Die Brüder von Legehennen sind viel kleiner als Masthähnchen - deshalb gelten sie als unrentabel (Foto: Magdalena Fröhlich)
20.10.2014
Kükenmord

Der Hahn ist tot

Johannes Erkens ist Legehennenhalter. Er hält Hennen und Hähne. Das ist nicht normal. Denn die männlichen Tiere werden meist geschreddert. Der Bioland-Bauer macht da nicht länger mit. Von Magdalena Fröhlich

Legehennen legen zwar viele Eier, setzen aber wenig Fleisch an (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ein Huhn legt Eier und ergibt einen saftigen Braten. Das ist falsch. Richtig ist: Ein Huhn legt Eier oder liefert einen großen Braten. Einen Zweitjob haben Hühner schon lange nicht mehr. Seit der Intensivierung der Landwirtschaft in den fünfziger Jahren gibt es nur noch Hühner, die auf eine Aufgabe gezüchtet sind: Eier legen oder Fleisch ansetzen, Mast- oder Legehühnchen. Ein Huhn, das beides kann, ist längst vom Markt. Denn Allrounder gelten als unwirtschaftlich, weil sie weniger Leistung bringen. Das heißt: Sie fressen zu viel und legen zu wenig oder werden zu langsam dick und groß. Das rentiert sich nicht. Deshalb gibt es nur noch Spezialisten-Hühner, sogenannte Hybridrassen.

Johannes Erkens zieht auch die Brüder der Legehennen auf (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das führt zu einem Problem der Hähne, die von der Rasse fürs Eierlegen abstammen: Männer legen keine Eier. Und diese Hähne werden auch nicht schnell dick - sie stammen ja nicht von der auf Fleisch spezialisierten Mastlinie ab. Deshalb landen sie als Eintagsküken im Schredder oder werden in einer Tonne mit COvergast. 39 Millionen wurden 2013  getötet. Denn so viele Legehennen gibt es in Deutschland - und sie alle hatten einen Bruder. Denn in der Natur kommen in etwa gleich viele männliche wie weibliche Tiere zur Welt. Auf dem Kudammhof von Friederike Schultz und Johannes Erkens haben die Hennen ihre Brüder noch immer: Die Bioland-Bauern füttern auch die männlichen Tiere durch.

Eigentlich gilt das als schlechtes Geschäft: Denn ein normales Masthuhn wiegt nach zehn Wochen rund 2,5 Kilogramm. Ein Bruderhahn ist da erst halb so schwer - bei der gleichen Menge Futter. Sein Fleisch müsste also doppelt so viel kosten - was aber kaum jemand bezahlen würde. Ökonomisch macht das also wenig Sinn. "Ethisch schon", sagt Erkens und erklärt, wie er die Hähne trotzdem vermarkten kann: "Damit das Fleisch der Bruderhähnchen nicht doppelt so viel kostet wie das eines Masthähnchens, haben wir die Eier-Preise erhöht. So sorgen die weiblichen Tiere dafür, dass ihre Brüder nicht als Eintagsküken enden."

Ein Blick in den Junggesellenstall der Hähne (Foto: Magdalena Fröhlich)
Wenn Moral also einen Preis hat, dann liegt der in der Hühnerhaltung bei ungefähr vier Cent. So viel mehr muss ein Ei kosten, damit die männlichen Küken der Legerasse nicht im Schredder landen. Insgesamt leben auf dem Kudammhof in Adelheidsdorf bei Celle 1000 Hähne in einer Art Junggesellen-Bude. Dort bekommen sie fünfmal am Tag Futter und haben ständig neues Spielzeug: Strohballen, die sie zerrupfen, Sitzstangen, von denen aus sie alles im Blick haben, einen eigenen Wintergarten, wenn es draußen kalt ist und natürlich eine große Wiese im Freien. Nur Hühner, die haben sie nicht. Diese gackern ein paar Ställe weiter.

Die Brüder der Legehennen werden meist als Küken getötet (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das hat zwei Gründe: Zum einen würde das den Stoffwechsel der Mädels durcheinander bringen: Diese werden frühreif und fangen eher an Eier zu legen. Zum anderen leben die Hühner auch länger als die Hähne: Rund 18 Monate bis zwei Jahre dauert das Leben eines Huhns, ein Hahn dagegen wird nur 17 Wochen alt. Dann wiegt er 1,7 Kilo und wird geschlachtet, ehe ihn der Bauer an Naturkostläden, Restaurants oder an einen Hof mit einer Abokiste verkauft:

Sind schwerer als ein Suppenhuhn, aber leichter als ein Masthähnchen - die Brüder der Legehennen (Foto: Magdalena Fröhlich)

Ihre Hahnen-Kollegen, die aufs Fleisch-Ansetzen spezialisiert sind, also von der Mastlinie abstammen, schaffen das schneller: Zehn Wochen braucht ein Bio-Masthühnchen. Ein konventionelles nimmt noch schneller an Masse zu: Mit gerade einmal fünf Wochen wiegt es rund zwei Kilo. Das bedeutet: Pro Tag setzt es 70 Gramm Fleisch an - 50 Prozent seines Körpergewichts als Küken. Das ergibt zwar einen großen Braten, aber auch enorme Gesundheitsprobleme für das Tier: Es ist schlichtweg zu dick.

"Diese Tiere können sich kaum noch bewegen. Würde man ihnen Sitzstangen anbieten, würden sie es noch nicht einmal den Sprung hinauf schaffen. Dafür sind sie zu schwer", erklärt Erkens. Statt wie die Hähne des Biobauerns würden sie sich weder über die Wiese jagen, noch überhaupt ein paar Schritte vor die Stalltür setzen. Auch eine Studie der Universität Kassel hat ergeben: Das Skelett der Tiere hält die Muskelmasse nicht mehr aus. Die Folge sind spröde Knochen.

