16.01.2015
Faktencheck zu Umweltzielen

Wird die Landwirtschaft immer umweltfreundlicher?

Platz, frisches Stroh und vielleicht noch ein paar Streicheleinheiten vom Minister. Die Messehallen zur Internationalen Grünen Woche in Berlin sind eröffnet. Was uns jetzt erwartet, sind zahlreiche Reden über die Landwirtschaft in Deutschland, die angeblich immer umweltfreundlicher wird. Stimmt das? Von Magdalena Fröhlich

Wer von einer besseren Umweltleistung der Landwirtschaft hört, der denkt an weniger Pestizide, weniger Antibiotika, weniger Futtermittelimporte aus Übersee, an mehr grüne Wiesen und weniger durch Chemikalien und Dünger belastetes Grundwasser. Erst im Herbst 2014 verkündete der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in einer Pressemitteilung, dass er "die Landwirtschaft in einer besonderen Verantwortung gegenüber dem Klima- und Umweltschutz" sehe. (1) Ferner sagte er Mitte Dezember der Wochenzeitung "DIE ZEIT", dass er das Thema "Antibiotika" zur Chefsache mache und sich für weniger Antibiotika in der Massentierhaltung einsetze. (2) Wie diese Aussagen mit der Wirklichkeit in der konventionellen Landwirtschaft zusammenpassen, und ob die Bundesregierung an ihren eigenen Zielen festhält, haben wir überprüft.

Pestizide - immer mehr statt weniger

Die Entwicklung: Der Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide ist gestiegen. Das belegen Zahlen der Pestizidindustrie. Allein in den zehn Jahren von 2002 bis 2013 stieg die Menge der Pestizide um rund ein Viertel - von 34.678 auf 43.765 Tonnen (3). Gleichzeitig ist die landwirtschaftlich genutzte Fläche in etwa gleich geblieben. Der Industrieverband Agrar - der Branchenverband der Düngemittel- und Pestizidhersteller in Deutschland - verkündete im vergangenem Jahr ein Umsatzplus auf dem Weltmarkt für Pestizide: Auf 52,7 Milliarden Dollar wuchs im Jahr 2013 das Pestizidgeschäft an: Das sind 11,4 Prozent mehr als im Vergleich zum Vorjahr. Von diesen Summen müssen die Pestizidproduzenten weder etwas für die Risikoanalyse ihrer Pestizide abtreten, noch müssen sie für dadurch entstandene Umweltschäden aufkommen. (4)

Hinzu kommt: Sowohl die Anzahl der zugelassenen Pestizide als auch die Anzahl der Wirkstoffe ist gestiegen. Von 248 Wirkstoffen im Jahr 2004 auf 269 im Jahr 2013. Im selben Zeitraum hat sich auch die Anzahl der Mittel um knapp 60 Stück erhöht - auf 748. Das geht aus Daten des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hervor. (3)

Die Strategie: Auch die EU hat erkannt: So kann es nicht weitergehen. Bereits 2009 legte sie eine Richtlinie vor, die die Abhängigkeit von Pestiziden und deren Risiken beschränken soll. Jedes EU-Land erhielt dazu die Aufgabe, einen Nationalen Aktions-Plan (NAP) vorzulegen. (5)

Pestizide werden auf einem Rapsfeld gespritzt
Über 40.000 Tonnen Pestizide werden jährlich in Deutschland verkauft (Foto: blickwinkel/imago)
Stand der Dinge: Der Nationale Aktions-Plan der deutschen Bundesregierung wurde im Frühjahr 2013 nach einem langwierigen Prozess verabschiedet. Doch zuvor, im Jahr 2011, stiegen mehrere Umweltverbände aus den Verhandlungen über den Textentwurf aus und wollten die Regierung nicht länger beraten. Auch die Wasserwirtschaft war über den Textentwurf verärgert und hat den Verhandlungstisch verlassen. In einer Stellungnahme vom 31.10.2012 des Bundesverbandes der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) heißt es: "Aus Sicht der Wasserwirtschaft stellt sich die Frage, was der Mehrwert des NAP für den Gewässerschutz ist, da im Wesentlichen nur die ohnehin bereits geltenden Regelungen aufgeführt sind. Wesentliche, bereits geltende Vorgaben, wie zum Beispiel die Pflicht zur Trendumkehr sowie Grenzwerte für Metaboliten nach EU Wasserrahmenrichtlinie fehlen zudem. Für dieses Ergebnis hätte es jedoch nicht eines circa fünfjährigen Diskussionsprozesses im Forum des NAP bedurft."(6)

