Alter Brauch im Vinschgau: Das Scheibenschlagen (Foto: Patrik Gamper)
17.12.2014
Bräuche

Hexen und weissagende Hühner

Das Festbrauchtum rund um Weihnachten und Ostern kennt jeder. Doch warum streuten Bauern früher Asche aufs Feld oder warum gingen Mädchen an Silvester zu den Hühnern? Viele Rituale sind in Vergessenheit geraten. Aber nicht bei allen. Von Julia Romlewski

Bleigießen kannten angeblich schon die alten Römer. Andere Silvesterbräuche sind heute nicht mehr so beliebt (Foto: imago)
An Silvester ist die Versuchung groß, etwas über das kommende Jahr herauszufinden. Man legt Karten oder gießt Blei und sucht nach Hinweisen. Auf eine neue Liebe zum Beispiel. Wer wissen möchte, ob nächstes Jahr der Richtige auftaucht, könnte in der Silvesternacht aber auch einfach in den nächstbesten Hühnerstall gehen. So war es früher Brauch bei manchen jungen Frauen auf dem Land. Sie warteten ab, wer zuerst gackerte: eine Henne oder ein Hahn. War es der Hahn, standen die Chancen auf eine Hochzeit angeblich gut. Ein Brauch, bei dem sicherlich viel gelacht wurde.

Früher kannten die Bauern viele schöne Bräuche, die sie mit dem ganzen Dorf feierten. In der Regel ging es bei den Ritualen darum, eine gute Ernte herbeizubeschwören oder Gott um Schutz für Haus, Hof und Vieh zu bitten, vor Krankheiten, vor Unwetter, zu viel oder zu wenig Regen. Dabei war natürlich viel Aberglaube mit im Spiel.

Die Rituale halfen den Bauern, mit ihren Existenzängsten klarzukommen. Das war wichtig, denn in früheren Zeiten waren die Menschen äußeren Widrigkeiten viel stärker ausgeliefert als heute: Seuchen, Kriegen, Dürren, Überschwemmungen, Insektenplagen. Eine einzige Missernte konnte Hunger, Armut und Tod für eine ganze Region bedeuten. So etwa in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts, als wegen der Kartoffelfäule Hunderttausende starben oder auswandern mussten. Eine Katastrophe nationalen Ausmaßes.

Schwierige Suche

Heute tut man sich schwer, noch brauchtumsbewusste Bauern zu finden. In der industrialisierten Landwirtschaft hat man wenig Bedürfnis danach, Kräuter zum Schutz gegen Krankheiten in den Hightech-Stall zu hängen oder in der Weihnachtszeit Wetterorakel zu befragen. Gegen Krankheiten gibt es Antibiotika, für das Wetter die Meteorologen. Und niemand erwartet von Großbetrieben, dass sie Feste für die Nachbarschaft ausrichten.

Aber auch auf kleineren Höfen ist es mit alten Bräuchen offenbar nicht mehr weit her. Nachfrage am Telefon: Alte Bräuche? Schweigen, angestrengtes Nachdenken. Dem ein oder anderen fällt dann aber doch noch etwas ein. Ja sicher, man macht ein Hoffest zu Erntedank - vielleicht aber eher aus Geschäftstüchtigkeit als aus Liebe zum Brauchtum.

Junglandwirt Max Schlarb (Foto: privat)
Aber es gibt sie doch noch, die traditionsbewussten Bauern. Max Schlarb ist so einer. Der 27-jährige Bioland-Jungbauer aus dem bayerischen Voralpenland findet Bräuche wichtig. "Weil da die Leute zusammenkommen." In Schlarbhofen bei Rosenheim - der Ort ist nach der Gründerfamilie Schlarb benannt - wird Erntedank Mitte Oktober mit allen Nachbarn gefeiert. "Alle kochen etwas." Dann gibt es Kürbissuppe, Krautsalat und was der Herbst eben noch so alles hergibt.

Erntedank ist wahrscheinlich das bäuerliche Fest, das noch am weitesten verbreitet ist. Denn auch die Kirchen feiern es: die katholische Kirche am ersten Sonntag im Oktober, die evangelische Kirche rund um den Michaelistag am 29. September und die US-Amerikaner als Thanksgiving Ende November. Erntedank war das wichtigste Fest im bäuerlichen Kalender. War die Ernte erst einmal eingebracht, konnte der Winter kommen. Oft wurde dann tagelang gefeiert. Schon die Germanen sollen das Fest gekannt haben. "Belegen lässt sich das aber nicht", erklärt Ethnologe Rainer Wehse von der Uni München.

Schutz vor Krankheiten, Feuer und Mäusen

Früher überreichten Gesinde und Erntearbeiter den Bauern nach den Erntearbeiten einen Kranz aus Getreide und wurden dann üppig bewirtet. Daran erinnert heute eine festlich geschmückte Erntekrone, die während der Prozession in die Kirche getragen wird. Die Bauern hängten den Kranz im Haus auf. Er sollte vor Krankheiten und Feuer schützen. Nach der nächsten Ernte legte man den alten Kranz unter das neue Getreide. Das sollte Mäuse fernhalten.

Moderner Strohmann in Mecklenburg-Vorpommern (Foto: imago)
Auf vielen Feldern standen früher auch Erntepuppen als Opfergabe, die man aus den letzten Gaben geformt hatte. Fielen diese üppig aus, konnte man auf eine gute nächste Ernte hoffen. "Erntepuppen habe ich aber lange nicht mehr gesehen", sagt Brauchtumsexperte Wehse. Auch  Junglandwirt Schlarb stellt keine auf.

