Michael Tezlaff bei der Vogel-Beobachtung (Foto: Magdalena Fröhlich)
17.05.2017
Kartierung von Feldvögeln

Der Piepton-Zähler

Michael Tetzlaff macht sich startklar zum Lauschangriff im Acker. Immer wenn es piept, macht der Ornithologe einen Kringel. Und jeder Kringel ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Von Magdalena Fröhlich

Ein Kringel bedeutet, hier ist ein Brutpaar (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ein Kringel bedeutet, hier ist ein Brutpaar (Foto: Magdalena Fröhlich)
Michael Tetzlaff zählt Piep-Töne. Von Berufs wegen. Jeder Piep ist ein Kringel auf der Landkarte. Heute zählt er zwei Vogelpaare auf zwei Hektar. Das ist gut. Richtig gut. Zum Vergleich: In einem konventionellen Rapsfeld brüten null Vögel. Auf einem Mais-Acker ebenfalls. "Monokulturen sind Gift für Ackervögel", sagt Tetzlaff. "Wenn es keine Artenvielfalt bei den Pflanzen gibt, gibt es auch keine Insekten. Und dann haben Vögel auch nichts zu fressen." Der 38-Jährige ist Ornithologe auf dem Bioland-Hof Gut Klepelshagen in der Uckermark. Vögel gibt es auf den rund 2.500 Hektar Land, die zum Gut gehören, jede Menge. Rund 190 Arten hat er hier schon beobachtet. Vom seltenen Braunkehlchen über die Feldlerche bis hin zum Neuntöter, dem Bluthänfling, dem Wiesenpieper bis hin zur Trauerseeschwalbe. Selbst zwei Fischadler haben hier ihren Horst. Das alles kommt nicht von ungefähr.

Das Gut gehört zur Deutschen Wildtier Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat, Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu fördern und zu erhalten. Und das wiederum heißt: Die Tiere müssen in ihrem natürlichen Lebensumfeld auch Futter finden. Also: Keine Pestizide, kein Dünger.

Schnabel auf, und das Essen fliegt in den Mund (Foto: Michael Tetzlaff)
Schnabel auf, und das Essen fliegt in den Mund (Foto: Michael Tetzlaff)
Statt einfach nur etwas Löwenzahn oder Klee, wie auf den meisten Wiesen, die oft nur gemäht statt von den Rindern direkt abgefressen werden, wachsen hier auf den Weiden allein auf einem kleinen Fleckchen rund zehn verschiedene Wildkräuter: Wiesenkerbel,  Vogelmiere, Schafgarbe, Spitz- und Breitwegerich, Wiesenmargeriten, Lupine, Wegwarte, Wilde Möhren und der Wiesenknopf - bei Sonne summt und brummt es. Das ist praktisch für die Vögel. Die Trauerseeschwalbe, von der es in ganz Deutschland nur noch circa 700 Brutpaare gibt, wohnt gleich in einem Kleingewässer neben der Weide. Und damit mitten im Schlaraffenland: Schnabel auf und einmal quer über die Wiese fliegen und der Mund ist voll: mit Schwebfliegen, Tag- und Nachtfalter oder Libellen und deren Larven.

Eine Feldlerche fängt ihr Futter am Boden (Foto: imago/blickwinkel)
Eine Feldlerche fängt ihr Futter am Boden (Foto: imago/blickwinkel)
Tetzlaff ist zufrieden und macht einen neuen Kringel: Eine Feldlerche steigt von der Weide auf. "Die meisten Vögel singen von einer Sitzwarte aus, aber die Feldlerche pfeift auch im Flug", sagt er. Ornithologen an anderen Orten machen beim Kartieren nicht so viele Kringel: Seit 1990 hat sich der Bestand der Feldlerche um 35 Prozent verringert. Auch anderen Feldvögel geht es nicht besser. So hat der Bestand des Braunkehlchens in den letzten zehn Jahren um 63 Prozent und der des Kiebitzes sogar um 80 Prozent abgenommen. 

Wie werde ich Ornithologe?

Michael Tetzlaff hat eigentlich Gartenbau studiert und sich vor allem um die Streuobstwiesen auf Gut Klepelshagen gekümmert. Schon in seiner Kindheit hat er von seinem Bruder gelernt, wie man die einzelnen Vogelarten und ihre Gesänge unterscheidet. Dazu muss man zunächst den jeweiligen Lebensraum kennen. Der Rest ist Übung. Etwa durch Vogelstimmen-CDs. Ornithologe ist kein Ausbildungsberuf, zum Teil kann man die Artenkenntnis und das Beringen von Tieren in einem Naturschutz-Studium erlernen. Viele Ornithologen, die auch kartieren, arbeiten ehrenamtlich. Vogelkundler arbeiten beruflich unter anderem in Naturschutzbehörden oder für Planungsbüros, wenn es um Windkraftanlagen geht.

Das Piep-Ton-Zählen ist gar nicht so leicht. In einem Vogelkundler-Buch ist zu jeder Art vermerkt, was zu tun ist. Das Männchen der Lerche etwa muss man innerhalb von sieben Tagen mindestens zweimal in seinem Revier singen hören. Die Lerche singt zum Glück für den Ornithologen gern und das oft den ganzen Tag über. "Die macht eigentlich nur Mittagspause", sagt Tetzlaff.

