Vor allem Gülle aus Massentierhaltung und Gärreste aus Biogasanlagen sind schuld am Nitratproblem (Foto: Thomas Max Mueller/pixelio)
23.06.2014
Interview zum Düngeproblem

"Wasserwerke statt Chemiefabriken!"

Momentan darf jeder so viel Gülle auf den Acker kippen, wie er möchte. Dafür gibt es kaum Kontrollen. Ausbaden müssen das Wasserwerker wie Egon Harms. Sein Arbeitsplatz ist in Deutschlands Massentierhaltungsregion Nummer eins. Wie kriegt er da das Wasser sauber?

IM FOKUS: Bis 2015 sollen unsere Gewässer laut EU-Wasserrahmenrichtlinie in einem guten Zustand sein, Fristverlängerungen sind bis 2027 möglich. Schaffen wir das?

Harms: Nein! Insbesondere im Grundwasser läuft uns die Zeit davon. Die EU droht Deutschland ja schon mit einer Klage, weil die Nitratwerte steigen statt sinken. Die deutsche Antwort darauf ist eine Neuregelung der Düngeverordnung. Ich hoffe, dass diese schnell kommt und deutlich strenger ausfällt als die bisherige - und dass nun endlich schärfer kontrolliert wird, ob sich die Landwirte auch an die gesetzlichen Vorgaben halten. Tun sie das nicht, müssen Strafen folgen.

IM FOKUS: Das heißt, laut der jetzigen Düngeverordnung darf jeder so viel Gülle und Gärreste auf dem Acker ausbringen, wie er will?

Rot bedeutet schlechter Zustand, grün ist gut
Harms: Nein. Strenggenommen darf man auch heute nur "pflanzenbedarfsgerecht düngen", also so viel, wie die Pflanze aufnehmen kann. Das Problem: Diese Vorschrift wird kaum kontrolliert. Das zu kontrollieren ist auch fast unmöglich - jeder Boden und jede Pflanze nehmen unterschiedlich viel Nährstoffe auf. Es wäre besser, den ganzen Betrieb zu überwachen.

IM FOKUS: Das heißt?

Harms: Wir haben ja auch heute schon eine Düngeverordnung, in der steht, dass man bezogen auf den ganzen Betrieb einen Nährstoffüberschuss im Jahr von maximal 60 Kilo pro Hektar haben darf. Dieser Wert ist aber viel zu hoch. Andere Länder schreiben hier Höchstwerte von 20 Kilo oder gar 0 Kilo pro Hektar vor. In Dänemark und in den Niederlanden ist das zum Beispiel so. Aber selbst wenn ich bei uns diese 60 Kilo überschreite, droht mir keine Strafe. 

IM FOKUS: In den neunziger Jahren sind die Nitratwerte permanent gesunken. 2004 war die Trendwende - seither steigen sie wieder.

Harms: 2004 wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) novelliert und schaffte damit die Grundlage für den nachfolgenden Biogasboom in unserer Region. Das heißt: Zur Gülle aus den Ställen sind jetzt auch noch die Gärreste hinzu gekommen. Für Biogas wird vor allem Mais angebaut - und der wird intensiv gedüngt. Der Mais kann das zwar ab, allerdings wird im Winterhalbjahr der Überschuss, den der Mais nicht aufnehmen kann, ausgewaschen. So sind auch die Nitratwerte gestiegen. Das heißt aber auch: Schuld an den steigenden Nitratwerten sind nicht allein die Landwirte, sie sind das Ergebnis einer falschen Förderpolitik, unzureichender Gesetze und mangelnder Kontrolle.

IM FOKUS: Was Nitrat angeht, sieht Ihr Grundwasser ja nicht unbedingt gut aus. Auf einer Karte, die anzeigt, wo es in gutem und wo in schlechtem Zustand ist, ist Ihr Gebiet ganz rot.

Harms: Die Messstellen für diese Karte befinden sich alle ziemlich nah an der Oberfläche, also circa fünf bis zehn Meter unter der Geländeoberfläche. Unser Trinkwasser aus dem Wasserwerk kommt aber aus viel tieferen Schichten, zum Teil aus über 100 Meter Tiefe. Das Problem ist jedoch: Das Nitrat wandert allmählich - im Verlauf von vielen Jahren - auch in diese tieferen Schichten. Daher befürchten wir, dass die Nitratüberschüsse von heute das Trinkwasser von morgen belasten könnten.

IM FOKUS: Und Sie als Wasserwerker filtern das Nitrat dann wieder heraus?

