Die grüne Gentechnik soll gegen Hunger und Armut helfen - tut sie aber nicht (Foto: imago/epd)
23.04.2015
Falsche Versprechen

Das Märchen von der guten Gentechnik

Sie bekämpft Armut und Welthunger, schützt die Umwelt, ist innovativ und setzt auf Sicherheit statt Risiko. Das alles soll die grüne Gentechnik können. Kann sie aber nicht. Von Magdalena Fröhlich

Soja ist die am häufigsten gentechnisch veränderte Pflanze (Foto: imago/westend61)
So beschreibt sich Monsanto auf seiner Website selbst: "Monsanto ist bestrebt, Landwirte dabei zu unterstützen, Nahrungsmittel effizienter und nachhaltiger anzubauen. Unsere Produkte haben die Art und Weise verändert, wie Nahrungsmittel erzeugt werden - zum Nutzen der Landwirte und der Verbraucher."

Auch auf der Website der International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA), einer Organisation, die nach eigenen Angaben die Vorteile der grünen Gentechnik verbreiten möchte und von der Gentechnik-Lobby finanziert wird, beschreibt man die grüne Gentechnik als Beitrag zur Hunger- und Armutsbekämpfung.

Und statt von "gentechnisch veränderten", spricht die Gentechnik-Industrie auch stets von "gentechnisch verbesserten" Organismen (GVO). Wir haben die Versprechen der Gentechnik-Industrie unter die Lupe genommen:

1. Gentechnik ist eine zukunftsweisende Technologie.

Tatsächlich gibt es nur zwei Eigenschaften, die wirklich Marktrelevanz haben: Pflanzen mit Herbizidresistenz und solche, die für Insekten schädliche Gifte produzieren, also resistent gegenüber Insektenfraß sind.

Gentechnik weltweit

  • Auf 3,6 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche (5 Milliarden Hektar) und 12,9 Prozent der weltweiten Ackerfläche (1,4 Milliarden) werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut.

  • Das bedeutet auch: 96,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche beziehungsweise 87,1 Prozent der Ackerfläche sind gentechnikfrei.

  • Der Großteil der GV-Pflanzen wächst in fünf Ländern: in den USA (40 Prozent), Brasilien (23 Prozent), Argentinien (13,4 Prozent), Kanada (6,4 Prozent) sowie in Indien (6,4 Prozent). Insgesamt sind bei der ISAAA rund 40 Länder gelistet, in denen Gentech-Pflanzen zugelassen sind.

  • Insgesamt steigt die Fläche, auf der GV-Pflanzen angebaut werden, die Wachstumsraten sinken jedoch.

Weitere Infos und Statistiken: www.isaaa.org und www.keine-gentechnik.de

Insgesamt werden nur vier gentechnisch veränderte Pflanzenarten kommerziell angebaut: Soja, Mais, Baumwolle und Raps. Sie sind meist herbizid- oder insektenresistent oder beides.

Der Anteil anderer gentechnisch veränderter Pflanzen, wie Papayas oder Pappeln ist weltweit gering. Auch GV-Pflanzen, die andere Eigenschaften haben, etwa gut mit Trockenheit klarkommen, haben bislang keine Marktrelevanz.

2. Mit Gentechnik kann man den Welthunger bekämpfen.

Tatsächlich treibt Gentechnik Bauern in die Abhängigkeit. Gentechnisch verändertes Saatgut ist viel teurer, die Preise steigen sogar noch weiter: In den letzten 17 Jahren etwa sind die Kosten für GV-Soja-Saatgut nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums um 320 Prozent gestiegen, während die Erträge etwa gleich geblieben sind. Hinzu kommen Ausgaben für künstlichen Dünger und chemisch-synthetische Pestizide. Denn ohne diese wäre der Ertrag niedriger.

