Lupine sind hervorragende Stickstoffsammler für den Boden (Foto: Dominic Menzler)
09.01.2014
Hülsenfrüchte

Comeback des Alleskönners

Die Geschichte von Hülsenfrüchten ist eine tragische. Der Anbau von Erbse, Bohne, Linse und Co. könnte viele Probleme unserer Zeit lösen: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Lebensmittelknappheit. Allein der Wille fehlte. Bis jetzt. Von Oliver Scheiner

Die Bundesregierung will sich vom Import von Futtermitteln aus Übersee unabhängig machen. Rund 40 Millionen Tonnen Kraftfutter aus den USA und Lateinamerika landen jährlich in den Futtertrögen hiesiger Mastanlagen. Die Europäer decken auf diese Weise etwa 80 Prozent ihres Futtermittelbedarfs - alles andere als Erbsenzählerei. Nach etlichen Jahren des Raubbaus an lateinamerikanischen Böden und Abholzung des Regenwalds, hat die Politik erkannt, dass Kraftfutter auch hier erzeugt werden kann. Die damalige Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat dafür ein eigenes Konzept entwickelt und als Eiweißpflanzenstrategie Ende letzten Jahres veröffentlicht.

Darin heißt es: "Eine konsequente Einbeziehung von Leguminosen in Anbausysteme und Fruchtfolgen führt zu einer positiven Kohlenstoffbilanz und einer verbesserten Bodenfruchtbarkeit. Der Verbrauch an Stickstoffdünger und die Emission von Treibhausgasen in der Landwirtschaft können signifikant verringert und ein wichtiger Beitrag zur biologischen Vielfalt unserer Agrarlandschaften geleistet werden."

Lupine aus der Nähe
Lupinen können den Boden mit bis zu 100 Kilogramm Stickstoff pro Hektar anreichern (Foto: Thomas Stephan)
Hülsenfrüchte oder Leguminosen, wie sie in der Fachsprache heißen, spielen also eine Schlüsselrolle in der Strategie. Die Pflanzengattung hat in Deutschland bis dato allerdings eine traurige Karriere hingelegt. Hülsenfrüchte gehörten einst zu den wichtigsten Nutzpflanzen in der hiesigen Landwirtschaft. Erbsen, Bohnen, Linsen, die unterschiedlichen Kleesorten sowie Lupine, Luzerne und Wicken wurden noch in den fünfziger Jahren auf rund 1,5 Millionen Hektar angebaut. Seitdem ist die Fläche rasant gesunken, auf heute nur noch 360.000 Hektar.

Stickstofffixierung

Die Wurzeln von Hülsenfrüchten leben in einer Symbiose mit Knöllchenbakterien, sogenannten Rhizobien. Diese binden den Stickstoff aus der Luft, den Pflanzen in dieser Form nicht nutzen können. Sie versorgen sich selbst sowie die nachfolgende Frucht mit Stickstoff, ohne den Pflanzen nicht wachsen würden.

Zunächst einmal absolut unverständlich, denn Leguminosen besitzen bemerkenswerte Eigenschaften. Sie können als einzige Pflanzengattung Stickstoff aus der Luft binden und im Boden anreichern. Durch ihren hohen Eiweißgehalt sind sie als Futtermittel für die Mast bestens geeignet. Die ökologische Landwirtschaft mit ihrer Kreislaufwirtschaft macht sich die Fähigkeiten der Leguminosen seit eh und je zu nutzen. Doch chemisch-synthetische Düngemittel und vor allem der Mais drängten die Hülsenfrüchte immer mehr in den Hintergrund. 

Doch inzwischen haben sich ganz neue Problemfelder aufgetan, bei denen die Leguminosen mit ihren besonderen Eigenschaften punkten können: Die Stickstoffbindung hilft zum Beispiel gegen den Klimawandel. Denn Studien haben ergeben, dass bei der gängigen Düngepraxis erhebliche Mengen Lachgas in die Atmosphäre entweichen. Dort verursachen sie einen 300-mal höheren Treibhauseffekt als CO2. Der EU-Parlamentarier Martin Häusling von den Grünen rechnet vor, dass ein Ackerbau, der auf Leguminosen als Stickstoff-Lieferanten setzt, rund zwei Drittel weniger CO2 in die Atmosphäre pusten würde.

Wiese mit weißem Klee
Weißer Klee ist alles andere als Unkraut und als Grünfutter bestens für Milchvieh geeignet (Foto: Dominic Menzler)
Und in dieser Rechnung sind die Emissionen, die beim Import von Futtermitteln entstehen, noch gar nicht mitgerechnet. Das Eiweißfutter reist einmal um den halben Erdball, damit in den Industrienationen täglich Fleisch auf den Teller kann. Gesund ist das nicht und schon gar nicht regional und CO2-sparsam. "Fremdfütterung", nennt Häusling diesen Vorgang. Doch mit ihrer Eiweißpflanzenstrategie will die Bundesregierung weg von dieser Praxis. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hat den Auftrag, die Maßnahmen innerhalb des Plans zu koordinieren. In einzelnen Projekten wie dem der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft sollen 117 bayerische Betriebe auf ihren Äckern Möglichkeiten zur Verbesserung des Anbaus und der Verwertung von Sojabohnen in Deutschland ermitteln.

Wenn es auf diesen Forschungsäckern gelingt, Soja und andere Leguminosen gewinnbringend anzubauen, dann könnte das ein großes Comeback für die Hülsenfrüchte in der Landwirtschaft bedeuten.

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