Frittierte Seidenwürmer in Thailand: Wird Insektenessen auch bald bei uns populär? (Foto: imago)
17.10.2017
Insekten als Nahrungsmittel

Eklig oder ganz normal?

Insekten essen - schon allein bei der Vorstellung graust es hierzulande so manchen. In anderen Teilen der Welt ist es ganz normal, Mehlwürmer, Heuschrecken oder sogar Ameisen zu essen. Jetzt sollen auch Europäer auf den Geschmack kommen. Denn Insekten gelten als Lebensmittel der Zukunft. Von Julia Schreiner

Maden im Getreide, Maden überall - wer schon einmal Mottenalarm in der Küche hatte, weiß, wie eklig das ist. Mit vielen Insekten verbinden wir nicht unbedingt etwas Positives. Es sei denn, sie sehen so hübsch aus wie Schmetterlinge oder sind so nützlich wie Bienen. Essen wollen wir sie trotzdem nicht.

Das ist aber nicht überall so. Die Vereinten Nationen schätzen, dass mindestens ein Drittel der Weltbevölkerung Insekten isst - viel mehr weiß man nicht darüber. Die Studienlage ist eher dünn. Was man weiß: In Mexiko, China und Thailand gibt es besonders viele essbare Insektenarten. Gegessen werden vor allem Käfer, Schmetterlinge und andere Falter. Oft sammeln indigene Völker bestimmte Insekten in der Wildnis, um sie zu essen oder zu verkaufen.

In Afrika ist eine Raupenlarve namens Imbrasia bellina laut der UN-Ernährungsorganisation FAO sehr beliebt: In Namibia und im nördlichen Südafrika zum Beispiel sammeln Frauen und Kinder die eiweißreichen Larven zwei Mal im Jahr, kochen sie in Salzwasser und trocknen sie zum Verkauf an der Sonne. In Thailand, Laos und Kambodscha sammeln die Menschen traditionell Grillen.

Es gibt bereits Insektenfarmen

Viele wild gesammelte Insekten gelten als Delikatesse und kosten entsprechend viel. Vor allem, wenn man sie nur zu bestimmten Zeiten oder mit viel Handarbeit ernten kann. "In Mexiko werden traditionell die Puppen von Ameisen gesammelt und teuer verkauft", erzählt Nils Grabowski. 30 Gramm Ameisen kosten locker 50 US-Dollar. "Mexiko fängt auch gerade mit dem Vertrieb getrockneter Heuschrecken an." Grabowski untersucht an der Tierärztlichen Hochschule Hannover essbare Insekten.

Die UN setzen große Hoffnungen auf Insekten, um künftig die Weltbevölkerung mit Eiweiß zu versorgen. Denn die globale Fleischproduktion stößt an ihre Grenzen. Der Flächenverbrauch für's Futter ist viel zu hoch. Im Vergleich zu vielen Insekten sind Rinder oder Schweine ziemlich miese Futterverwerter. Darum soll das Insektenessen auch in Europa populär werden. Weniger Mastschweine, Geflügel und Mastrinder - das wäre doch gut für's Tierwohl, für die Umwelt und für's Klima.

Machen Insekten krank?

Freilebende Insekten tragen natürlich Keime in sich wie alle Tiere. Man darf aber Küchenschaben nicht mit dem Heimchen auf dem Teller vergleichen, meint Nils Grabowski vom Institut für Lebensmittelqualität und -sicherheit an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Wenn Insekten unter hygienischen Bedingungen gezüchtet und sachkundig verarbeitet würden, müsse man sich keine Sorgen machen. Er rät aber dazu, die Insekten auf jeden Fall zu erhitzen, denn: "Lebensmittel roh zu essen birgt immer ein Infektionsrisiko." Allergien sind allerdings möglich. Wer bereits auf Hausstaub oder Milben allergisch ist, sollte von Insekten lieber die Finger lassen.

