menschen müssen selbst von Hand bestäuben.

IM FOKUS: Lässt sich dieser Trend noch stoppen?

Settele: Insekten vermehren sich leicht. Wenn sich ihre Lebensbedingungen verbessern, erholen sie sich auch schnell wieder. Was ihnen hilft: Eine abwechslungsreiche Landschaft, viel Grünland und Bauern, die wenig Pestizide einsetzen.

Die Fragen stellte Julia Romlewski

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