Jeder Einzelne kann etwas tun: Einkaufen ist hochpolitisch, doch für eine Agrarwende braucht es auch strukturelle Veränderungen (Foto: imago)
13.02.2017
Streitgespräch über Landwirtschaft der Zukunft

"Die Supermarktkasse ist nicht der richtige Ort für Problemlösungen"

Die Lebensmittelproduktion muss sich verändern. Doch wer ist in der Pflicht, wenn es um Tierwohl und Umweltschutz geht? Die Bauern, die Politik, die Verbraucher oder etwa der Handel? Felix Löwenstein, Vorsitzender des Dachverbands der deutschen Biobranche, im Streitgespräch mit dem konventionellen Landwirt Willi Kremer-Schillings, bekannt als "Bauer Willi".

IM FOKUS: Sie beide entsprechen ja nun nicht gerade dem Klischee: Der konventionelle Bauer Willi Kremer-Schillings bewirtschaftet im Nebenerwerb 40 Hektar, der Biobauer Felix Löwenstein lebt auf einem Hof mit 160 Hektar...

Löwenstein: Bei mir waren es noch 120 Hektar. Mein früherer Verwalter ist dann mit 40 Hektar bei uns eingestiegen, als ich den Hof übergeben habe. Wir sind jetzt zwei Familien auf einem Betrieb.

IM FOKUS: Und das rechnet sich?

Löwenstein: Ja, wobei Heil-und Gewürzpflanzen den wirtschaftlichen Schwerpunkt bilden.

IM FOKUS: Herr Kremer-Schillings, Sie haben die Beziehung zwischen Landwirten und Verbrauchern einmal mit einer gescheiterten Ehe verglichen. Warum?

Kremer-Schillings: Ich spüre ein zunehmendes Unverständnis meiner Mitmenschen für die Landwirtschaft. Das merke ich zum Beispiel bei meinen neuen Nachbarn. Die rufen die Polizei, wenn ich am Sonntagabend mit dem Mähdrescher unterwegs bin. Dieses Unverständnis brachte mich auch dazu, einen offenen Brief an die Verbraucher zu schreiben. Heute würde ich das wohl anders machen. Wut ist schließlich keine gute Ausgangsbasis für Dialog. Deshalb mag ich die Bezeichnung Wutbauer auch nicht. Wir Landwirte dürfen uns aber auch nicht auf unseren Höfen verschanzen, sondern müssen offener werden.

Löwenstein:  Ärger, weil wir nachts pflügen, habe ich auch erlebt. Aber die Kritik der Gesellschaft an der Landwirtschaft geht tiefer. Und die müssen wir ernst nehmen, weil es unsere Kunden sind. Das geht aber nicht, wenn man gebetsmühlenartig wiederholt, es gebe keine Probleme in der Landwirtschaft. Denn die Verbraucher bekommen ja mit, dass es massive Probleme beim Tierwohl gibt oder unser Trinkwasser durch Überdüngung stark mit Nitrat belastet ist. Wir müssen der Gesellschaft sagen, dass wir mit ihr gemeinsam die Probleme lösen wollen, dass aber nicht alles von heute auf morgen geht.

Kremer-Schillings: Genau, wir Bauern müssen die Agrarwende selbst in die Hand nehmen. Ich frage meine Kollegen, die Tiere halten, oft, wie sie dem Verbraucher erklären wollen, dass sie Hühnerschnäbel kürzen oder Ferkelschwänze kupieren. Das ist fast nicht vermittelbar. Und ich glaube, die Tierhalter finden das tief in ihrem Innersten selbst auch nicht gut. Interessanterweise akzeptiert ein Discounter in Deutschland schon seit 2015 kein Frischfleisch von kastrierten Schweine mehr, sondern nur noch Eber. Lange hieß es, die seien nicht verkäuflich, weil sie stinken. Der Handel beweist jetzt, dass es auch ohne Kastration geht.

IM FOKUS: Andere Discounter ziehen jetzt offenbar gerade nach. Aber sollte tatsächlich der Handel die Standards fürs Tierwohl definieren? Ist das nicht eher Sache der Politik?

Löwenstein: Wenn die Handelsunternehmen anfangen, die Standards zu setzen, weil der gesellschaftliche Druck zu groß wird, werden die Landwirte vor vollendete Tatsachen gestellt. Für die Bauern wäre es besser aufzuwachen, sich nicht länger gegen Veränderungen zu sperren und sich rechtzeitig aktiv einzubringen.

Kremer-Schillings: Ich sehe aber auch die Verbraucher in der Pflicht. Wir können alles machen, auch Bio, wenn der Verbraucher das so will. Aber die Verbraucher müssen dann auch akzeptieren, dass die Lebensmittel teurer werden. Da scheint es noch Luft nach oben zu geben.