Erst im vergangenen Jahr anlässlich der Internationalen Grünen Woche forderte der Wasserwirtschaftsverband gemeinsam mit den Umweltverbanden die Regierung erneut auf, den NAP "grundlegend nachzubessern." (7)

Überdüngung: Verschmutztes Wasser und Artensterben

Zu viel Dünger führt zur Eutrophierung - zum Umkippen von Gewässern (Foto: imago)
Die Entwicklung: Gerade einmal acht Prozent der deutschen Flüsse und Bäche erreichten 2009 einen ökologisch "guten" oder "sehr guten" Zustand. Dies geht aus einer Meldung des Umweltbundesamtes vom Oktober 2013 hervor. (8) Neben Flussbegradigungen spielt vor allem die Landwirtschaft eine entscheidende Rolle: Weil der Boden nur begrenzt Nährstoffe - also Dünger - aufnehmen kann, gelangt ein großer Teil ins Grundwasser, in Bäche und Flüsse und landet letztendlich im Meer. Dies führt zu einem starken Algenwachstum und somit zu einem geringeren Sauerstoffgehalt der Gewässer. Die Folge: Viele Lebewesen sterben, bis zu 20 Prozent der Ostsee gelten als biologisch tote Zone. Im Juli 2010 bedeckte ein Blaualgenteppich fast 90 Prozent der gesamten Ostsee. Aber auch über die Luft gelangt jede Menge Stickstoff in den Boden und in die Gewässer. Dieser entweicht etwa beim Düngen der Felder oder aus Tiermastanlagen. (9)

Dem Umweltbundesamt zufolge stammen zwei Drittel der Stickstoffemissionen in Deutschland aus der Landwirtschaft. (10, 11) Das Bundesamt für Naturschutz hat ermittelt, dass fast die Hälfte der Pflanzenarten auf der "Roten Liste" durch zu viele Nährstoffe belastet ist. Auch weltweit gilt zu viel Stickstoff als einer von fünf Hauptgründen für das Schwinden der Biodiversität. Somit sind in der EU bereits 61 Prozent der natürlichen Lebensräume überdüngt. (11)

Stickstoff ist ein wesentlicher Baustein für alle Lebewesen - in zu hoher Konzentration ist er allerdings schädlich. Stickstoff hat die chemische Bezeichnung N. Stickstoffverbindungen sind beispielsweise auch Lachgas
(N2O), das rund 300-mal klimaschädlicher ist als CO2. Auch Nitrat ist eine Stickstoffverbindung (NO3). Eine erhöhte Nitratkonzentration im Trinkwasser kann zu Gesundheitsschäden führen, deshalb mussten schon mehrere Wasserwerke Brunnen schließen. Beide Stoffe kommen durch Dünger in die Umwelt.

Auch Amoniak ist eine Stickstoffverbindung. Dieser Stoff unterliegt der sogenannten NEC-Richtlinie (2001/81/EG, NEC = National Emission Ceilings), welche die Emissionshöchstmengen für Luftschadstoffe festlegt. In einem Antrag der Grünen im Bundestag heißt es: "Der Höchstwert, der für Deutschland 550 Kilotonnen pro Jahr beträgt, wurde im Jahr 2010 mit 552 Kilotonnen knapp verfehlt, im Jahr 2011 aber mit 563 Kilotonnen wieder deutlich überschritten." Weiter heißt es, dass 95 Prozent aller Amoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft stammen. Quelle: bundestag.de