Schaut man sich die GV-Pflanzen weltweit an, stehen an der Spitze Soja und Baumwolle. Baumwolle kann man aber nicht essen. Soja und Mais werden in erster Linie für die Futtermittelproduktion angebaut. Außerdem werden Gentechnik-Felder in Monokulturen bewirtschaftet, die Bauern setzen nicht mehr auf einen Fruchtwechsel. Fällt also mehrmals hintereinander die Ernte schlecht aus, hat der Bauer kein zusätzliches Standbein. Eine Fruchtfolge etwa mit Baumwolle, Sesam, Mungobohnen oder Okra-Schoten wäre die sicherere Alternative.

Ob ihr die grüne Gentechnik helfen kann? Nein, sagen Hilfsorganisationen (Foto: imago/Zakir Hossain Chowdhury)
Die Gentechnikindustrie will auch etwas gegen den sogenannten Stillen Hunger, also die Unterversorgung mit Vitaminen und anderen Stoffen tun. Deshalb hat sie einen Reis entwickelt, der mehr Betacarotin enthält, was im Körper zu Vitamin A umgewandet wird: den "Golden Rice". Da viele Menschen in Entwicklungsländern an Vitamin-A-Mangel leiden, erblinden laut Angaben von Misereor weltweit jährlich 500.000 Kinder, die Hälfte von ihnen stirbt binnen eines Jahres. Dennoch: Weder die Bevölkerung selbst, noch Hilfsorganisationen wollen den Gentechnik-Reis. Außerdem wirft der Reis weniger Ertrag ab, als die von den Landwirten bislang verwendeten gentechnik-freien Sorten. Den Vitamin-Mangel könne man Entwicklungsexperten zufolge auch mit Tabletten oder einfach mit der Förderung des Anbaus und Kochens von Gemüse beheben.

Oxfam, Brot für die Welt, Misereor oder die Welthungerhilfe - sie alle lehnen die grüne Gentechnik zur Armuts- und Hungerbekämpfung ab: Sie führt zu Abhängigkeiten, außerdem sind die Gentech-Pflanzen für die Agrarindustrie, nicht aber für die Selbstversorgung und die Vermarktung auf lokalen Märkten geeignet. Die Welthungerhilfe stellt außerdem fest: "Einkommenssteigerungen durch transgenes Saatgut sind in der Regel gering und wenig nachhaltig, oft ist sogar ein sinkendes Einkommen zu verzeichnen."

3. Dank der Gentechnik sinkt der Einsatz von Pestiziden.

Das stimmt nur anfangs, dann ist das Gegenteil der Fall: Die Schädlinge und Unkräuter bilden sowohl gegen die Spritzmittel als auch gegen die von der Gentechnik-Pflanze selbst produzierten Gifte Resistenzen. Rund 200 verschiedenen Arten von Unkräutern sollen laut einer US-Datenbank mehrere Ackergifte nichts mehr anhaben können. Das Fatale: "Anstatt eine nachhaltige Landwirtschaft zu entwickeln, werden die Gentechnik-Pflanzen mit immer mehr Resistenzen gegen Pestizide ausgestattet", so Gentechnik-Experte Christoph Then in einer Analyse. "In der Folge wird der Herbizideinsatz noch weiter steigen, es werden neue Resistenzen bei Unkräutern entstehen." Das wirkt sich auch auf die Verbraucher aus: Weil man etwa den Wirkstoff Glyphosat auch kurz vor der Ernte spritzen kann, können die Rückstandsmengen in Lebensmitteln steigen. Eine Europaweite Studie des Bundes für Naturschutz (BUND) hat ergeben: Sieben von zehn der untersuchten Großstädter in Deutschland hatten das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin.

Der Pestizid-Einsatz hat auch für die Natur gravierende Folgen: Von der Bedrohung der Artenvielfalt bis hin zur Abnahme der Bodenfruchtbarkeit.

Auch die Menge an Giften, die die GV-Pflanzen selbst produzieren, steigt: Während bei der gentechnisch veränderten Maissorte MON-810 pro Hektar rund 0,133 Kilogramm Toxine auf dem Acker landen, sind es bei der neueren Sorte SmartStax über vier Kilogramm. Wie sich die Gifte, die die GV-Pflanzen produzieren, genau verhalten, ist unklar.