Harms: Nein, das klappt leider nicht. Nitrat ist ein hoch lösliches Salz - wie Kochsalz. Das geht durch unsere heutigen Aufbereitungsanlagen durch. Wenn wir das Nitrat entfernen wollen, bräuchten wir Entsalzungsanlagen, wie man sie aus einigen reichen Wüstenstaaten kennt. Dann würde das Wasser aber vielleicht das Fünffache kosten. Damit würde unsere Region - die Menschen aber auch die Industrie - einen großen Wettbewerbsvorteil verlieren. Außerdem muss man sich fragen: Was kommt nach dem Nitrat? Antibiotika? Pestizide? Für all das bräuchten wir dann noch aufwendigere Aufbereitungsanlagen - mit einem noch höheren Energieaufwand. Außerdem wollen wir Wasserversorger nicht, dass unsere Wasserwerke Chemiefabriken werden.

IM FOKUS: Was machen Sie, um diese Entwicklung zu verhindern?

Harms: Wir pachten oder kaufen in unseren Trinkwasserschutzgebieten Ackerflächen, um sie dann unter strengen Auflagen an andere Landwirte zu verpachten. Dabei arbeiten wir sehr gerne mit Schafhaltern zusammen, die die entstandenen Grünlandflächen sehr extensiv bewirtschaften. Oder mit Ökobauern, die einem anerkannten Verband angeschlossen sind.

IM FOKUS: Flächen kaufen und pachten - das ist doch bestimmt nicht billig.

Harms: Es ist nicht billig. Aber es ist nachhaltig. Seit dem Ende der neunziger Jahren hat der Oldenburg-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) zirka 50 Millionen Euro für den Grund- und damit Trinkwasserschutz ausgegeben, jährlich sind das 2 bis 2,5 Millionen Euro. Aber umgerechnet auf den Kubikmeter sind das in diesem Zeitraum rund fünf Cent - also deutlich weniger als das, was eine Aufbereitung kosten würde. Wir finden: Unsere Kinder haben auch ein Recht auf naturbelassenes Trinkwasser, welches man direkt aus dem Wasserhahn trinken kann.

IM FOKUS: Wie ist es denn mit den Pestiziden. Sind die wenigstens im Wasserschutzgebiet verboten?

Harms: Nein. Es gab in den 1990er Jahren eine Wasserschutzgebietsauflage, Landwirten ist das als W-Auflage bekannt. Das heißt: Nur bestimmte Wirkstoffe durften in Wasserschutzgebieten eingesetzt werden. Dann hat die Zulassungsbehörde und mit ihr die Industrie gesagt: Die heutigen, "modernen" Wirkstoffe würden alle diesen hohen Anforderungen an den Wasserschutz entsprechen - und würden daher in Schutzgebieten eingesetzt werden können. Somit ist diese Wasserschutzauflage weggefallen - und damit der höhere Standard für das Trinkwasser. Aber jetzt, 20 Jahre später, finden wir diese Stoffe und ihre Abbauprodukte in unseren Messstellen. Da muss man aber auch sagen: Das ist nicht die Schuld der Landwirte. Das geht auf das Konto der Spritzmittelindustrie und der Zulassungsbehörden - beide haben versagt. Denn diese haben stets propagiert, dass sich die Mittel gut abbauen und nichts davon ins Grundwasser gelangen kann. Also sei es ja gar kein Problem, diese Mittel auch in Wasserschutzgebieten anzuwenden. Das hat sich als eindeutig falsch erwiesen.

IM FOKUS: Finden Sie diese Stoffe auch schon in Ihrem Trinkwasser?

Harms: Wir finden sie im Grundwasser und sehr vereinzelt in einigen wenigen Förderbrunnen. Diese Brunnen werden aber von uns stillgelegt, wenn die Gefahr droht, dass im Wasser dieses Brunnens ein Grenzwert überschritten werden könnte. Dann versuchen wir, die Ursache der Belastung zu finden, und leiten entsprechende Maßnahmen ein, zum Beispiel indem wir die Landwirte intensiv beraten. Sollte all das nicht ausreichen, kaufen wir die nahgelegenen Flächen und verpachten sie an einen Biobauern.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person:

Egon Harms ist Diplom-Geologe und Bereichsleiter Grundwassergewinnung und Ressourcenschutz beim Oldenburg-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV). Seine Aufgabe ist es, für ausreichend und vor allem für sauberes Trinkwasser für knapp eine Million Haushalte und Unternehmen zu sorgen.

Infos: www.oowv.de

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