Die Strategie: Die EU hat im Jahr 2000 die sogenannte "Wasserrahmen-Richtlinie" (WRRL) erlassen, nach der bis 2015 alle Gewässer in einem chemisch und ökologisch guten Zustand sein sollen, auf keinen Fall dürfe sich der Zustand verschlechtern. Auch die 1991 erlassene EU-Nitratrichtlinie zielt darauf ab, die Wasserqualität zu erhöhen, indem der Nitratgehalt gesenkt wird. Nitrat gelangt vor allem durch Stickstoffdünger in die Gewässer. Auch die 2008 verabschiedete Merresstrategie-Rahmenrichtlinie soll dazu dienen, dass das Meer nicht überdüngt wird. Das Instrument in Deutschland dazu ist die Düngeverordnung, die derzeit novelliert wird. (12)

Stand der Dinge: Weil sich in Deutschland kaum etwas verbessert hat und keine guten Regeln zur Düngepraxis formuliert wurden, hat die EU ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Die Kommission schreibt: "In Deutschland ist die Düngeverordnung das Hauptinstrument zur Umsetzung der EU-Nitratrichtlinie. Deren Vorgaben werden jedoch bisher klar verfehlt: Die jüngsten von Deutschland vorgelegten Zahlen zeigen, dass der vorgeschriebene Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser zwischen 2008 und 2011 an über der Hälfte (50,3 Prozent) aller Messstellen [Anmerkung: hier wird nahe an der Gewässeroberfläche gemessen, also nicht sehr tief, wo die Konzentrationen geringer sind] überschritten wurde, unverändert gegenüber dem Zeitraum 2004-2007." (13)

Auch in der Biodiversitätsstrategie hat sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, dass zumindest auf besonders empfindlichen Flächen nicht mehr Stickstoff ausgetragen wird, als es das Ökosystem verträgt. Einer Publikation vom Januar 2015 des Umweltbundesamtes zufolge ist das erst auf der Hälfte dieser Flächen der Fall. (9, 10, 11, 12, 13, 14, 15)

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung in Umweltfragen berät, hat erst vor wenigen Tagen zu konsequenteren Handeln gemahnt: So sieht der Rat den Entwurf zur neuen Düngeverordnung noch nicht als streng genug und schreibt außerdem: "Wichtig ist vor allem: Ohne scharfe Kontrollen und Sanktionen nützen die strengsten Vorgaben wenig." Zusätzlich empfiehlt das Gremium, eine Umweltabgabe auf Stickstoffüberschüsse aus der Landwirtschaft einzuführen. Das heißt: Wer zu viel düngt, muss dafür auch zahlen. (16)

Grünlandumbruch: Mais-Monokultur statt artenreiche Wiesen

Die Entwicklung: In Deutschland gibt es immer weniger Wiesen und Weiden. Allein von 1990 bis 2009 hat sich die Grünlandfläche in Deutschland um 875.000 Hektar verringert - das ist etwa die Hälfte der Fläche von Thüringen. Im Jahr 2013 gab es nur noch 4.621.000 Hektar, die als Viehweiden, Streuobstwiesen oder andere Grasflächen genutzt wurden - das sind rund 38 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche. In diesen Flächen werden 35 Prozent der gesamten Kohlenstoffvorräte landwirtschaftlicher Böden in Deutschland gespeichert. Verschwinden diese Wiesen, entweicht das CO2 in die Atmosphäre. 20 bis 35 Tonnen C-Äquivalente werden freigesetzt, wenn ein Hektar Grünland umgebrochen - also etwa in einen Acker verwandelt - wird. (17, 18)

Die Erde ist in einigen Bereichen schon an ihren Belastungsgrenze angelangt, zum Teil werden sie schon überschritten (Grafik: Felix Müller nach Daten von Rockström)
Nicht nur für das Klima, auch für die Artenvielfalt hat der Rückgang von Wiesen und Weiden enorme Folgen. Das Bundesamt für Naturschutz schreibt in seinem Grünlandreport von 2014: "Über ein Drittel aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen haben ihr Hauptvorkommen im Grünland. Von den in Deutschland gefährdeten Arten der Farn- und Blütenpflanzen haben sogar rund 40 Prozent (das entspricht 822 Arten) ihr Hauptvorkommen im Grünland." (17)

