Dieser Distelfink, auch Stieglitz genannt, hat noch eine Distel gefunden (Foto: imago/blickwinkel)
17.05.2017
Immer weniger Agrarvögel

Die Lerchen haben Hunger

Was ist ein Distelfink ohne Disteln? Ein trauriger Vogel. Aber Bauern und Gärtner mögen seine Leibspeise gar nicht. Deshalb versprühen viele Pestizide. Dem Fink geht es dann wie der Lerche und 80 Prozent aller Feldvögel. Sie stehen ohne Futter da. Von Magdalena Fröhlich

Auf dem Acker ist es stumm geworden. Fast die Hälfte aller Agrarvogelarten steht auf der Roten Liste. Nimmt man noch jene dazu, die auf der Vorwarnliste stehen, die also noch nicht akut bedroht sind, aber deutlich weniger werden, dann sind es sogar 80 Prozent. "Keine andere Vogelartengruppe war in den letzten Jahrzehnten in Deutschland von so starken und anhaltenden Bestandsrückgängen betroffen wie die Vögel der Agrarlandschaft", stellt die Deutsche Ornithologengesellschaft fest. Und die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft nimmt stetig ab. Das Ziel der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie wurde verfehlt. Denn darin wurde ein Indikator von 100 Prozent als Ziel bis zum Jahr 2015 vorgegeben - der Wert liegt im Jahr 2013 allerdings nur bei 59 Prozent.

Feldvögel sind Vogelarten, die in der Agrarlandschaft leben. Dazu zählen unter anderem die Feldlerche, das Braunkehlchen, das Rebhuhn, der Kiebitz, die Gold- und die Grauammer. Anders als Gartenvögel wie die Amsel, die Blaumeise oder das Rotkehlchen brauchen sie meist offene Landschaften, Brachen oder Weiden. Wie bei anderen Vogelarten auch gibt es Stand- und Zugvögel.

Warum es aus den Feldern kaum mehr tiriliert oder aus den Wiesen pfeift, hat einen einfachen Grund: Es gibt kaum noch was zu fressen. Denn so wie der Landwirt Unkräuter wie Disteln bekämpft, spritzt er auch gegen Insekten. Die Folge: Auch Insektenfresser wie die Lerche bleiben hungrig.

In einer Mitteilung vom Umweltbundesamt vom Frühjahr diesen Jahres heißt es, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln für den Rückgang vieler Feldvogelarten, wie Rebhuhn, Feldlerche und Goldammer, die Hauptursache sei. "Der immer intensivere und umfangreichere Einsatz hochwirksamer Breitband-Herbizide und -Insektizide führt in vielen Fällen nicht nur zur gewollten Minimierung der sogenannten Unkräuter und Schadinsekten. Er führt zwangsläufig auch dazu, dass die Ackerbegleitflora verarmt und vielen Vogel-, Säugetier- und anderen Tierarten der Agrarlandschaft die Nahrungsgrundlage entzogen wird."

Dominic Cimiotti, der vor allem als Kiebitzexperte beim Michael-Otto-Institut, einer Forschungseinrichtung des NABU, arbeitet, sagt: "Werden Pestizide während der Brutzeit ausgebracht, ist das besonders kritisch: Die Vögel müssen ja dann nicht nur sich, sondern auch ihre Jungen ernähren. Wenn dann gerade alle Insekten auf dem Feld totgespritzt wurden, haben sie nichts zum Fressen und müssen oft weite Strecken fliegen."

Die Lerche hat keinen Platz mehr im Feld

Neben Hunger gibt es da aber auch noch ein Platzproblem:  Die Lerche gehört genau wie der Kiebitz und das Rebhuhn zu den Vögeln, die am Boden brüten. Ist das Getreide aber Halm an Halm dicht gesät, bleibt dort schlichtweg kein Platz mehr für ein Nest. Sie können auch nicht zwischen den Halmen umherlaufen und ihre Nahrung erbeuten. "Kurz: Sie sehen die Insekten vor lauter Halmen nicht mehr", sagt Cimiotti.