IM FOKUS: Können wir so wichtige Themen wie Tierwohl und Umweltschutz dem Gewissen der Verbraucher überlassen, Herr Löwenstein?

Löwenstein:  Die Supermarktkasse ist nicht der richtige Ort für Problemlösungen. Wir müssen für alle die Produktionsbedingungen ändern. Nehmen wir den Pestizideinsatz und seine Umweltfolgen. Um das zu lösen, wäre es am besten, eine europaweite Pestizidabgabe einzuführen und über die Außenzölle zu verhindern, dass Drittländer, die keine solche Abgabe haben, billiger produzieren können.

IM FOKUS: Herr Kremer-Schillings, Ihr Sohn überlegt, demnächst Ihren Hof zu übernehmen und vielleicht auf Bio umzustellen. Wieso haben Sie das selbst nicht längst getan? Sie beklagen sich doch immer wieder über Billigpreise für Lebensmittel.

Kremer-Schillings: Als ich vor 40 Jahren anfing, war Bio noch kein großes Thema. Ich war außerdem Nebenerwerbslandwirt und habe mein Geld außerhalb der Landwirtschaft in einem Zuckerunternehmen im Rheinland verdient. Und im Nebenerwerb ist Bio schwierig, weil ja sehr arbeitsintensiv.

IM FOKUS: Wie kann man konventionelle Landwirte für Bio begeistern?

Kremer-Schillings: Mit finanziellen Argumenten. Wenn sie erkennen, dass sie mit Bio mehr Geld verdienen können oder ein stabileres Auskommen haben. Die Milchkrise hat ja zuletzt viele dazu gebracht, auf Bio umzustellen.

Löwenstein: Die Preise spielen natürlich eine Rolle. Es ist aber auch irre wichtig, dass junge Leute in ihrer landwirtschaftlichen Ausbildung überhaupt etwas über Biolandbau erfahren. Das ist leider meistens nicht der Fall. Oder sie erhalten negative Informationen darüber.

IM FOKUS: Herr Löwenstein, wie stellen Sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vor?

Löwenstein: Sie muss vor allem stabil sein. Ökonomisch, damit Bauernfamilien davon leben können. Ökologisch, damit aufhören, endliche Ressourcen zu verbrauchen, die Voraussetzung für die landwirtschaftliche Produktion sind - wie Biodiversität oder Bodenfruchtbarkeit. Und systemisch, damit Landwirtschaft nicht auf Gedeih und Verderb auf den Import naturfremder Stoffe angewiesen ist, wie Pestizide oder Antibiotika. Auf dem Weg ist der ökologische Landbau weiter - aber noch nicht angekommen.

IM FOKUS: Herr Kremer-Schillings, wo geht es Ihrer Meinung nach hin? Und welche Rolle wird der Biolandbau dabei spielen?

Kremer-Schillings: Wir werden in 15 Jahren weniger Betriebe haben. Und wir werden uns in der konventionellen Landwirtschaft von manchen Produktionsweisen verabschieden müssen, auch weil wir immer mehr Probleme mit Resistenzen gegen chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel bekommen. Ich würde es daher sehr befürworten, wenn der Biolandbau mehr Forschungsgelder bekäme. Denn von den Ergebnissen können alle profitieren.

Zu den Personen

Felix Löwenstein (63) stellte den Familienhof Habitzheim im hessischen Odenwald 1992 auf Biolandbau um. Inzwischen wird das Hofgut in zweiter Generation ökologisch bewirtschaftet. Löwenstein gilt als Gesicht der deutschen Biobranche - er ist Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dem Dachverband der Biobranche. Er hat zwei Bücher über die Welternährung geschrieben: "Es ist genug da. Für alle" und "Food Crash - Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr".

Willi Kremer-Schillings (62) betreibt im Nebenwerb einen kleinen Ackerbaubetrieb im Rheinland. Hauptberuflich ist er landwirtschaftlicher Berater eines Zuckerunternehmens im Rheinland. Bekannt wurde Kremer-Schillings vor zwei Jahren mit einem offenen Brief an die Verbraucher, in dem er die Doppelmoral vieler Menschen beim Einkaufen anprangerte. Er saß bereits in einer Talkshow von Günther Jauch und meldet sich regelmäßig auf seiner Internetseite als "Bauer Willi" zu Wort. Sein Ziel: Mit den Verbrauchern ins Gespräch kommen und aufklären. Von ihm stammt das Buch "Sauerei! Bauer Willi über billiges Essen und unsere Macht als Verbraucher"

Die Fragen stellte Julia Romlewski

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