Man sieht nicht sofort, dass es sich um einen Insektenburger handelt (Foto: Schreiner)
17.10.2017
Insekten

Bitte mit Würmern!

Zwei Jungunternehmer aus Osnabrück produzieren Insektenburger. Obwohl sie die in Deutschland gar nicht verkaufen dürfen. Noch nicht. Die beiden Freunde stehen aber in den Startlöchern. Von Julia Schreiner

Max Krämer (links) und Baris Özel (Foto: Bugfoundation)
Wer den Insektenburger von Max Krämer und Baris Özel probieren will, muss nach Osnabrück ins Gewerbegebiet fahren. Ein nettes helles Büro, drei Mitarbeiter, eine Praktikantin. Auf dem Herd bruzelt ein Bux Burger - so haben Krämer und Özel ihr Produkt genannt. Er besteht aus Buffalowürmer. Das sind die Larven des Getreideschimmelkäfers. Einem Schädling also, den man eigentlich nicht in der Küche haben will. "Bei unseren Würmern geht aber alles ganz hygienisch zu", versichert Unternehmer Krämer.

Showkochen im Büro (Foto: Schreiner)
Der Burger ist knusprig und schmeckt ein bisschen nach Falafel. Er besteht zu rund 40 Prozent aus Würmern, dazu kommen Erbsen der Konsistenz wegen. Der Firmensitz ist keine Verkaufsstelle. Darf gar nicht sein. Denn in Deutschland sind verarbeitete Insekten noch nicht als Lebensmittel zugelassen. Das Start-up produziert die Burger deshalb ganz woanders. In den Niederlanden lassen Krämer und Özel die Burger-Einlage abmischen, pressen und einfrieren. Die Buffalowürmer kaufen sie auch bei einem Züchter in den Niederlanden ein. Der hat große Regale mit Boxen herumstehen, in denen sich zigtausende Würmer tummeln. Sie bekommen Getreide zu fressen - und manchmal etwas Obst oder Gemüse wegen der Vitamine. Ausmisten heißt im Würmerstall Aussieben.

Hier wachsen die Buffalowürmer (Foto: Protifarm)
Die Anzahl der Würmer, die man für einen Burger braucht, liegt im vierstelligen Bereich. "Massentierhaltung ist bei Larven kein Problem. Sie leben ja von Natur aus in Massen im Dunkeln", sagt Özel. Nach wenigen Wochen Völlerei werden sie ins Nirwana befördert. Den Schlachthof kann man sich dabei auch sparen. Man friert sie einfach ein. Und wenn sie dann wieder aufwachen? Özel lacht. "Nein, da muss man sich keine Gedanken machen", sagt der 30-Jährige.

Den Insektenburger der Osnabrücker bekommt man zurzeit in Amsterdam und sieben weiteren Städten in den Niederlanden. Und in einem Brüsseler Restaurant. Demnächst will auch die niederländische Metro den Burger ins Sortiment aufnehmen. Dort kaufen vor allem Gastronomen ein. Eine große Chance für den Bux Burger. Doch so richtig wollen sich Krämer und Özel erst freuen, wenn er wirklich im Kühlregal liegt.

Dabei sind die beiden Jungunternehmer, die sich seit der Schulzeit kennen, schon ganz schön erfolgsverwöhnt. Die Medien berichten immer wieder über ihre Geschäftsidee. Und in der Küche hängen Auszeichnungen an der Wand. Zum Beispiel: Sieger beim Start Green Award 2016 in der Kategorie "Neue Perspektiven". Der Start Green Award unterstützt junge Gründer, die sich hervortun in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Und Insektenessen gilt als nachhaltig. Im Vergleich zum Verzehr von Wirbeltieren. Krämer kann die Vorteile herunterrasseln. Die gute Ökobilanz, die guten Nährwerte. Dazu gibt es Studien. Insekten sollen die besseren Futterverwerter sein. "Sie brauchen zwölfmal weniger Futter als Rinder", erklärt Krämer. Auch Antibiotika sind noch kein Thema. Ob das so bleibt, wenn Würmer in ganz großem Stil gezüchtet werden, ist allerdings unklar.

Wunsch nach Bio

Krämer hat seine Bachelorarbeit über Insekten als Nahrungsmittel geschrieben. Das war, nachdem er und sein Kumpel Baris ihr Erweckungserlebnis in Asien hatten. "Wir haben vor sieben Jahren auf einer Reise frittierte Insekten gegessen und die haben so gut geschmeckt, wie sie gerochen haben", erzählt Özel.

Ab 2018 sind Insekten erlaubt

Die Regeln für neuartige Lebensmittel in der EU (Novel-Food-Verordnung) sind überarbeitet worden. Ab 2018 gelten auch Insekten offiziell als Lebensmittel. Dann kann der Buffalowurm eine Zulassung in der gesamten EU bekommen. Weil so ein Zulassungsantrag viel kostet, übernimmt das der niederländische Züchter. Die bisherige Gesetzgebung lässt den Ländern Spielraum. Deutschland legte sie streng aus, die Niederlande und Belgien sehen das Ganze lockerer. Bis die hochoffizielle EU-Entscheidung über die Würmer durch ist, gelten Ausnahmeregelungen.

Die beiden Freunde fingen an zu experimentieren. Mit ganzen Insekten, die sie sich im Internet bestellten - getrockneten Heuschrecken, Wachsmottenlarven, Mehlwürmern. Aber auch mit lebenden. "Die mussten wir dann einfrieren", sagt Özel. Allerdings ist es nicht so einfach, mal eben so einen massentauglichen Insektenburger zu kreieren. Krämer hat Geografie studiert, Özel BWL. Von Lebensmitteltechnik hatte keiner Ahnung. "Darum haben wir uns dann beim Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik professionelle Hilfe geholt", so Özel. EU-Fördergelder machten das möglich. 2015 konnte man dann den ersten Burger in Brüssel bestellen.

Bislang gelten Insektenburger als Delikatesse. Im Restaurant kostet ein Bux Burger derzeit neun bis 15 Euro, im Einzelhandel kommt eine 400-Gramm-Packung auf neun bis 13 Euro. Die deutschen Preise stehen noch nicht fest. Die beiden Unternehmer müssen auch erst mal Abnehmer hierzulande finden.

Und noch eine bürokratische Hürde nehmen. Doch da schaut es gut aus (siehe Kasten oben). Der Bux Burger könnte in wenigen Monaten auf den deutschen Markt kommen. Irgendwann soll es ihn dann in Bio-Qualität geben. "Das wäre unser Wunsch", so Özel.

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Ein Beitrag der UN-Organisation FAO über Insekten als Nahrungssicherung (pdf) mit weiterführenden Links zu Publikationen findet man hier