Allerdings sollen die Bürger nicht losziehen und selbst Käfer, Falter oder gar Bienen fangen. Das wäre fatal. Denn der Insektenwelt geht es schon jetzt nicht besonders gut, wie Studien zeigen. Die Idee ist daher: Insekten für den Massenkonsum zu züchten. "Insektenfarmen sind bereits Realität", so Grabowski. In Thailand werden laut FAO bereits landesweit Heuschrecken, Grillen, Raupen und Käferlarven gezüchtet. Zigtausende Insektenfarmen soll es dort geben. "Die gezüchteten Grillen sind dabei wohl beliebter als die gesammelten, weil sie besser schmecken. Diese Insektenfarmen benötigen aber noch viel Handarbeit und arbeiten zum Teil nicht wirtschaftlich", erklärt Lebensmittelexpertin Birgit Rumpold. Aber auch mitten in Europa werden schon Insekten gezüchtet. Allerdings noch nicht im ganz großen Stil, da die Zulassung als Lebensmittel auf EU-Ebene noch aussteht. Anders schaut es beim Tierfutter aus: "Fliegenlarven werden bereits im industriellem Maßstab in Deutschland und den Niederlanden produziert", so Rumpold.

Rumpold glaubt, dass Insektenessen zu einem Trend werden könnte - ähnlich wie Sushi. "Aber die breite Masse wird sich in den westlichen Ländern auf absehbare Zeit nicht davon ernähren." Diese Meinung teilt auch der Schweizer Insektenforscher und Agrarexperte Hans Rudolf Herren (Alternativer Nobelpreis 2013). "In Nordamerika und Europa grausen sich die Leute vor Insekten, was sich wahrscheinlich auch nicht abstellen lässt", erklärt er. Vorstellen kann sich der Landwirtschaftsexperte aber hochwertiges Insekteneiweiß für Babynahrung oder als Tierfutter. Oder als Proteinspritze für Sportler: Darauf setzen zwei deutsche Start-ups aus Köln und Berlin. Sie wollen Sportriegel auf den Markt bringen, einen sogar in Bio-Qualität. Regional ist der allerdings nicht. Die Grillen stammen aus Kanada.

Diese Vorteile sollen Insekten haben

  • Sie brauchen weniger Futter: Ein Rind muss zehn Kilogramm Futter fressen, um ein Kilogramm zuzunehmen, ein Schwein fünf und Geflügel 2,5 (Beispiel USA). Grillen bräuchten dafür rechnerisch nur 1,7 Kilogram. Bedenkt man dabei noch, dass 80 Prozent einer Grille gegessen werden, aber nur etwa 40 Prozent eines Rindes, ist die Grille zwölfmal so effizient wie ein Rind.

  • Sie verbrauchen weniger Fläche: Weil sie Futter besser verwerten und auf engerem Raum gehalten werden können, braucht man für ein Kilogramm Mehlwurmeiweiß nur ein Zehntel der Fläche, die man für dieselbe Menge Eiweiß aus Rindfleisch benötigt.

  • Sie sind klimafreundlicher: Die Treibhausgasemissionen sollen pro Kilogramm Gewichtszunahme bei Insekten nur ein Hundertstel der von Schweinen und Rindern verursachten Emissionen betragen. Die Zahlen zu den Insekten stammen allerdings aus kleinen Laborexperimenten und lassen sich nicht ohne Weiteres auf Großproduktionen übertragen, wie die Forscher einräumen.

  • Sie liefern gute Nährwerte: Der Eiweißgehalt schwankt von Insektenart zu Insektenart. Mexikanische Heuschrecken zum Beispiel bringen es auf bis zu 48 Gramm pro 100 Gramm Frischgewicht. Auch Larven liefern ähnlich gute Werte wie Rindfleisch (etwa 26 Gramm). In Tierversuchen fiel die Qualität der Insektenproteine allerdings gemischt aus. Nicht alle Arten sind gleich gut verdaulich.

  • Minuspunkt: Insekten gedeihen in tropischen Gebieten besonders gut. In kälteren Regionen muss man viel Energie aufwenden, um sie warmzuhalten.

Quelle: FAO-Publikation: Edible insects: future prospects for food and feed security (Stand 2013)

Mehr zum Thema

Auf bioland.de

Im Netz:

Studie zur Klimabilanz von Insekten als Nahrungsmittel (auf Englisch)

Forscher prüfen Potential von Insekten als Proteinquelle (Forschungskreis der Ernährungsindustrie)

Ein Beitrag der UN-Organisation FAO über Insekten als Nahrungssicherung (pdf) mit weiterführenden Links zu Publikationen findet man hier

Zwei Übersichtspublikationen der FAO zu essbaren Insekten:

Forest insects as food: humans bite back

Edible insects: future prospects for food and feed security