Kartoffeln mit dunklen Stellen will niemand kaufen - deshalb verschenkt sie der Bauer an die Lebensmittelretter, sonst müsste er sie unterackern (Foto: Magdalena Fröhlich)
07.01.2015
Lebensmittel-Müll

Frische Kartoffeln zu verschenken

Während Sie diesen Satz lesen, landet rund eine Tonne Lebensmittel in Deutschland im Müll: 350 Kilo pro Sekunde, acht bis 15 Millionen Tonnen pro Jahr. Das muss aber nicht sein. Auf Streifzug mit einer Lebensmittelretterin. Von Magdalena Fröhlich

Foodsharing e.V.

Den Verein hat der Dokumentarfilmer Valentin Thurn 2012 gemeinsam mit anderen Aktiven gegründet, nachdem er mehrere Filme zum Thema Lebensmittelmüll gedreht hat. Kernstück des Vereins ist die Internetplattform www.foodsharing.de auf der sowohl Händler als auch Privatpersonen überschüssige Lebensmittel anbieten können. Hier findet man außerdem eine Übersicht der "Fairteiler" - also der öffentlich zugänglichen Regale oder Kisten mit Lebensmitteln. Der Verein stellt außerdem die Ausweise für die Lebensmittelretter aus, vernetzt Aktive und gibt Tipps zur Hygiene und zur Organisation. Viele Gruppen vernetzen sich allerdings via Facebook und posten dort, wo man kostenlos Essen abholen kann.

Der Müll schmeckt. Anna Nussbeutel schiebt sich eine Handvoll Trauben in den Mund. Würde die Studentin sie nicht essen, läge das Obst jetzt im Müll. Genauso wie die Äpfel, die sie in ihren Rucksack gesteckt hat, die Kartoffeln, Karotten, Salat und auch die gefüllten Weinblätter. Die Mülltonne ist die Endstation für jedes achte Lebensmittel. Anna will das ändern. Dreimal die Woche, wenn auf dem Mainzer Wochenmarkt die Bauern und Händler schon ihre Kisten packen, durchstreift sie mit rund fünf anderen jungen Leuten den Platz und hält Ausschau nach Resten. Reste – das sind Lebensmittel, die keiner kaufen will. Für die meisten Marktleute heißt das: Müll. Nicht so für Anna. "Guck mal, hier sind gerade einmal fünf matschige Trauben, der Rest ist noch knackig", sagt sie und hält bestimmt ein Pfund Trauben hoch. Auch den Äpfeln in der Kiste fehlt nichts, außer einem neuen Besitzer.

Anna Nussbeutel rettet Lebensmittel vor dem Wegwerfen (Foto: Magdalena Fröhlich)
"100% pure apples from New Zealand" steht auf einem kleinen Aufkleber. "Verrückt! Da wird ein Apfel extra aus Neuseeland hierher verschippt, um dann am anderen Ende der Welt auf dem Müll zu landen", schüttelt sie den Kopf und stellt die Apfelkiste in ein Regal, zu all dem anderen Brot, Obst und Gemüse, dem das gleiche Schicksal gedroht hätte. Mitten in der Mainzer Innenstadt, zuerst etwas versteckt in einem Hinterhof und jetzt in einem Infoladen, steht seit rund einem Jahr das Regal der Mainzer Lebensmittelretter, der "Fairteiler". Hierhin bringt die Gruppe alles, was sie auf dem Markt ergattert hat. Auch an der Universität und in anderen Stadtteilen gibt es solche Regale oder Kisten mit Lebensmitteln. Bedienen kann sich jeder, egal, wie gefüllt das Konto ist. Ob es gerade Brot oder Brokkoli gibt, posten die Lebensmittelretter wie Anna in einer Facebook-Gruppe. Anders als bei der Tafel oder vielen anderen karitativen Einrichtungen muss niemand ein Dokument vorhalten, auf dem amtlich bescheinigt ist: bedürftig.

Nach einem Markttag ist der Fairteiler immer voll (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das schätzt auch eine Rentnerin, die lieber anonym bleiben will. "Man wird ja doch immer anders behandelt, wenn die anderen wissen, dass man sich nichts leisten kann." Auch in ihrem Bekanntenkreis hat sie kaum jemandem "vom Regal" erzählt. Zweimal wöchentlich kommt sie hierher, rund 60 Euro könne sie dank der Lebensmittelretter sparen. Auch heute geht sie wieder mit zwei vollen Körben nach Hause. Zum Abschied wünscht sie Anna noch einen schönen Urlaub und bedankt sich. Selber bei den Marktleuten nach Lebensmitteln fragen, "das kann ich einfach nicht", sagt sie.