Als Gründe für den Umbruch von Grünland sieht das Bundesamt für Naturschutz eine Intensivierung in der Milchproduktion und den Anbau von Energiepflanzen, etwa Mais. Auch das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Website: "Eine Auswertung der Daten verschiedener Bundesländer aus dem Jahr 2009 zeigt, dass Mais mit über 50 Prozent die dominante Flächennutzung nach einer Grünlandumwandlung in Ackerland ist." (18, 19)

Strategie: Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU legt mit den Vorgaben der sogenannten "cross compliance" fest, was ein Bauer tun muss, damit er Direktzahlungen, also Subventionen, von der EU bekommt. Dazu zählt seit 2009 auch, dass Grünlandflächen geschützt werden müssen. In jedem Bundesland dürfen nicht mehr als fünf Prozent der Wiesen und Weiden im Vergleich zum Jahr 2003 verschwinden. Wird dieser Wert überschritten, muss es sich der einzelne Landwirt genehmigen lassen, ob er sein Grün- in Ackerland verwandelt.

Stand der Dinge: Die Entwicklung geht weiter - immer mehr Grünland schwindet. Aktuell wurde im Dezember in Niedersachsen ein Verbot aufgehoben, keine Wiesen mehr in Äcker zu verwandeln. Seit Januar gilt das Verbot wieder, damit die Bauern für 2015 ihre Prämien erhalten können. Denn dann greifen die GAP-Reglungen zum sogenannten "Greening". (20)

Auch das Ziel der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, die Biodiversität zu schützen, wird durch den Grünlandumbruch verfehlt. Im Indikatorenbericht von 2014 heißt es: Der Indikatorenwert für den Agrarraum "ist auf 56 Prozent des Zielwertes [Anmerkung: Zielwert von 100 Prozent] abgesunken und hat sich in den letzten zehn Jahren signifikant verschlechtert." (19, 21)

Futtermittel: Soja-Importe aus Übersee für deutsche Tiermast

Die Entwicklung: Auch in der Tierhaltung hat die Industrialisierung immer weiter zugenommen. Um die Tiere hier zu Höchstleistungen zu bringen, wird hochwertiges Eiweißfutter importiert - vor allem Soja aus Nord- und Südamerika, das meist gentechnisch verändert ist. Die Futtermittel aus Deutschland können den enormen Verbrauch der Tiere nicht decken - dazu gibt es hier schlichtweg zu wenig Anbaufläche. Rund 3,5 Millionen Tonnen Sojabohnen und 3 Millionen Sojaschrot wurden 2013 für die Tiermast nach Deutschland importiert. (22)

Wir mästen also immer mehr Tiere, als wir mit Futter versorgen können - und beanspruchen Anbauflächen in Übersee, die dort in Monokulturen und mit hohen Pestizideinsatz bewirtschaftet werden. Hinzu kommt: Laut Thünen-Institut gehen 3,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente auf den Import von Soja als Futtermittel - und diese Rechnung hat die Abholzung von Regenwald oder die Umwandlung von Wiesen in Ackerflächen noch nicht einbezogen. Nur Stickstoffdünger sowie Strom und Gas für Maschinen und den Hof produzieren, bezogen auf die Landwirtschaft, mehr Treibhausgasemissionen. (23) In Deutschland werden zudem immer mehr Tiere gemästet, als hierzulande Fleisch gegessen wird.

