Kann man weder sehen noch riechen: Nitrat im Wasser (Foto: piu700/pixelio)
23.06.2014
Nitrat im Grundwasser

Biohof sorgt für sauberes Trinkwasser

Bis 2015 sollen alle Gewässer in Deutschland "in gutem Zustand" sein. So heißt es in einer Richtlinie der EU. Schon jetzt ist klar: Kaum eine Region wird dieses Ziel erreichen. Schuld daran ist vor allem Gülle aus Massentierhaltung. Einige Wasserwerke setzen deshalb auf Bio. Von Magdalena Fröhlich

Woher kommt das Nitrat im Wasser?

Pflanzen nehmen Nitrate als Nährstoff und wichtige Stickstoffquelle auf. Die Landwirte düngen entweder organisch (also mit Komposten oder den Exkrementen von Tieren) oder künstlich mit Stickstoffdünger. Die Pflanzen können aber nicht unbegrenzt Stickstoff für ihr Wachstum aufnehmen. Wenn der Bauer zu viel düngt, landet der restliche Stickstoff im Wasser.

Andreas Jäger legt die Karten auf den Tisch: Sie zeigen den Umriss von Deutschland und sind grün-rot gefleckt. Rot - das bedeutet schlechter Zustand, grün ist gut. Auf der Karte ist schon ziemlich viel rot. Jäger ist Experte für Landwirtschaft und Wasserkunde bei den Kommunalen Wasserwerken Leipzig (KWL) und beobachtet seit Jahren einen Trend: steigende Nitratwerte. Negativer Spitzenreiter ist Niedersachsen: 60 Prozent der Fläche sind dort im roten Bereich, in Sachsen sind es 24 Prozent, Tendenz: steigend. Weil die Nitratkonzentration steigt, droht die EU der Bundesrepublik deshalb mit einer Klage. Es müsse zwar beim Wasser nicht alles "gut" sein - aber schlechter werden darf es keinesfalls.

Rot bedeutet: Hier ist das Grundwasser in schlechtem Zustand
Jägers Job ist es, gemeinsam mit dem Team im Wasserwerk, dafür zu sorgen, dass aus den Wasserhähnen und Duschköpfen der Leipziger sauberes Wasser kommt. Einfach ist das nicht. Vielleicht wäre es sogar unmöglich, würden die Brunnen nicht gleich neben einem Biohof stehen, im 51-Einwohnerdorf Canitz, nahe der sächsischen Großstadt. Das Besondere: Der Hof gehört dem Leipziger Wasserversorger und ist eine Öko-Insel im Gülleland. 230 Biogasanlagen, 498.000 Rinder, 675.000 Schweine und acht Millionen Hühner gibt es in Sachsen. Massenhaft Tiere bedeutet auch massenhaft Gülle. Und die muss irgendwohin - auf Wiesen und auf Äcker. Das gilt auch für die Gärreste aus den Biogasanlagen - die enthalten ähnlich viel Stickstoff und damit Nitrat wie Gülle. Da Pflanzen aber nur eine bestimmte Menge an Stickstoff aufnehmen können, sickert der Rest in Flüsse, Bäche und ins Grundwasser - also dorthin, wo auch die Brunnenschächte einiger Wasserwerker liegen.

Auch um Canitz herum sind einige Gebiete im roten Bereich. Hier wird zu viel gedüngt. Nur der einzige Bioland-Bauer im Dorf und Chef des Hofes mit dem sperrigen Namen "Wassergut Canitz GmbH", Klaus Götze, macht es anders - nicht nur, weil der Biohof dem Leipziger Wasserversorger gehört, sondern weil Wasserschutz im Biolandbau Prinzip ist. "Als Biobauer darf ich nur so viele Tiere halten, wie ich auch Flächen habe, auf denen ich den Dung ausbringen kann", erklärt Götze. "Weil meine Anzahl an Tieren an die Größe der Flächen geknüpft ist, kann ich gar nicht überdüngen. Auch nicht mit künstlichem Stickstoffdünger - der ist genau wie Pestizide tabu."  