Damit die Stände nicht überrannt werden, haben die Lebensmittelretter einen Ausweis: "Food saver" steht hier drauf. Den hat Anna vom Verein Foodsharing bekommen, der bundesweit die Lebensmittelretter vernetzt. Aber Anna ist bei den Marktleuten schon bekannt. Zum Beispiel bei Horst Stahl. Der Bauer aus der Nähe von Mainz zeigt auf eine große Kiste Kartoffeln, 15 Kilo - mindestens. Sie alle sind entweder zu groß oder zu klein oder haben braune Flecken. "Das ist nicht giftig, das kann man einfach herausschneiden", erklärt er. Ob er diese sonst wegwerfen würde? "Nein", sagt er, "die kommen zurück aufs Feld und werden untergeackert."

"Für alle Lebensmittel, die ein Mensch pro Jahr in Deutschland kauft, nimmt er die Fläche eines halben Fußballfeldes in Anspruch, verbraucht 84 Badewannenfüllungen an Wasser und emittiert drei Tonnen Treibhausgase, was den CO₂-Emissionen eines Hin-und Rückflugs von Frankfurt nach New York entspricht. Hochgerechnet auf circa 80 Millionen und  EU-weit 505 Millionen Menschen ergeben sich daraus immense Umweltwirkungen." (aus einer Nachricht des Umweltbundesamtes)

Trotzdem hat der Bauer für ihren Anbau Strom, Treibstoff und Wasser verbraucht. Für 100 Gramm Kartoffeln könnte man rund 6,5 Stunden im Internet surfen, fast eine halbe Stunde lang duschen oder knapp sechs Stunden lang das Licht brennen lassen. Sofern die Glühlampe mitmacht, könnte man für einen Liter Milch sogar 26 Tage lang das Licht nicht mehr ausmachen: Wer Lebensmittel in den Müll wirft, verschwendet dadurch auch Ressourcen. Von 3,3 Milliarden Tonnen Treibhausgasemissionen spricht die Welternährungsorganisation FAO, die weltweit jährlich entstehen, weil Lebensmittel zwar produziert, aber nicht gegessen werden. Auch Unmengen an Wasser werden so verschwendet: 250 Kubikkilometer - das ist fünfmal so viel, wie in den Bodensee passt.

Bauer Horst Stahl verschenkt überschüssige Lebensmittel (Foto: Magdalena Fröhlich)
Weil Bauer Horst Stahl das nicht möchte, verschenkt er seine übriggebliebenen Kartoffeln. Auch die Mitarbeiter von der Tafel kämen regelmäßig zu ihm auf den Hof. Eine Konkurrenz zu der Hilfsorganisation sehen die Lebensmittelretter wie Anna nicht. "Wir wollen auch niemandem etwas wegnehmen", betont sie. Beim Antipasti-Stand von Stefan Völkmann hätte beispielsweise noch nie jemand nachgefragt. "Aber wegen einem Schälchen Weinblätter, einem Frischkäse und drei kleinen Packungen Oliven kommt wohl auch nicht extra jemand vorbei", sagt er. Er wolle seine Ware immer topfrisch verkaufen, deshalb verschenkt er seine Reste an Anna, wenn am Ende des Markttages noch etwas übrigbleibt. Und Anna freut sich.

Einfach so fragen, ob jemand etwas geben kann, und Geschenke annehmen - das musste sie auch erst lernen. "Wenn jemand ein Kilo Kartoffeln aus dem Regal nimmt, muss er das nächste Mal keine frischen hineinlegen oder seinen Anteil nicht mit ein paar Gurken aufwiegen. Jeder darf sich einfach nehmen, was er möchte", erklärt sie. "Sonst heißt es ja immer: Im Leben bekommt man nichts geschenkt. Das stimmt aber nicht." Sagt sie und packt ihre Beute ins Regal.

  • Weltweit landet ein Drittel aller Lebensmittel im Müll.

  • In Deutschland wird jedes achte Lebensmittel weggeworfen.

  • Wir kaufen jährlich rund 430 Kilo Lebensmittel, 82 Kilo davon werfen wir weg.

  • Mit rund 40 Prozent landen am häufigsten Obst und Gemüse, am zweithäufigsten Backwaren (20 Prozent) in der Tonne.

  • Lebensmittelmüll in Restaurants: 44 Prozent landen vorzeitig im Abfall.

Quellen: www.bmel.de, www.fraunhofer.dewww.umweltbundesamt.de

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Kurzfilm über Lebensmittelverschwendung: www.youtube.com

Wie viel Energie steckt in Lebensmitteln? Der Resterechner zeigt’s: www.resterechner.de

Themenseite der Welternährungsorganisation FAO: www.fao.org

Kampagne des Landwirtschaftsministeriums mit Hintergrundinformationen, Rezepten und weiterführenden Links: www.bmel.de

Dieser Artikel erschien auch auf www.gruener-advent.de