Dafür kosten sie an der Fleischtheke auch nur rund ein Drittel von dem, was man für ihre Bio-Kollegen bezahlen muss. Und nur einen Bruchteil von dem, was ein Bruderhahn kosten würde, würde der Bauer das Fleisch nicht durch die Eier quersubventionieren - und den Hähnen so ein kurzes, aber glückliches Leben bieten, statt sie nach einem Tag zu töten und als Tierfutter zu verwerten. Weil die männlichen Tiere früher geschlachtet werden als die weiblichen, leben auf dem Kudammhof 1000 Hähne und 7000 Hennen, die ihre Brüder mitfinanzieren.

Dieser Hahn hat Glück: Er darf bei den Legehennen leben (Foto: Magdalena Fröhlich)
Überhaupt ist der Kükenmord eigentlich nicht erlaubt. Im Tierschutzgesetz heißt es: "Das Töten ohne vernünftigen Grund ist verboten". Ob Wirtschaftlichkeit nun ein "vernünftiger Grund" ist - daran zweifeln immer mehr Bauern und machen es wie der Kudammhof: Sie ziehen auch die Brüder der Legehennen groß. Die Anzahl der Betriebe mit diesem Konzept ist überschaubar: Neben dem Kudammhof, der die Eier mit dem Slogan "Ein Ei für Zwei" verkauft, gibt es zum Beispiel noch die Bruderhahn Initiative Deutschland. Mit deren Logo vermarkten rund 15 Betriebe Eier und Fleisch.

Gleichzeitig wird an der Rasse eines neuen Huhns geforscht: Einem, das wieder beides kann - Eier legen und Fleisch ansetzen. Weil es aber unwahrscheinlich ist, dass das irgendwann genauso wirtschaftlich ist, wie ein auf eine Aufgabe spezialisiertes Huhn, gibt es noch andere Projekte: Etwa, dass man bereits im Ei erkennt, ob daraus ein Hahn oder eine Henne schlüpfen wird. Die Hähne werden dann nicht ausgebrütet, sondern als Verarbeitungs-Ei, etwa für Nudelhersteller, verkauft. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Bei Legehennen werden die männlichen Küken in der Regel aussortiert und getötet (Foto: Kuba Stezycki/imago)
Auch in der Politik tut sich etwas: Ginge es nach dem nordrhein-westfälischen Landesminister Johannes Remmel (SPD), wäre in seinem Bundesland ab 2015 Schluss mit dem Kükenmord. Auch Hessen und Niedersachsen sprachen sich für ein Verbot aus, allerdings ohne ein konkretes Datum zu nennen. Den Küken in den anderen Bundesländern wäre allerdings nur durch ein bundesweites Gesetz geholfen. Davon ist das Landwirtschaftsministerium allerdings noch weit entfernt. Es mahnt zur Freiwilligkeit. Mit Strafe droht es nicht. Ein konkretes Datum, bis wann es eine marktfähige Alternative, also etwa ein Zweinutzungshuhn, geben muss, nennt es ebenso wenig. Denn nur mit einer Alternative wäre das Verbot wirksam. Andernfalls würden die Brütereien einfach in Nachbarländer abwandern.

Für die Bio-Branche ist dies ein heikles Thema - auch hier werden meist die männlichen Küken gleich nach dem Schlüpfen getötet. Denn sie stammen aus den gleichen Zuchtunternehmen wie ihre konventionellen Kollegen. Eine reine Bio-Rasse gibt es nicht, die Genetik der Tiere ist Eigentum der Firmen. Setzt sich ein Gesetz gegen Kükenmord durch, wäre es für diese aber interessanter ein solches Bio-Huhn zu züchten.

Initiativen gegen den Kükenmord

In Deutschland leben rund 39 Millionen Legehennen – das bedeutet: 36 Millionen männliche Tiere werden gleich nach dem Schlüpfen getötet. Es gibt aber auch Alternativen:

Mast männlicher Tiere: Hier werden die Brüder der Legehennen gemästet. Weil die Tiere länger brauchen, um ihr Schlachtgewicht zu erreichen und somit sehr teuer wären, wird das Fleisch quersubventioniert: Der Kunde zahlt pro Ei rund 4 Cent mehr.

Zweinutzungsrassen: Das sind Rassen, die sowohl schnell Fleisch ansetzen und viele Eier legen. Es gibt also keine Aufteilung in reine Mast- oder Legehühner.

Verlängerung der Lebenszeit der Hennen: Statt nur eine Legeperiode sollen die Hühner länger Eier legen, also auch noch nach der Mauser gehalten werden. Das ist wie eine Art Zykluspause - die Tiere wechseln ihr Federkleid und machen eine Pause mit dem Eierlegen. Weil der Bauer die Tiere länger nutzt, braucht er nicht so schnell neue Hühner. Somit werden weniger männliche Küken getötet.

Geschlechtserkennung im Ei: Wissenschaftler versuchen unter anderem mit Infrarot-Strahlung bereits im Ei zu erkennen, ob es sich um einen Hahn oder eine Henne handelt. So können Eier, aus denen ein Hahn schlüpfen würde, schon vorher als Verarbeitungsei, etwa für Fertigkuchen, verkauft werden.

Mehr zum Thema:

Auf bioland.de:

Im Netz:

Link-Liste mit Initiativen gegen Kükenmord: www.biohandel-online.de