Alarm im Pflanzenkübel: Schnecken sind gute Kletterer (Foto: Julia Romlewski)
30.05.2017
Schnecken

Kampf um den Salat

Kahlgefressene Salatköpfe, angeknabberte Blumen: Schnecken sind der Albtraum vieler Hobbygärtner. Und es gibt immer mehr davon. In seiner Verzweiflung greift da mancher schon mal zu Gift. Das macht das Ganze aber nur noch schlimmer. Von Julia Romlewski

Garteln und Gemüse anpflanzen - das ist eine schöne und entspannende Freizeitbeschäftigung. Eigentlich. Wären da nicht die vielen Schnecken, die sich nachts immer wieder über unseren Salat hermachen. Eine gedeiht in unseren Gärten und auf den Äckern besonders prächtig: Die Spanische Wegschnecke. Sie liebt Monokulturen, tief geackerte Böden und gut gedüngte Pflanzen - ist also an die industrialisierte Landwirtschaft bestens angepasst. Und: Sie ist ein echter Vielfraß und nicht gerade wählerisch.

Die Spanische Wegschnecke ist gar keine Spanierin

Die Spanische Wegschnecke gilt mittlerweile als die häufigste Schneckenart in Deutschland. Sie soll nach dem Zweiten Weltkrieg durch Obst- und Gemüse-Importe aus Spanien eingeschleppt worden sein - glaubte man lange. Frankfurter Forscher haben aber inzwischen mithilfe von DNA-Tests herausgefunden, dass die Spanische Wegschnecke eine echte Mitteleuropäerin ist. In Spanien gibt es sie demnach gar nicht. Dass sie sich so explosionsartig bei uns vermehrt hat, führen die Forscher auf Veränderungen in der Landwirtschaft zurück. So kommt die Spanische Wegschnecke besser mit Monokulturen und Überdüngung klar als andere Schnecken. Äußerlich ist sie schwer von anderen Arten zu unterscheiden. Ihre Farbe reicht von braun über rotbraun, rot, orange, grau und grüngrau bis schwärzlich.

Viele Hobbygärtner greifen in ihrer Not zu Gift. Denn bekannte Maßnahmen wie Schneckenzäune wirken oft nicht richtig. Und das tägliche Absammeln der Tierchen per Hand ist mühsam. Doch die meisten Schneckenkornpräparate töten nicht nur lästige Schnecken ab. Sie können auch gefährlich werden für Haustiere und den Nützlingen im Garten schaden. Zum Beispiel Igel, Laufkäfer oder Kröte. Dumm, denn genau die machen Jagd auf Schnecken.

Es gibt zwar auch umweltverträgliches "Bio-Schneckenkorn", das im Ökolandbau zugelassen ist. Doch Hobbygärtner, die nicht finanziell auf die Ernte angewiesen sind, sollten auch darauf besser verzichten. Denn Schneckengift tötet auch die "guten" Schnecken ab. Nur wenige der rund 200 Arten machen dem Gärtner wirklich Ärger. Mitunter fördert man mit Giftaktionen auch noch unfreiwillig die großen robusten Schnecken, die solche Attacken oft besser wegstecken als kleinere. Schnecken mit Häuschen haben ein besseres Image als ihre nackten Kollegen, doch auch sie sind gefräßig und mögen Salat.

Der Tigerschnegel ist ein Guter

Wobei die Einteilung in gute und böse Schnecken ohnehin schwierig ist. Denn egal, wie wir zu ihnen stehen und was sie unserem Salat antun: Schnecken sind wichtig fürs Ökosystem und den Boden. Vögel, Käfer, Kröten, Schlangen und sogar Ameisen schätzen Schnecken als Eiweißquelle. Die Larven von Glühwürmchen ernähren sich sogar ausschließlich von Schneckeneiern. Und viele Vögel sind auf den Panzer von behausten Schnecken angewiesen, um sich mit Kalk zu versorgen.

Bioland-Bauer Max von Grafenstein, Bauerngarten Berlin

"Schnecken sind - wie so vieles - eine Frage der Umweltbedingungen. Sie lieben feuchte Ecken, hohes Gras, Bäume und Büsche. Leider auch Mulch. Sie hassen mechanische Bodenbearbeitung und weites offenes Feld. Da haben die Schnecken durchaus Geschmack! Wir Bio-Landwirte haben es so gesehen richtig gut mit unseren Äckern. Im Gegensatz zu Haus- oder Schrebergärten, die sind oft Schneckenparadiese."