Die Ausnahme: Ein Rivale ist im Anflug. Der Vogelkundler demonstriert es und holt sein Handy aus seiner dicken Jacke. Mitten in der weiten Flur hält er es in alle Himmelsrichtungen. Es pfeift wie eine Lerche. Und tatsächlich: Eine Feldlerche fliegt auf.  "Die Feldlerche denkt jetzt: Da ist ein Nebenbuhler in meinem Revier. Deshalb singt er kurz, um klar zu machen: Zieh weiter, das Revier hier ist schon besetzt." Mit dem Stimmentest am Handy kann er ganz schnell herausfinden, ob alle Reviere auch besetztsind. Dann kann er etwa das Nest suchen und mit vier Stäben markieren. "Dann weiß der Bauer, dass er hier herumfahren muss, um die Brut zu schützen", so Tetzlaff.

Eine hohe Artenvielfalt auf Weiden schützt Vögel (Foto: Michael Tetzlaff)
Eine hohe Artenvielfalt auf Weiden schützt Vögel (Foto: Michael Tetzlaff)
Würde Tetzlaff vorher nicht auf seiner Karte vermerken, wo all die Vögel sind, würde Biolandwirt Peter Stuckert vom Gut Klepelshagen vom Traktor aus kaum ein Nest bemerken. Die Maschinen sind dafür zu hoch. Das Kartieren hilft dem Bauern, die Vögel auf seinen Flächen zu schützen. Das ist aber nicht nur für den Vogelschutz auf dem Biolandgut wichtig. Durch die Daten kann man zum Beispiel regionale Bestandstrends ableiten. Oder eine Übersicht erstellen, welche Lebensräume die jeweiligen Arten bevorzugen. "Lange dachte man, Ackerrandstreifen seien nur wichtig, weil Vögel hier Insekten und Sämereien als Nahrung finden. Sie sind aber auch so etwas wie eine geschützte Landebahn für kleine Zugvögel, etwa das Braunkehlchen", erklärt er. "Finden sie auf ihrer Reise ins Winterquartier kein geeignetes Rasthabitat, wo sie Deckung und Nahrung bekommen, müssen sie häufig weite Strecken Nonstop überbrücken.  Das schwächt sie und viele von ihnen sterben, weil sie nicht genug Kraft haben."

Mit der Nummer auf dem Ring kann man jeden Vogel wiedererkennen (Foto: Michael Tetzlaff)
Mit der Nummer auf dem Ring kann man jeden Vogel wiedererkennen (Foto: Michael Tetzlaff)
Natürlich brauche der Landwirt nicht unbedingt eine Lerche, ein Braunkehlchen oder eine Goldammer, sagt Tetzlaff. Aber im gesamten Ökosystem nehmen die Vögel eine wichtige Rolle ein und sind als Indikator für bestimmte Zusammenhänge ungemein wichtig. Mit ihnen sei es zudem auch viel schöner, genauso wie ein blühendes Feld mit Mohn oder Margeriten wunderschön sei. Und hätte Beethoven nie eine Goldammer gehört, hätte er einige Sinfonien wohl kaum komponiert. Die Vogelart soll ihn inspiriert haben.

Und dann fällt Tetzlaff noch etwas zum Thema "Nutzen" ein: Rauch- und Mehlschwalben, mittlerweile ebenfalls bedrohte Vögel, fressen zu rund 90 Prozent Mücken. "Und davon mehrere hundert pro Woche."

Das schadet den Vögeln der Agrarlandschaft

  • Artenarme Monokulturen, deshalb schadet der Energiepflanzenanbau wie Mais und Raps auch den Feldvögeln; die Pflanzen wachsen hier so dicht, so dass dies wie eine Versiegelung des Bodens für die Tiere wirkt.

  • Pestizideinsatz, da hier Insekten und Wildkräuter mit ihren Sämereien totgespritzt werden. Vor allem die Rapskulturen benötigen durch hohes Schädlingsbefallrisiko erhöhte Pestizideinsätze.

  • Ausräumung der Agrarlandschaft: Kaum noch Feldgehölze, Hecken, Kleingewässer, Randstreifen so dass Vögel keine Deckung gegen Feinde, sichere Nistplätze und geeignete Nahrung für die Brut finden.

  • Intensive Feldbearbeitung zur Brutzeit, da durch Maschinen oft Nester und Jungvögel zerstört werden.

  • Kaum noch Brachflächen, da hier viele Insekten leben.

  • Immer weniger Nistmöglichkeiten auf Bauernhöfen, etwa für Schwalben.

Positionspapier des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten: www.dda-web.de

Mehr zum Thema:

Auf bioland.de:

Im Netz:

Die Deutsche Wildtierstiftung

Informationen des Umweltbundesamtes zum Artenschwund auf dem Acker

Tipps für Landwirte zum Schutz von Feldvögeln vom Nabu

Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag zum Verlust einiger Vogelarten