Denn: Der Fleischkonsum liegt in Deutschland seit Jahren bei rund 60 Kilo. Das ist zwar immer noch zu hoch (die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegen bei 300 bis 600 Gramm pro Woche, also rund 31 Kilogramm jährlich), die Tendenz ist sinkend. (24, 25) Was hierzulande nicht gegessen wird, landet im Ausland auf dem Teller: Rund 19 Prozent Fleisch wurde 2012 in Deutschland mehr erzeugt als gegessen - und wurden damit für den Export erzeugt. Das sind 18 Prozent mehr als 2006, in den Jahren zuvor lag der Selbstversorgungsgrad bei knapp unter 100 Prozent. Am stärksten ist der Anteil von Hühnerfleisch gestiegen: Hier liegt der Selbstversorgungsgrad bei 128 Prozent.  Trotzdem wird auch Fleisch importiert, vor allem das von Hühnchen - denn hier wird vor allem das Brustfleisch gegessen. Allein im ersten Quartal 2014 waren das im Geflügelbereich 20 Prozent der insgesamt eingeführten Fleischmenge. (26, 27)

Das Bundesamt für Statistik hat nachgewiesen: Allein für den Export tierischer Produkte ist der Flächenverbrauch im Ausland seit dem Jahr 2000 um 80 Prozent gestiegen. (28) Ein Grund, warum Viehfutter so viel Fläche beansprucht: Damit ein Schwein ein Kilo zunimmt, braucht es rund drei Kilo Futter.

All dies bedeutet: Je mehr Tiere es hier gibt, desto mehr verschärft sich das Überdüngungsproblem, und: Ein Ziel, den Flächenverbrauch deutscher Massenställe in Übersee - und damit auch den Konflikt Trog oder Teller - zu reduzieren, gibt es nicht.

Antibiotika: Mehr gesunde Tiere als kranke Menschen behandelt

Die Entwicklung: In der Tiermast werden immer weniger Antibiotika eingesetzt. Das stimmt - wenn man nur die Mengen betrachtet. 2013 wurden 167 Tonnen weniger Antibiotika eingesetzt, als noch ein Jahr davor. Die aktuelle Menge beträgt 1.452 Tonnen. Das geht aus einer Datenerhebung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hervor. (29) Beruhigend ist das aber nicht: Es werden immer mehr Antibiotika an Geflügel, Schweine und Rinder verfüttert, die eigentlich als Reserveantibiotika für Menschen gelten. Ein Verbot, diese einzusetzen, gibt es nicht. (30, 31)

Durch den hohen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, werden viele Antibiotika für Menschen unwirksam (Foto: imago)
Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist alarmiert: Allein in der Europäischen Union sterben jedes Jahr etwa 25.000 Menschen, weil ihre Infekte nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden können. (32) Zudem werden mittlerweile mehr gesunde Tiere mit Antibiotika behandelt als kranke Menschen - denn statt ein einzelnen erkranktes Tier mit Medikamenten zu versorgen und von den anderen Tieren zu isolieren, erhält bei Geflügel die ganze Herde Antibiotika im Futter oder Trinkwasser. Ein Beispiel: 39 Tage lebt ein konventionelles Masthähnchen - und bekommt in dieser Zeit im Schnitt zehn Mal Antibiotika. (31, 32, 33, 34) Das führt zu immer mehr gegen Antibiotika resistenten Keimen - und damit zu immer mehr Menschen, die an sogenannten "Krankenhauskeimen" wie ESBL und MRSA leiden.

Ende 2013 formierte sich daher auch ein Bündnis verschiedener Ärzte und gründete die Initiative "Ärzte gegen Massentierhaltung". In einem Positionspapier hießt es: "Das Auftreten von MRSA hat sich seit 1992 verzehnfacht. Vorsichtige Schätzungen sprechen von 132.000 MRSA-Nachweisen pro Jahr in Deutschland." (33) Selbst im Grundwasser ist Antibiotika schon nachweisbar: Im Landkreis Cloppenburg wurden im November 2014 in drei Grundwasserproben eines Wasserwerks Antibiotika aus der Tiermedizin ermittelt. (35)

Vorbild Dänemark: Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise Dänemark. Hier werden insgesamt nicht nur weitaus weniger Antibiotika verabreicht, selbst Danish Crown, der größte Fleischverarbeiter in Europa, will künftig zumindest in der Schweinemast auf Antibiotika verzichten. (36)