Für den Boden sind Schnecken ähnlich wichtig wie der Regenwurm. Sie zerlegen Pflanzenreste und lockern die Erde auf. Außerdem haben Forscher herausgefunden, dass Schnecken auch die Pflanzenvielfalt erhöhen. Sie knabbern nämlich bevorzugt große und starke Pflanzen an, sodass auch schwächere eine Überlebenschance bekommen. Im Salatbeet weniger erfreulich, in der freien Natur aber ein Gewinn.

Eine tolle Nacktschnecke, die man unbedingt am Leben lassen sollte, ist der Tigerschnegel - den man ganz leicht an seiner ungewöhnlichen Musterung erkennt. Er macht sich als Räuber über andere Nacktschnecken und ihre Eier her. Ein prima Helfer im Gemüsebeet. Tigerschnegel kann man im Internet bestellen.

Der Tigerschnegel ist ein Nützling (Foto: Annegret Grafen-Engert)
Auch wenn man geneigt ist, in ihnen nur Schädlinge zu sehen: Schnecken können faszinierend sein. Sie sind bekannt für ihr spannendes Sexleben mit extrem langem Vorspiel, sind Zwitter oder befruchten sich sogar selbst. Sie haben nachwachsende Zähne und den Po gleich neben dem Mund. Das geht noch auf die Zeit zurück, als alle Schnecken noch ein Häuschen auf dem Rücken hatten und daher hinten kein Platz war für den Darmausgang. Manche Schnecken - die Riemenschnecke etwa - haben sogar Haare, um nicht auszurutschen.  Sie sind auf alle mögliche Nahrung spezialisiert. Manche fressen Algen, andere Pilze und wieder andere machen selbst vor Hundekot nicht halt.

Susanne Spatz-Behmenburg, Bioland-Gärtnerei Staudenspatz in Oberhausen:

"Ich freue mich immer besonders, wenn ich im Garten den Großen Tigerschnegel sehe, der ist die Raubkatze unter den Schnecken und hilft uns bei der Regulierung."

Schnecken im Garten auszurotten kann nicht die Lösung sein. Und wird auch nicht gelingen. Denn die Kriechtiere sind extrem anpassungsfähig, wie eine internationale Feldstudie, an der das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beteiligt war, 2011 bestätigte. Es gibt sie ja bereits seit 500 Millionen Jahre. Das weiß man, weil man Fossilien gefunden hat. Irgendwie muss man sich als Gärtner mit diesen Mitbewohnern arrangieren. Die eine Patentlösung gibt es nicht. Man kann aber einiges tun, damit es Schnecken nicht mehr so gemütlich finden im eigenen Garten. Dazu gehört zum Beispiel, morgens statt abends zu gießen, denn die Schnecken sind nachtaktiv und mögen es feucht.

Garten nicht überpflegen

Wo sich sehr viele Schnecken tummeln, sollte man vielleicht besser Tomaten, Kartoffeln, Lauch, Rhabarber oder Zwiebeln pflanzen als Blattsalat, rät das Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Fressfeinde der Schnecken lockt man am besten an, wenn man den Garten nicht überpflegt, sondern Teile naturbelassen lässt. Einen Igel kann man auch ganz gezielt ansiedeln. Ihn lockt man am besten im Herbst mit Laub- und Reisighaufen zum Überwintern in den Garten. Gegen erwachsene Spanische Wegschnecken kann der Igel allerdings auch nicht viel ausrichten, meint der Bund für Umwelt und Naturschutz. Ihr Schleim schmeckt zu bitter. Schneckeneier dezimiert der Igel hingegen schon, wenngleich man oft hört, dass er generell eher auf Insekten steht.

Ein Topf bekommt einen Antihaftanstrich verpasst, der für Menschen nicht unangenehm riecht (Foto: Romlewski)
An der Universität Kiel haben Biologen übrigens einen ungiftigen Schneckenschutzanstrich für Blumenkübel, Bretter und Hochbeete entwickelt. Schnexagon - ein durchsichtiger Anstrich aus Holz-, Lein- und Rizinusöle und leicht abbaubaren Tensiden - reagiert so mit dem Schneckenschleim, dass es für die Schnecken kein Halten mehr gibt: Sie rutschen einfach ab. Oft wenden sich die Schnecken auch schon ab, wenn sie die Paste nur riechen. Der Anstrich ist bereits in vielen Baumärkten erhältlich, aber nicht ganz billig: Eine 375 Milliliter Dose kostet mehr als 20 Euro. Der Rutscheffekt soll dafür eine ganze Gartensaison halten, versprechen die Erfinder. 

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Im Netz:

Biokulturen vor Schnecken schützen: Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau gibt Tipps

Der Bund für Umwelt und Naturschutz empfiehlt zum Beispiel ein Lebermoos-Extrakt als biologisches Spritzmittel.

Tipps zum richtigen Umgang mit Schnecken gibt es auch beim Nabu