4. Gentechnik ist eine sichere Technologie, die Risiken sind kalkulierbar.

Dass Gentechnik nicht sicher ist, zeigen immer wieder Beispiele, bei denen Gentechnik da landet, wo sie unerwünscht ist. In Kanada ist es beispielsweise nicht mehr möglich, gentechnikfreien Raps anzubauen. Der Grund: Der Pollen fliegt einfach zu weit und landet so auch auf Feldern, auf denen die Bauern eigentlich gern auf GV-Pflanzen verzichtet hätten. Außerdem: Einmal auf dem freien Feld, lassen sich Gentechnik-Pollen kaum mehr zurückholen. Das ist auch der Grund, warum sich die Proteste gegen Gentechnik auf dem Acker, weniger aber gegen Gentechnik in der Medizin und anderen Bereichen wenden. Denn dort wird die Gentechnik in einem geschlossenen System angewandt.

Wie sich Gentechnik auf die Gesundheit der Menschen auswirkt, ist noch unklar. Langzeitstudien fehlen. Fakt ist aber, dass die Pestizide nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Menschen extrem schädlich sind. Erst Mitte April hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor gewarnt, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist. Das ist derjenige Wirkstoff, gegen den die meisten GV-Pflanzen mit Herbizidresistenz immun sind. Auch das Krebsinstitut Brasiliens hat bekannt gegeben: "Die Einführung von gentechnisch verändertem Saatgut in Brasilien war einer der Hauptgründe, warum das Land im internationalen Vergleich den ersten Platz beim Pestizidverbrauch einnahm, denn der Anbau von GVO erfordert große Mengen dieser Produkte." Und weiter heißt es: "Wir müssen uns erinnern, dass der Pestizideinsatz in zehn Jahren explodiert ist. Wenn wir bedenken, dass Krebs 20 oder 30 Jahre nach der Exposition auftritt, werden die Menschen die Folgen des enormen Anstiegs beim Pestizidverbrauch in etwa 15 bis 20 Jahren spüren."

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Website von Monsanto Deutschland: www.monsanto.com

Website der ISAAA und Überblick zu Ländern mit GVO-Zulassungen: www.isaaa.org

Überblick über den Anteil von GV-Pflanzen und Erklärungen zu den Resistenzen: www.bund.net

Mögliche Fruchtfolge für Baumwolle: www.pan-germany.org

Kostenexplosion beim Saatgut: (S. 11) www.boelw.de

Misereor über den Golden Rice: www.misereor.de

Was man statt Golden Rice gegen den Vitamin-Mangel tun könnte: www.weltagrarbericht.de

Ausführliche Analyse vom Gentechnik-Experten Christoph Then zum Golden Rice: www.foodwatch.org

Umfangreiches Dossier zu Argumenten gegen grüne Gentechnik: www.keine-gentechnik.de

Die Welthungerhilfe sieht in der grünen Gentechnik keinen Beitrag zur Hungerbekämpfung: www.welthungerhilfe.de (ab S. 9) und www.rp-online.de

Studie zur neuesten Entwicklung in der Gentechnik: www.martin-haeusling.eu

Herbizidresistente, gentechnisch veränderte Pflanzen beschleunigen den Biodiversitätsverlust - Studie des deutsche Bundesamtes für Naturschutz, des österreichischen Umweltbundesamtes und des schweizerischen Bundesamtes für Umwelt: www.bfn.de

Krebsinstitut Brasiliens warnt vor Pestizid-Einsatz: www.weltagrarbericht.de

ARD-Bericht: Propagandaschlacht um die Gentechnik: www.br.de

Informationen zur Resistenz gegenüber Bt-Mais: www.testbiotech.org

200 Arten sind gegen Glyphosat bereits resistent, Studie von Gentechnik-Experten Christoph Then: www.martin-haeusling.eu

Buchtipp: Christoph Then: Handbuch Agro-Gentechnik. Die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt