Die Feldlerche, eigentlich ein Allerweltsvogel, gilt als gefährdet (Foto: imago)
17.01.2018
Artenvielfalt in der Landwirtschaft

Damit die Lerche wieder trillert

Während es in den Städten zwitschert und summt, wird es auf Wiesen und Feldern immer stiller. Wir brauchen neue Regeln für die Intensivlandwirtschaft, um das Artensterben zu stoppen. Von Manfred Kriener

Sie segelt elegant unterm Himmelsdach, sie huscht über sonnenbeschienene Steine und krabbelt pfeilschnell ins Versteck. Sie zwitschert, trompetet und maunzt. Sie ist gepunktet, leuchtet im gestreiften Dress oder betört mit schimmerndem Glanz. Sie ist Tier und Pflanze, Wiese und Bach, aber auch Stadtbalkon und Bauernhof. Ihr Name: Biodiversität - die Vielfalt des Lebens.

Biodiversität ist mehr als ein kompliziertes Wort für Artenschutz. Sie ist zur neuen Weltformel des Naturschutzes aufgestiegen. Sie steht für den Reichtum der Lebensformen. Doch ausgerechnet auf dem "Land", weit weg von Lärm und Abgaswolken, inmitten von Wiesen und Äckern, beobachten Wissenschaftler einen krassen Schwund. Während sich in den Städten Fuchs und Hase guten Tag sagen und vielerorts eine wirklich reiche Vielfalt zu bestaunen ist, sieht es in den ländlichen Regionen düster aus."

Die Zahlen zeigen einen überraschend klaren und kontinuierlichen Rückgang der in der Agrarlandschaft noch vorhandenen biologischen Vielfalt", heißt es im 2015 veröffentlichten Monitoring-Bericht zum Zustand der deutschen Landwirtschaftsflächen. In dem Bericht bilanzieren die Naturschutzexperten Armin Benzler, Daniel Fuchs und Christina Hünig die "High-Nature-Value"-Flächen (HNV), also Äcker und Wiesen mit hohem Naturwert, auf denen sich noch vergleichsweise viele Arten tummeln.

Ernüchterndes Fazit

Schon 2009 waren in Deutschland nur noch 5,6 Prozent der Agrarlandschaftsfläche wertvolles Grünland und nur 1,6 Prozent bestand aus HNV-Äckern. 2013 waren es nur noch 5,3 und 0,9 Prozent und 2015 ging das HNV-Grünland nochmals auf 5,1 Prozent zurück. Die 2017 erhobenen, noch unveröffentlichten Zahlen werden vermutlich noch schlechter ausfallen.

Die Agrarlandschaft als traurige Biowüste? Das Umweltministerium hat im Oktober 2015 sein Handlungsprogramm "Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt" der Bundesregierung vorgestellt - die "Naturschutzoffensive 2020". Dort wird ein ernüchterndes Fazit gezogen: "In den letzten zehn Beobachtungsjahren haben sich die Indikatoren für die Artenvielfalt und Landschaftsqualität gerade im Agrarland deutlich verschlechtert auf den bisher tiefsten Wert."

Das ist vor allem deshalb so bedeutsam, weil mehr als die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt wird. Und gerade die Landwirtschaft verschlingt den größten Batzen an EU-Geldern. Von 2014 bis 2020 erhalten Europas Bauern aus dem EU-Haushalt rund 370 Milliarden Euro an sogenannten Direktzahlungen. Riesige Summen, mit denen offenbar nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch der Untergang der Natur europaweit subventioniert wird.

Das summte und zwitscherte

Stimmen werden lauter, jeden Euro aus öffentlichen Kassen künftig sehr viel stärker an die Erhaltung und Förderung von Umwelt, Natur und Tierschutz zu koppeln und damit auch die Biodiversität zu fördern. Dass ausgerechnet die Landwirtschaft - eigentlich der Sektor der Hege und Pflege von Tier und Pflanze - zum Killer der Artenvielfalt geworden ist, wird in vielen Untersuchungen nachgewiesen. Josef Reichholf, einer der bekanntesten deutschen Naturschutz-Autoren, beziffert den Anteil der Landwirtschaft am Artenrückgang je nach Region auf 70 bis 90 Prozent.

Die Bauernverbände begnügen sich meist damit, die Problemlage einfach zu bestreiten: "Ich kann Ihnen sagen, dass unsere Landwirtschaft so gut ist wie vielleicht nie zuvor und dass sie weltweit ihres gleichen sucht", gibt der Bauernpräsident Schleswig-Holsteins, Werner Schwarz, zu Protokoll.

Dabei waren die Agrarflächen lange Zeit tatsächlich blühende Landschaften. Bis in die 1960er Jahre erfreuten bunte Wiesen und Felder mit vielgestaltigen kleinstrukturierten Kulturen und Biotopen, mit Bäumen, Hecken, Bächen und Ackersäumen nicht nur das Auge, sondern auch Tiere und Pflanzen. Das summte und das zwitscherte!

Hot Spots der Biodiversität

Heute wirkt die Agrarlandschaft häufig monoton und ausgeräumt, ideal für die rationelle Bewirtschaftung mit großen Maschinen. Bäume, Hecken und Gewässer sind vielerorts als lästige Hindernisse beseitigt worden. Ackergifte (Pestizide) und Überdosen an Gülle und Mineraldünger lassen vielen Pflanzen und Tieren keine Chance. Der "Magerrasen" etwa, der mit wenig Stickstoff gedeiht und den eine hohe Artenvielfalt auszeichnet, ist so gut wie verschwunden.

Auch alle Arten von Kleingewässern, die Wacholderheide, Moore, Dünen und selbst die Ackersäume, wo Kinder früher Blumen pflückten, werden verdrängt. Raps und Mais und Raps und Mais. Gleichzeitig verliert vor allem das Dauergrünland an Fläche und wird umgewandelt. Dabei sind mehr als die Hälfte unserer Pflanzen auf Grünland-Lebensräume angewiesen.

Stattdessen machen sich die Monokulturen breit. Raps und Mais sind in vielen Regionen die beherrschende Kultur. Das geht auch auf Kosten von Brachflächen und extensiv genutztem Land. Gerade solche Flächen sind wertvolle Rückzugsräume der Natur, kleine Hot Spots der Biodiversität.

Tabula rasa auf den Feldern

Damit befindet sich der Naturschutz in einer ungemütlichen Zwitterposition. Er darf schöne Einzelerfolge feiern mit der Rückkehr von Wölfen und Luchsen oder anderen Vorzeigetieren. Auch die Naturschutzgebiete sind ein eindrucksvolles Pfund. Doch gleichzeitig geht die biologische Vielfalt in der "Normallandschaft" dramatisch zurück. So ist in den vergangenen 30 Jahren in der EU jeder zweite Vogel aus der Agrarlandschaft verschwunden. Allein Deutschland hat seit 1990 mehr als eine Million Feldlerchen-Reviere verloren.

Ob Wildbienen, Vögel, Feldhamster, Wildkräuter oder ganze Ökosysteme: Die Datenkurven zeigen abwärts. Ökosystemforscher Christoph Leuschner, Professor an der Uni Göttingen, hat Äcker und Wiesen in Mittel- und Norddeutschland untersucht. "Die große Mehrzahl der ehemals für das Grünland und Ackerland kennzeichnenden Pflanzenarten hat im Zuge der landwirtschaftlichen Intensivierung in den letzten 50 bis 60 Jahren Häufigkeitsabnahmen in der Größenordnung von 95 bis 100 Prozent erlitten." Tabula rasa auf Feldern und Wiesen.

Was kann nun aber getan werden? Zurück in die Kuschelecke der 60er Jahre? Den Bauernverbänden nahestehende Wissenschaftler, die auf der Internetseite "Agrarfakten" publizieren, erklären demonstrativ, dass eine "flächendeckende Wiederherstellung der artenreichen, aber viel zu unproduktiven vorindustriellen Agrarlandschaft unmöglich" sei. Stattdessen solle man den hochproduktiven Ackerbau von den Zielen der Biodiversität trennen. Segregation heißt dieses Prinzip: Dort die kleinen Oasen der biologischen Vielfalt auf eigenes geförderten Vorrangflächen. Hier die mit reichlich Gift und Gülle bewirtschafteten Turboflächen der Intensivlandwirtschaft.

"Amerikanisierung der Landwirtschaft"

Eine "hanebüchene Strategie" sei das, kontert Benny Härlin, Berliner Büroleiter der Zukunftsstiftung Landwirtschaft: Es wäre "die Amerikanisierung der Kulturlandschaft" und damit ihr Untergang. Härlin fordert den massiven Ausbau der Biolandwirtschaft. Auf deren Flächen leben tatsächlich mehr Tiere und Pflanzen.

Auch der amtierende Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) favorisiert den Bio-Ausbau mit einer Zielmarge von 20 Prozent. Doch bisher ist dies ein Lippenbekenntnis, ohne den notwendigen politischen Anschub. Ebenso fruchtlos blieben alle Versprechen, die Gülle- und Nitratlasten aus der Massentierhaltung - so ein Mist! - auf den Äckern zu reduzieren. Die  EU hat Deutschland wegen des Düngerproblems und der damit verbundenen Grundwasserbelastung bereits verklagt.

Und das berühmte Greening? Seit 2014 wird ein Teil der Direktzahlungen für Landwirte als "Greening-Prämie" ausgeschüttet. Der Geldsegen ist gekoppelt an Umweltleistungen. So müssen zum Beispiel mehrere Kulturen angebaut werden, Dauergrünlandflächen wie Wiesen und Weiden sollen erhalten und ökologische Vorrangflächen ausgewiesen werden. Doch bisher sind die Greening-Vorschriften zu lasch für eine Trendwende. "Das Ganze ist so bürokratisch wie unwirksam", bilanziert Reinhild Benning, Landwirtschaftsexpertin bei Germanwatch. Auch die EU-Kommission will das Greening nun wieder abschaffen.

Die ökologische Trendwende scheint unausweichlich. Im Idealfall würden dann nur diejenigen Betriebe reichlich EU-Gelder kassieren, die tatsächlich natur- und umweltfreundlich wirtschaften. Feldhamster und Lerche, Biene und Kiebitz würden es danken.

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