Klaus Götze ist Chef des Biohofes Wassergut Canitz GmbH (Foto: KWL)
Bereits beim Bau des Wasserwerkes vor über 100 Jahren soll der Leipziger Ingenieur Adolf Thiem gesagt haben, dass diese Flächen im Einklang mit der Natur bleiben müssen - "zum hygienischen Schutz der Wasserfassungen". Deshalb hat er schon damals rund 750 Hektar um die Brunnen gekauft. Zu DDR-Zeiten spielte Bio hier keine Rolle, doch 1991 hat der Leipziger Stadtrat beschlossen: Das Wasserwerk in Canitz soll wieder bio sein. Den Erfolg zeigt eines der vielen Diagramme von Jäger: Im Biolandbau sind die Nitratwerte immer niedriger. Er findet: Das sollte ein Vorbild für andere Wasserwerke sein: "Zumindest in Wasserschutzgebieten sollte Ökolandbau Pflicht sein."

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Das sächsische Umweltministerium scheint jedoch keinen Handlungsbedarf zu sehen. "Die predigen Wasser und finanzieren Plörre", sagt Michael Weichert, Grünen-Abgeordneter im sächsischen Landtag. Um mehr als das Achtfache seien die Nitratwerte um Schweinemastanalgen schon überschritten worden. 440 Milligramm pro Liter war das höchste Ergebnis. Das hat er sich mit einer kleinen Anfrage im Landtag vorlegen lassen. "Und dafür bekommt die Agrarindustrie auch noch Geld." Allein in den Jahren 2008 und 2009 habe die Staatsregierung 44 Millionen Euro in den Bau neuer Geflügel- und Schweinemastanlagen gepumpt. "Ein trauriger Rekord in Deutschland", so Weichert.

Dass Wasserverschmutzung legal ist, bedauert auch Andreas Jäger. Es gibt zwar einen gesetzlichen Standard, der vorschreibt, wie viel man düngen darf, nämlich die Düngeverordnung, aber: "Sie sieht bisher keine Strafen vor", erklärt Volker Mohaupt, Landwirtschaftsexperte beim Umweltbundesamt. "Hier heißt es nur, dass man keinen Überschuss von 60 Kilo Nitrat pro Hektar im Jahr haben soll und dass man genau aufschreiben soll, wie viel Dünger anfällt", sagt er. Selbst in Infoblättern der Landwirtschaftskammern heißt es, Überschreitungen seien zwar verboten, aber nicht "bußgeldbewehrt".

Wie viel Dünger auf dem Feld landet, wird kaum kontrolliert

Den meisten Landwirten werden noch nicht einmal Fördergelder abgezogen. Denn standardmäßig kann jeder Bauer EU-Gelder beziehen. Je mehr Flächen man hat, desto mehr Geld bekommt man. Zwar ist das Einhalten der Düngeverordnung dazu auch Bedingung - dies wird aber kaum kontrolliert. Auf Anfrage schreibt das sächsische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium: "In Sachsen werden jährlich mindestens fünf Prozent der gemäß Paragraph 7, Absatz 1 der Düngeverordnung aufzeichnungspflichtigen Betriebe kontrolliert."

Jäger zeigt wieder auf die grün-rote Karte: "Die Messstellen hier liegen ja nur im oberflächennahen Grundwasser, aber irgendwann sickert dieses Wasser auch nach unten - und mit ihm das Nitrat." Einfach herausfiltern könne man das übrigens nicht. "Nitrat ist wie eine Art Kochsalz - wenn Sie die Suppe versalzen haben, dann müssen Sie sie verdünnen." Für einen Wasserwerker bedeutet das: belastetes Wasser mit sauberem aus anderen Brunnen zu mischen oder aufwendig aufzubereiten. Andernfalls muss man die Brunnen tiefer bohren - dahin, wo das Nitrat noch nicht gesickert ist. In Canitz, wo die Wasserqualität noch gut ist, sind die Brunnen rund acht Meter tief.

