Millionen Tonnen Insektizide werden jährlich in Europa auf die Felder ausgebracht. (Foto: Imago)
23.04.2018
Neonikotinoide

Seit 40 Jahren unter Verdacht

Sie sind nach wie vor ein Verkaufsschlager: die sogenannten Neonikotinoide. Umstritten sind die Insektizide schon lange, jetzt könnte es in der EU immerhin zu einem Freilandverbot kommen. Von Marta Fröhlich

Neonikotinoide stehen derzeit auf der politischen Agenda in Berlin und Brüssel. Dabei sind die Diskussionen um die synthetisch hergestellten Pestzide, die im Verdacht stehen, für das Bienensterben mitverantwortlich zu sein, nicht neu. Eine Chronik:

Siebziger Jahre: Die Shell Development Company erfindet einen Stoff aus der Gruppe der Neonikotinoide (kurz Neonics), das auch eine unerwartete tödliche Wirkung auf Stubenfliege und Erbsenlaus hat.

Achtziger Jahre: Ein japanisches Unternehmen, das heute zu Bayer gehört, forscht an dem Mittel weiter, um einen Reisschädling zu bekämpfen. Heraus kommt das Mittel Imidacloprid.

Neunziger Jahre: Die Bayer AG kommerzialisiert Imidacloprid, es wird das weltweit meistverkaufte Insektizid im Pflanzenschutz. Viele weitere Unternehmen schließen sich der Forschung an den Neonikotinoiden an. Sie werden zur am schnellsten wachsenden Insektizidklasse, weil sie ein breites Wirkungsspektrum, niedrige Ausbringungsmengen, gute Eigenschaften in Bezug auf Aufnahme und Verteilung der Pflanze sowie neue Wirkungsmechanismen mitbringen sollen.

2008: Neonics sind in mehr als 120 Ländern zugelassen und haben mit einem Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar einen Anteil von 24 Prozent am globalen Insektizidmarkt. Wenn es darum geht, Saatgut zu beizen, um es vor Schädlingsbefall zu schützen, greifen sogar 80 Prozent der entsprechenden Mittel auf Neonics zurück.

April 2008: Im Oberrheingraben kommt es zu einem massiven Bienensterben durch das Neonikotinoid Clothianidin. Beim Säen von gebeiztem Mais wird der Abrieb in die Luft geblasen und setzt sich auf blühenden Rapsfeldern ab, die von Bienen angeflogen werden. Rund 11.000 Bienenvölker werden massiv geschädigt. Dieser Skandal rückt die Neonics in Deutschland in den Fokus. Als Reaktion auf den Bienenskandal wird in Deutschland die Saatgutbehandlung von Mais mit Neonics verboten.

2010: Niederländische Wissenschaftler vermuten einen indirekten Zusammenhang zwischen dem Ausbringen von Neonics und dem Sterben von Singvögeln.

2013: Die EU-Kommission schränkt auf Empfehlung der EFSA die zulässigen Verwendungen der drei Neonics Imidacloprid, Clothianidin und Thiametoxam minimal ein. Die Mittel sollen nur noch im gewerblichen Bereich eingesetzt werden.

2014: Zum ersten Mal weisen Studien nach, dass die Mittel für das Vogelsterben mitverantwortlich sind.

28. Februar 2018: Die EFSA veröffentlicht ihre Neubewertung des Einsatzes von Neonics. Sie empfiehlt, dass die Mittel im Freiland nicht mehr eingesetzt werden sollen. In geschlossenen Gewächshäusern hingegen können die Mittel weiter genutzt werden, wenn sie keinen Austausch – auch nicht übers Wasser – mit der Umgebung haben. Die EU-Kommission übernimmt den Vorschlag.

März 2018: Der Bundestagsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Freilandverbot für bienengiftige Neonics wird vom Agrarausschuss während der Koalitionsverhandlungen abgelehnt.

April 2018: Der EU-Umweltausschuss diskutiert das Verbot von Neonics. Die neue Bundesagrarministerin Julia Klöckner spricht sich nun auch für ein Verbot von Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam aus und will der Empfehlung der EFSA folgen.

27. April 2018: Mit knapper Mehrheit (16 von 28) stimmen die EU-Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland, für ein Verbot der drei Neonics Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam – aber nur im Freiland. Der Einsatz in Gewächshäusern bleibt weiterhin erlaubt. Die Regelung soll noch in diesem Jahr in Kraft treten.

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