Nicht nur die Honigbiene, auch die Schwebfliege ist ein wichtiger Bestäuber (Foto: imago)
22.08.2017
Insektensterben

Das große Flattern

Wann haben Sie zuletzt einen schönen Schmetterling gesehen? Eine Schwebfliege? Oder eine Hummel im Garten? Wenn man einer Studie glauben darf, ist es um die Insektenwelt schlecht bestellt. Von einem Massensterben ist die Rede. Von Julia Romlewski

Den Bienen geht es nicht gut -  das weiß man. Auch dass einzelne Schmetterlingsarten bedroht sind. Nun aber macht ein neues Schreckenswort die Runde: Insektensterben. Falter, Wildbienen, Schwebfliegen - von allen scheint es immer weniger zu geben. Darauf jedenfalls deuten Studien von Forschern aus Nordrhein-Westfalen hin.

Krefelder Insektenfans hatten jahrzehntelang an unterschiedlichen Orten Insekten gefangen und gezählt. Vor vier Jahren dann ging der Entomologische Verein mit einer Studie an die Öffentlichkeit. Zwischen 1989 und 2013 sollen in einem Krefelder Naturschutzgebiet mehr als 75 Prozent der Insekten verschwunden sein. Weil man nicht jeden einzelnen Falter zählen kann, haben die Forscher die Tierchen gewogen. Das Ergebnis: Die Masse der Fluginsekten hat extrem abgenommen. Wo den Forschern 1989 noch mehr als ein Kilo Insekten in die Falle ging, waren es 2013 nur noch rund 260 Gramm.

Zufall? Ein schlechtes Insektenjahr? Das glaubt Biologe Martin Sorg vom Krefelder Verein nicht. "Gibt es denn schlechte Vogeljahre oder schlechte Säugetierjahre? Populationsschwankungen kennt man wohl eher auf dem Niveau von Arten." Wenn in einem Jahr mal weniger Wespen herumschwirren, ist das normal. Ganz und gar nicht normal aber ist es, wenn ganze Ordnungen oder Klassen von Organismen gleichzeitig stark schrumpfen. So etwas gibt es in der Natur eigentlich nicht. "Die Studie in Krefeld zeigt eindeutig, dass die Biomasse der Gesamtheit der Insekten stark abgenommen hat", sagt auch Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie in Freiburg. Es ist ein leises Sterben, das viele Menschen gar nicht mitbekommen.

Insektenrückgang hat viele Gründe

Viel weiß man allerdings immer noch nicht über den Zustand der Insektenwelt als Ganzes. Umweltsystemanalyst Jochen Fründ von der Universität Freiburg ist die Datenlage derzeit noch zu dünn: "Es fehlen bislang gute Langzeitdaten und eine Sammlung und gründliche Analyse von eventuell verstreut vorhandenen Daten." Was man aber zum Beispiel weiß: Dass es vor 1990 noch viel mehr Schmetterlinge bestimmter Arten gab. So schreibt die Europäische Umweltagentur EEA 2013 in ihrem Bericht: "Zwischen 1990 und 2011 brach die Population von 17 in der EU verbreiteten Schmetterlingsarten um rund die Hälfte ein."

Insektenforschung, das war lange ein vernachlässigtes Nischenthema. Ein Hobby für Liebhaber. Es fehlt auch an Geld und Spezialisten für einen Gesamtblick auf das Insektenreich. Und so mag auch Biologe Sorg nicht über die Ursachen des Insektenrückgangs spekulieren. Für seriöse Ursachenforschung fehle es noch an Messwerten für bestimmte Einflussfaktoren. Wie stark Klimaveränderungen auf die Insekten einwirken zum Beispiel. Monotone Landschaften.

Und Insektizide. Die können auch in Naturschutzgebieten ein Problem sein. "Immer mehr Studien zeigen, dass vor allem Neonikotinoide sublethale Effekte auf nützliche Insekten haben", so Biologin Klein. Sublethal heißt, dass sie die Insekten nicht unbedingt sofort umbringen, ihnen aber sehr schaden. Schon länger fordern Umweltschützer und Bioverbände wie Bioland daher ein Verbot aller Neonikotinoide - auch bekannt als "Bienen-Killer" - in der Landwirtschaft. Diese Mittel greifen direkt ins zentrale Nervensystem der Insekten ein. Einige sind bereits - zumindest vorübergehend -  nicht mehr zugelassen. Auf EU-Ebene wird derzeit über ein Totalverbot diskutiert, Frankreich will die Insektengifte bereits ab Herbst 2018 verbieten.

Insektizide verbieten - und alles wird wieder gut? So einfach ist es wohl nicht. Es braucht auch Wohlfühlorte für die Insekten - verwilderte Ecken und Wiesen statt Rasen und Beton. Und vor allem genug Futterquellen. Wildkräuter aber werden systematisch zerstört - durch Unkrautvernichter wie Glyphosat. Wo das Totalherbizid ausgebracht wird - auf 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland - finden Wildbienen, Falter und Co. einfach immer weniger zu fressen.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

 Im Netz:

Hier geht es zu den Studienergebnissen der Krefelder Insektenforscher (pdf)

Der BUND hat Informationen und Veröffentlichungen zum Thema Insektensterben gesammelt