Strategie: Im April 2014 trat zwar ein neues Arzneimittelgesetz in Kraft – das sagt aber nur, dass die Tierhalter ihre Mengen an Antibiotika, die sie einsetzen auch tatsächlich melden müssen. Die Meldepflicht betrifft nur Betriebe, auf denen mehr als 250 Schweine, 20 Rinder, 1.000 Puten oder 10.000 Masthühner gehalten werden. So möchte man ermitteln, ob Antibiotika auch als Wachstumsbeschleuniger eingesetzt werden - denn dies ist eigentlich verboten. (37)

Stand der Dinge: Die Ursachen werden vom Gesetzgeber nicht in den Blick genommen: Denn der Bewegungsmangel, die schnelle Mast, kein Auslauf an der frischen Luft und die große Menge an Tieren in Massentierställen führen zu einem schwachen Immunsystem und zu einer schnellen Ansteckungsgefahr der Tiere.

Förderung: 82 Millionen für Agro-Energie, 17 Millionen für Öko

Die Entwicklung: Die Fördergelder für Forschung, Bildung und andere Projekte im Ökolandbau werden immer weniger. Erst im November 2014 hat Die Linke eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, wie es sich mit der Förderung und Wirkung des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft verhält. Dieses Programm gibt es seit 2003/2004. Es war zunächst mit knapp 35 Millionen Euro ausgestattet. Dann schrumpfte das Budget auf 20 Millionen Euro, seit 2007 sind es noch 17 Millionen Euro. Hinzu kommt: Seit 2011 fließt das Geld nicht mehr nur in den Ökolandbau, sondern auch in das, was die Bundesregierung als nachhaltige Form von Landwirtschaft beschreibt. Was also bleibt nun für den Ökolandbau übrig? Die Antwort der Bundesregierung ist eindeutig: Während 2011 noch 93 Prozent in die Öko-Förderung flossen, waren es 2012 nur noch 79 Prozent und 2013 lag die Förderung statt der ursprünglichen 100 Prozent bei gerade einmal 68 Prozent - das heißt: Rund 30 Prozent weniger für Bio. (38)

Biosprit, Biogas - all das erhält viele Fördergelder (Foto: imago)
Zum Vergleich: Die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR), ein Verein, der sich vor allem für den Anbau von Energiepflanzen für Biogas und Biokraftstoffe einsetzt, erhält aus dem Agrarhaushalt satte 60 Millionen Euro. Eine Anfrage der Grünen hat ergeben: Insgesamt erhielt die FNR rund 82 Millionen staatliche Gelder, davon stammen 20,1 Millionen aus dem Energie- und Klimafonds. Dabei fordern sowohl die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Industriestaaten dazu auf, staatliche Anreize für Agrartreibstoffe zu beenden. Denn dies treibe die Preise für Lebensmittel nach oben und verschärft somit den Welthunger. (39, 40, 41) Doch in einer Pressemitteilung des FNR vom Juli 2014 hießt es: "Die Bedürfnisse der Bioökonomie [= nachwachsende Rohstoffe für Energie, Industrie etc.] mit den Herausforderungen einer globalen Ernährungssicherung und den Anforderungen des Natur- und Umweltschutzes zu harmonisieren ist für Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt eine der zentralen Aufgaben." (42)

Strategie: Die Bundesregierung hat sich in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zum Ziel gesetzt, den Anteil von Ökolandbau in Deutschland innerhalb "der nächsten Jahre" auf 20 Prozent zu erhöhen. Auf ein genaues Jahr will man sich aber nicht mehr festlegen. Das war schon einmal anders: Renate Künast (Grüne) hat während ihrer Amtsperiode als Landwirtschaftsministerin bereits im Jahr 2001 festgelegt: 20 Prozent bis 2010. (43).

Stand der Dinge: 2013 betrug der Anteil des Biolandbaus 6,4 Prozent der gesamten Landwirtschaftlich genutzten Fläche. Vergleicht man die einzelnen Bundesländer, ergibt sich eine weite Bandbreite: Von 2,9 Prozent in Niedersachsen bis hin zu 12,3 Prozent im Saarland. (44) Dabei ist Bayern das einzige Bundesland, das eine Strategie zur Verdoppelung des Ökolandbaus auf zwölf Prozent bis zum Jahr 2020 vorgelegt hat. (45) Thüringen strebt bis 2020 das Ziel der Zehn-Prozent-Marke an. (46)

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Kommentar: Alles im grünen Bereich? Mitnichten!