Dafür feiern die Schlarbs Schlachtfeste - ein weltlicher Bauernbrauch. "Da kommen Onkel und Tanten zusammen und werden verköstigt. Dann gibt es auch frische Koteletts." An Ostern brennt in Schlarbhofen ein Osterfeuer und im Juni ein Sonnwendfeuer. Und natürlich hüpft Max Schlarb auch schon mal darüber. Den Brauch mit der Osterasche kennt er allerdings nicht. „Bauern, die auf reiche Ernte hofften, verteilten früher Asche an allen vier Enden ihres Felde", erklärt Wehse. Oder sie steckten sich vor dem Gang zum Gottesdienst Getreidekörner in die Hosentasche. Sollte auch helfen. Manche machen das heute noch - etwa beim Vierbergelauf, einer Wallfahrt in Kärnten.

Zeitvertreib im Winter

Als Kind ging Max Schlarb an Weihnachten mit einem Behälter voller Kräuter und glimmender Kohle in den Stall. Denn es heißt, in der Heiligen Nacht könnten die Tiere sprechen. Auch heute schauen die Schlarbs an Weihnachten im Stall vorbei - und nehmen getrocknete Brennessel mit. "Die sollen ja eine reinigende Wirkung haben", sagt der 27-Jährige. Und natürlich hängen bei ihm auch geweihte Kräuterbuschen im Stall. Die bindet er allerdings nicht selbst, er bekommt sie von Verwandten. Die Kräuter werden an Mariä Himmelfahrt in der Kirche geweiht und in Haus und Stall aufgehängt. Helfen sollen sie gegen diverse Krankheiten. Früher warf man auch geweihte Kräuter in den Ofen, wenn ein Unwetter nahte.

Beliebt waren in früheren Jahrhunderten auch Wetterorakel im Winter. Da saß man abends gemütlich in der warmen Stube und hatte Zeit für Unterhaltungsspielchen. "Es ist auffällig, dass es im Sommer kaum Agrarbräuche gibt. Da hatten die Bauern zu viel Arbeit", erklärt Wehse. Am 21. Dezember stellte man Gerstenkörner in einem Topf mit Erde in einen warmen Raum. Nach Weihnachten schaute man, wie gut die Körner aufgegangen waren und las daran das Wetter für das nächste Jahr ab.

Auch das Neujahrsschießen war in vielen Gegenden Tradition: Die Bauern schossen in die Obstbäume oder über die Ställe. Das sollte die Tiere vor Krankheiten schützen und das Getreide wachsen lassen. Das Neujahrsschießen pflegen heute noch manche Schützenvereine.

Die Hexe beim Vinschgauer Scheibenschlagen (Foto: Patrik Gamper)
Einen schönen Brauch, den Winter auszutreiben, kennt man auch im Vinschgau in Südtirol: das Scheibenschlagen. In Schlanders stellt die Bauernjugend jedes Jahr im Februar einen mit Stroh umwickelten Holzstamm hoch über dem Dorf auf, die sogenannte Hexe. Abends, wenn es dunkel ist, bringen die jungen Männer dann Birkenringe in einem Feuer zum Glühen und versuchen, sie möglichst weit zu schleudern.

Feuerspektakel hoch über dem Dorf (Foto: Patrik Gamper)
"Dabei rufen sie: ,Reim Reim, wem keart dia Scheib, dia Scheib keart (...), geatsi guat, hoters guat, geazi letz, hoters letz, schaugn, wias Scheibele ausigeat, ausigeat'", erklärt Patrik Gamper aus Schlanders, der den Brauch seit seiner Kindheit mitmacht. Grob übersetzt: "Reim Reim, wem gehört die Scheibe, die Scheibe gehört (...), fliegt sie gut, geht es ihm gut, fliegt sie schlecht, geht es ihm schlecht. Schau, wie die Scheibe fliegt, fliegt." "Am Ende wird dann die Stange angezündet und wenn die Hexe gut abbrennt, soll das Glück fürs kommende Jahr bringen", so Gamper.

Bräuche sind beharrlich

Geschmückte Kühe (Foto: imago)
Und dann gibt es da noch die sogenannten Übergangsbräuche wie etwa den feierlichen Almabtrieb. Traditionell werden die Tiere mit Bändern und Blumen geschmückt, bevor es im September runter ins Tal geht. Kamen die Tiere ohne Blumenschmuck von der Alm, konnte das bedeuten, dass jemand gestorben war oder mehrere Tiere verunglückt waren. Im Schnalstal in Südtirol feiern die Bauern den Almabtrieb noch mit einem richtigen Fest und halten vor dem Auf- und Abtrieb eine heilige Messe ab, auf dass den Tieren unterwegs nichts zustoßen möge. "Oft ist der Almabtrieb heutzutage aber nur noch ein Touristenspektakel", sagt Ethnologe Wehse.

Glaubt man Wehse, muss man sich um die Zukunft von Bräuchen eigentlich keine Sorgen zu machen. "Bräuche sind außerordentlich beharrlich." Oft reicht nämlich schon eine charismatische Person aus, um etwas wiederzubeleben. Oder es entstehen ganz neue Bräuche. Wie bei den Schlarbs. Seit einigen Jahren pflanzen die Bauern einen Baum, wenn jemand gestorben ist. Eine Sommerlinde mit Bank darunter erinnert an Max Schlarbs Schwager. "Am Geburtstag des Verstorbenen versammelt man sich dann unter seinem Baum", erklärt Schlarb. "Man erinnert sich an ihn, da wo er gelebt hat."

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Bauernregeln: Was sagt die Kuh übers Wetter?

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Ein Porträt über den Jungbauern Max Schlarb in der Schrot und Korn