Anders in Niedersachsen: Da sind die Brunnenschächte zum Teil schon 150 Meter tief. "Wenn alles nichts mehr hilft, dann müssen wir es machen wie in Abu Dhabi: mit Entsalzungsanlagen und einem rund fünffach höheren Wasserpreis", sagt Egon Harms besorgt. Er ist niedersächsischer Wasserwerker im Raum Vechta und Cloppenburg, den Regionen für intensive Tierhaltung schlechthin. 50 Millionen Euro musste dort der Oldenburg-Ostfriesische Wasserverband zum Grundwasserschutz schon ausgeben.

Wenn tierische Exkremente oder Mais in einer Biogasanlage landen, bleiben am Ende trotzdem Stickstoff und Nitrat übrig (Foto: Wilhelmine Wulff/pixelio)
Mit Techniken wie in Abu Dhabi würde es für die Verbraucher richtig teuer werden. Bereits jetzt warnen die Kommunalen Wasserwerke Leipzig: Ohne Biolandbau wäre der Wasserpreis um "etliche Cent" teurer, eine genaue Angabe könne man nicht machen. In einem Bericht zur gesellschaftlichen Verantwortung spricht der Wasserversorger von "siebenfachen Kosten". Wie viel Geld sauberes Wasser kostet, haben auch die Döbeln-Oschatzer-Wasserwerke in Ostsachsen gemerkt. 440.000 Euro hat es sie gekostet, als einige Brunnen wegen zu hoher Nitratwerte geschlossen werden mussten. Wie viele Brunnen insgesamt schon in Deutschland dichtmachen mussten, kann derzeit niemand sagen. Auch nicht, wie teuer das Nitratproblem für die Wasserwirtschaft und letztendlich für die Wasserkunden in Deutschland werden könnte.

Einen Anhaltspunkt könnten Erhebungen des französischen Landwirtschafts-ministeriums geben. Sie kommen zu dem Ergebnis: Rund 1.100 Millionen Euro kostet die Umweltverschmutzung aus der Landwirtschaft. Das bedeutet im nationalen Durchschnitt eine Wasserrechnung, die um zwölf Prozent höher ist als noch vor acht Jahren. In besonders stark gefährdeten Regionen seien es sogar 140 Prozent mehr.

Warum ist zu viel Nitrat gefährlich?

Nitrat führt dazu, dass Seen umkippen. Selbst in der Ostsee gibt es schon sogenannte "Todeszonen", über 16 Prozent sind biologisch tot - so viel wie in keinem anderen Meer: Da mit den Flüssen die Nährstoffe aus Gärresten, Mineraldünger und Gülle im Meer landen, wachsen dort viele Algen. Diese brauchen den ganzen Sauerstoff auf, die Folge: Andere Lebewesen sterben.

Auch für unsere Gesundheit ist zu viel Nitrat schädlich: Im menschlichen Körper wird Nitrat zu Nitrit und weiter zu Nitrosaminen umgewandelt. Das hemmt die Sauerstoffaufnahme gerade bei Säuglingen im Blut. Krebserregend soll es außerdem sein. 50 Milligramm pro Liter - mehr darf laut Verordnung nicht im Trinkwasser sein. Die Schweizer erlauben 25 Milligramm. Normal ist ein Wert nahe Null Milligramm pro Liter. Auch in anderen Lebensmitteln kommt Nitrat vor, etwa in Wurst. Deshalb ist bei Bioland Nitritpökelsalz verboten.

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Auf bioland.de:

Im Netz:

Wassergut Canitz Gmbh: www.wassergut-canitz.de
Kostenanalyse: Studie des französischen Landwirtschaftsministeriums