Der Kiebitz ist ein Bodenbrüter (Foto: imago/blickwinkel)
Der Kiebitz ist ein Bodenbrüter (Foto: imago/blickwinkel)
Der Dachverband der deutschen Avifaunisten, unter dem sich verschiedene Vereinigungen von Vogelkundlern und Vogelschützer versammeln, fordert neben der Einschränkung von Pestiziden auch, dass Stoppelfelder bis zur nächsten Aussaat im Frühjahr stehengelassen werden, statt das Getreide tot zu spritzen, dass es mehr Grünland und Brachen gibt. "Stoppelfelder sind ein Paradies für alle Körnerfresser wie etwa die Grauammer. Als die EU Anfang der Neunziger anordnete, Flächen wegen Überproduktion stillzulegen, nahm die Population der Feldvögel rasch wieder zu", erzählt Cimiotti.

Der Kiebitz braucht den Überblick

Bauern können aber auch ohne finanzielle Einbußen schon einen Beitrag zum Vogelschutz leisten. Etwa, wenn sie Wiesen von innen nach außen mähen und auch bei der Ernte von der Feldmitte aus beginnen. "Die Tiere fliehen dann nach außen und können etwa auf benachbarte Flächen ausweichen. Wenn man sich mit den Maschinen vom Feldrand zur Mitte hin vorarbeitet, fliehen die Tiere immer mehr in die Mitte - und fallen dann am Ende den Maschinen zum Opfer", erklärt der Vogelschützer.

Ein anderer wertvoller Beitrag ist es schon, wenn feuchte Stellen auf den Äckern nicht bestellt werden. Denn der Kiebitz kann ohne Pfützen nicht leben, sagt Cimiotti. "Dort findet er Insekten und deren Larven."

Das Gelege eines Kiebitzes: Nach 26 bis 29 Tagen schlüpfen die Jungvögel (Foto: imago/blickwinkel)
Das Gelege eines Kiebitzes: Nach 26 bis 29 Tagen schlüpfen die Jungvögel (Foto: imago/blickwinkel)
Doch warum sollte ein Landwirt statt Getreide Wildblumen und Wildkräuter am Feldrand ansäen - also freiwillig auf Ertrag und damit Geld verzichten? Da können spezielle Naturschutzprogramme helfen. Die gebe es in vielen Bundesländern, so Cimiotti. "Dann erhalten die Landwirte Ausgleichszahlungen." Etwa auch für Kiebitzinseln.

Das sind rund zwei Hektar große Flächen innerhalb eines Ackers, die brach liegen. So kann der Kiebitz in Ruhe am Boden brüten, nach Insekten suchen und behält die Übersicht, da ihm vom Nest aus nichts den Blick versperrt. Ist der Vogel im Winter in Südwesteuropa, kann das Feld eingesät werden.

Blühstreifen, Bäume, Hecken und Büsche helfen den Vögeln, Nahrung und Unterschlupf zu finden. Denn dort, wo es blüht, gibt es nicht nur Samen, sondern auch Insekten als Nahrung. Oder die Pflanzen dienen einfach als Landebahn: So braucht das Braunkehlchen etwa immer etwas zum Anfliegen, weil es nicht direkt auf dem Boden landen mag.

Einfach so vom Land in die Stadt umziehen, wo es im Prinzip mehr Nahrung gäbe, können Agrarvögel jedoch nicht. Viele von ihnen brauchen offene Landschaften, weil sie immer schon aus der Ferne erkennen müssen, ob ein Feind kommt. Gerade der Kiebitz und das Rebhuhn, die ihren Ursprung in den Steppengebieten Asiens haben, fühlen sich nicht wohl, wenn alles verbaut ist oder sie nicht in die Ferne gucken können. "Die würden noch nicht einmal in der Nähe eines Baumes brüten, weil sie dann nicht sehen können, was hinter dem Baum los ist."

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Das Michael-Otto-Institut im Nabu

Informationen zum Rückgang von Agrarvögeln durch Pestizide des Umweltbundesamtes

Informationen zu den Indikatoren der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie

Weitere Infos vom Nabu rund um den Schutz des Kiebitzes

Weitere Infos vom Nabu rund um den Distelfink (Stieglitz)

Dachverband Deutscher Avifaunisten

Wiki des Landesbundes für Vogelschutz zu den einzelnen Vogelarten

Das Umweltbundesamt zum Thema Artenschwund durch Pestizideinsatz

Position zur aktuellen Bestandssituation der Vögel in der Agrarlandschaft der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft und des Dachverbandes der Deutschen Avifaunisten

Nachhaltige Entwicklung in Deutschland - Indikatoren zu Umwelt und Ökonomie des Statistischen Bundesamtes

Naturschutzoffensive 2020 des Bundesumweltministeriums

Kleine Anfrage der Grünen in der Bundestagsfraktion zum Verlust von Vogelarten