Beim Weihnachtsessen sind die meisten Deutschen eher konservativ (Foto: imago)
05.12.2017
Klassiker an Weihnachten

Gans und Gloria

Würstchen mit Kartoffelsalat, Gans, Ente, Karpfen oder auch Raclette – das sind die deutschen Klassiker zu Weihnachten. Wieso eigentlich? Von Julia Schreiner

Jede Familie hat ihre Traditionen - auch an Weihnachten. Beim Essen sind die meisten allerdings eher wenig kreativ. Sie halten sich an die klassischen Weihnachtsgerichte. Würstchen mit Kartoffelsalat. Weihnachtsgans. Oder Ente. Oder Karpfen.

Der Weihnachtskarpfen ist vor allem in Ost- und Südeuropa ein Klassiker. In Polen etwa liebt man Karpfen heiß und innig, aber auch hierzulande hat er einige Anhänger. Jeder siebte Deutsche isst laut einer Umfrage Karpfen oder irgendeinen anderen Fisch am 24. Dezember. Die Karpfentradition soll auf die Zeit zurückgehen, als die Adventszeit noch als zweitwichtigste Fastenzeit ernst genommen wurde. Da war den gläubigen Christen Fleisch verboten - vom 11. November bis einschließlich 24. Dezember. Zunächst aß man Karpfen allerdings an Silvester. "Da er einer der fruchtbarsten Fische ist, stand er für Reichtum und Erfolg. Was an Silvester ein Festschmaus war, konnte es auch auf Weihnacht sein, vor allem da, wo man Karpfen züchtete", erklärt Theologe und Brauchtumsexperte Manfred Becker-Huberti.

Bei 17 Prozent der Deutschen gibt's an Heiligabend, bei fast der Hälfte am 1. Weihnachtsfeiertag Ente , Truthahn oder Gans. Listigerweise zählte man Geflügel wegen seiner "Wassernähe" zu den Fischen und damit zu den erlaubten Speisen in der Fastenzeit. Die Gans verbindet man ursprünglich eher mit dem Martinstag und Kirchweih als mit Weihnachten. Das hat auch seinen Grund: Am 11. November endete das bäuerliche Jahr. Da war die Gans gerade schlachtreif. Mit ihr bezahlten die Bauern ihre Pacht, als noch wenig Geld im Umlauf war, erklärt Becker-Huberti. Später, als man diesen Zusammenhang vergessen hatte, wurde die Pachtgans zur Martinsgans.

Weihnachtsgans soll an Seekrieg erinnern

Als Weihnachtstier spielte die Gans erst ab dem 16. Jahrhundert eine Rolle - zunächst in Großbritannien. Der Legende nach verspeiste Königin Elisabeth I im Jahr 1588 gerade eine Gans, als sie erfuhr, dass die Spanische Armada vernichtet worden war.  So wurde die Gans zum Glücksbringer. Wer sich den Gänsebraten nicht leisten konnte, nahm Ente oder Huhn. Heute stehen die Briten mehr auf Truthahn, bei uns hat sich die Weihnachtsgans hingegen gehalten. Die Gans als Glückssymbol ist aber noch viel älter: Schon die Römer verehrten das weiße Federvieh. Gänse sollen es nämlich gewesen sein, die Rom in der Antike vor einer feindlichen Übernahme bewahrten. Ihr Geschnatter alarmierte die schlafenden Patrouillen.

An Heiligabend allerdings sind Würstchen mit Kartoffelsalat die bei Weitem beliebteste Mahlzeit. Ursprünglich waren Würstchen ein Armeleutegericht. Damit erinnerte man an die Armut von Maria und Josef. Wenn auch oft nur notgedrungen. Wer es sich leisten konnte, brachte ein ganzes Mastschwein auf den Tisch. Das Schwein war jahrhundertelang das eigentliche Weihnachtstier, bevor man Gänse im großen Stil mästete, sagen Hamburger Historiker des Altonaer Museums in Hamburg.

Der 24. Dezember ist auch der Gedenktag von Adam und Eva. "Dieser Tag wurde knallhart vor dem 25. Dezember gefeiert", erklärt Becker-Huberti. Bevor man am 25. Dezember die Geburt des Erlösers feierte, gedachte man am Vortag noch zähneknirschend der Erbsünde. Der 24. Dezember galt als Abstinenztag. In die Abendmesse hatte man mit knurrendem Magen zu gehen, so Theologe Becker-Huberti.

Vegetarier-taugliches Grillen

Bis jemand auf eine glänzende Idee gekommen sei: Man ließ die fußlahme Oma zu Hause und verdonnerte sie dazu, genau hinzuhören, wenn es gegen Ende der Messe noch einmal läutete. "Gegen ein bisschen Bestechung läutete der Küster nach der Mette noch einmal, was eigentlich unnötig war." Die Oma wusste nun, was sie zu tun hatte: Sie stellte flott einen Topf mit Wasser auf den Herd und brühte die Würstchen darin. Bis die Messgänger zu Hause waren, war Mitternacht vorbei - und man konnte sich die fertigen Würstchen munden lassen.

Im 20. Jahrhundert sind noch zwei weitere Klassiker hinzugekommen, mit denen auch Vegetarier etwas anfangen können: Raclette und Fondue. Isst man wahlweise zu Weihnachten oder Silvester. Religiöse Bezüge gibt es keine. Raclette "erfanden" wohl Schweizer Almhirten. Sie schmolzen fettreichen Käse über einem Feuer, ließen ihn leicht anbrennen und schabten immer wieder ein Stück ab. Heute verfeinert man das Ganze mit weiteren Zutaten auf dem Elektropfannengrill. Fondue stammt ebenfalls aus den Alpen. Ob aus der Schweiz oder  Frankreich, darüber streitet man sich noch heute.

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