Verwendete Quellen:

(1) Pressemittelung des Bundeslandwirtschaftsministeriums

(2) ZEIT-Artikel über Antibiotika

(3) Daten über Pestizide vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

(4) Pressemitteilung des Industrieverbandes Agrar vom 12. Mai 2014

(5) EU-Richtlinie über einen Aktionsrahmen der Gemeinschaft für die nachhaltige Verwendung von Pestiziden

(6) Stellungnahme des Bund der deutschen Wasserwirtschaft

(7) Gemeinsame Erklärung der Umweltverbände, Imker und der Wasserwirtschaft bei der Internationalen Grünen Woche 2014 zum NAP

(8) Das Umweltbundesamt über die Wasserrahmenrichtlinie

(9) Das Umweltbundesamt zur Eutrophierung der Ostsee 

(10) Pressemitteilung des Umweltbundesamtes zu Stickstoffüberschüssen

(11) Publikation des Umweltbundesamtes zum Thema Stickstoff

(12) EU-Nitrat-Richtlinie 

(13) Die EU-Kommission zur Wasserrahmen-Richtlinie

(14) Bundesamt für Naturschutz: Indiaktirenbericht zur nationalen Biodiversitätsstrategie

(15) Biodiversitätsstrategie 

(16) Sachverständigenrat für Umweltfragen zum Thema Stickstoff

(17) Grünlandreport des Bundesamtes für Naturschutz 

(18) Das Umweltbundesamt zum Thema Grünlandumbruch

(19) Indiaktorenbericht zur nachhaltigen Entiwicklung in Deutschland des Bundesamtes für Statistik

(20) SPD-Pressemittelung zur Aufhebung des Grünlandumbruch-Verbots in Niedersachsen

(21) Nationale Nachhaltigkeitsstrategie

(22) Daten zur Menge von importiertem Soja 

(23) Klima-Berechnung des Thünen-Instituts zu Soja-Importen

(24) Zahlen zum Fleischkonsum 

(25) Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

(26) Selbstversorgungsgrad mit Fleisch, Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums

(27) Einfuhren von Fleisch nach Deutschland im ersten Quartal 2014

(28) Bundesamt für Statistik zum Thema Flächenverbrauch

(29) Datenerhebung zum Antibiotikaeinsatz des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

(30) Pressemittelung des niedersächsischen Agrarministers Christian Meyer zu Reserve-Antibiotika

(31) Weltagrarbericht zum Thema Antibiotika

(32) 25.000 Todesfälle in der EU wegen Antibiotikaresistenzen 

(33) Positionspapier der Ärzte gegen Massentierhaltung 

(34) Presseinformation der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, der Universität Leipzig und des Bundesinstituts für Risikobewertung

(35) Antibiotika im Grundwasser

(36) Pressemitteilung von Danish Crown

(37) Infos zum novellierten Tierarzneimittelgesetz 

(38) Anfrage der Linken zur Förderung und Wirkung des Bundesprogrammes ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft

(39) Anfrage der Grünen bezüglich der Gelder für die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

(40) Das Umweltbundesamt zum Thema Biomasse

(41) Policy Report der FAO, OECD, Weltbank und anderen Organisationen: Price Volatility in Food and Agricultural Markets

(42) Pressemittelung des FNR

(43) 20 Prozent-Ziel von Renate Künast

(44) Entwicklung der Fläche des Ökolandbaus

(45) Strategie BioRegio 2020 zur Förderung des Ökolandbaus in Bayern

(46) Strategie zur Förderung des Ökolandbaus in Thüringen

 

Im Netz:

Bilder zum Blaualgen-Teppich in der Ostsee

Deutsche Antibiotikaresistenzstrategie (DART)

Infos zum Tierarzneimittelgesetz