Biotopia – Pioniere für eine bessere Welt
Es waren einmal drei Freunde, die gingen hinaus in die Welt und gründeten einen Bio-Bauernhof. Am Anfang besaßen sie nichts außer einer Vision, einer großen Portion Enthusiasmus und der Bereitschaft, viel für ihren Hof zu arbeiten. Sie pachteten Land und begannen, Bio-Getreide anzubauen. Sie bauten eine Lagerhalle für ihr Getreide. Sie bauten auch einen Kuhstall, denn zu einer Biolandwirtschaft gehören auch Kühe. Dann bauten sie weiter und wurden Mitglied im Bioland-Verband. Sie pflanzten Bioland-Gemüse an, das sie auf dem Markt verkauften. Schließlich gründeten sie einen Lieferservice, einen Catering-Dienst, wurden Bioland-Demobetrieb, boten Kochkurse an, eröffneten einen Bio-Feinkostladen, bauten Ferienwohnungen und übernahmen einen Gastronomie-Betrieb…
So oder ähnlich kann in aller Kürze die Geschichte von Biotopia beschrieben werden. Biotopia, das sind heute Klaus Feick und Birgit Rufer sowie Inge & Werner Anthes mit Sohn Christian. Sie haben im Mansfelder Land einen Bioland-Betrieb gegründet, der mit seiner Strahlkraft in die Region hinein zeigt, wie man mit einer Idee und viel Energie quasi aus dem Nichts einen Bioland-Hof mit sieben Standbeinen aufbauen und bewirtschaften kann.
Hätten Werner und Johan Anthes aus Kelsterbach bei Frankfurt nicht diesen einen, netten Nachbarn gehabt, wäre manches anders verlaufen in ihrem Leben. Aber der ältere Herr stammte aus Sachsen-Anhalt und hatte seinen Acker im Mansfelder Land nach Gründung der DDR in die LPG geben müssen. Er ging in den Westen und war, als die Mauer fiel, über 80 Jahre alt. Zu alt, um sein Land wieder in Besitz zu nehmen und zu bewirtschaften. Er sprach die Anthes-Brüder an, von denen der eine den elterlichen Hof im Nebenerwerb bewirtschaftete und der andere in Gießen Landwirtschaft studierte. Die beiden überlegten nicht lange und holten sich einen dritten ins Boot: Klaus Feick, Mitstudent von Johan Anthes. So wurde die Lage vor Ort erkundet. In der kleinen Ortschaft Greifenhagen hatten auch andere ehemalige Landwirte ihre Flächen zurückbekommen und zeigten Interesse, ihr Land zu verpachten. Pachtverträge wurden unterschrieben und 1991 ging es los: Das Trio plus Helfer fing an, mit den kleinen Maschinen vom elterlichen Betrieb 280 ha Ackerfläche zu bewirtschaften. Das verlangte einiges an Enthusiasmus und Pioniergeist. Aber die Anthes-Brüder und Klaus Feick wollten einen Bioland-Bauernhof aufbauen. Noch während des Studiums fingen sie an, die gepachteten Flächen ökologisch zu bewirtschaften. Erste Erfahrungen aus Praktika auf anderen Bioland-Betrieben waren bereits vorhanden. Maschinen wurden angeschafft, eine Lagerhalle und Silos für das Getreide gebaut. Dann Stallungen für die 70 Milchkühe. Gewohnt wurde im Dorf, das den drei Wessis mit ihren Ideen neugierig aber auch skeptisch gegenüberstand. Nach und nach jedoch wurden die Menschen offener und ließen sich schließlich von der Aufbruchstimmung der Jung-Biolandwirte mitreißen.
„Für uns kam nur der Biolandbau in Frage“, erzählt Klaus Feick. „Und es war klar, dass wir Bioland-Mitglied werden. Der Verband stellt eine starke Werte-Gemeinschaft dar, mit Einfluss auf Gesellschaft und Politik. Er setzt sich in unserem Sinne für die Ziele und Ideale des Biolandbaus ein.“ Denn die Betriebsleiter von Biotopia wollen einen ökologischen Landbau betreiben, der verantwortungsbewusst und nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen umgeht. Darüber hinaus soll durch die Vorteile der Vernetzung mit anderen Bioland-Mitgliedern die wirtschaftliche Grundlage gewährleistet sein. So kam es zur Namensfindung „Biotopia“.
Mit Birgit Rufer, Ehefrau von Klaus Feick und gelernte Gärtnerin, hielt der Gemüseanbau Einzug bei Biotopia. Sie fing an, ihr Gemüse auf dem Markt in Halle zu verkaufen. Die Direktvermarktung wuchs und heute steht Biotopia viermal die Woche mit einem Marktstand auf Wochenmärkten. Biotopia wollte den Kunden im wahrsten Sinne des Wortes entgegen kommen und organisierte einen Lieferservice. „Neben dem ideellen Anspruch war es uns immer wichtig, unseren Kunden Service zu bieten“ erzählt Klaus Feick weiter. „Am Anfang gab es in Halle wenig Bio-Interessierte, nur zugezogene „Wessis“ und Studenten, die Bio schon kannten und kauften. Unser Kundenstamm ist sozusagen mit uns gewachsen und größer geworden.“ Der Lieferservice „Biotopia bringt´s“, verbunden mit einem Online-Shop, fährt viermal die Woche Abo-Kisten aus und liefert auch Einzelbestellungen in die Region um Halle und ins Mansfelder Land sowie den Saalkreis.
Zeitgleich wurden zudem zwei Ferienwohnungen ausgebaut, die Urlaubern erholsame Tage auf dem Bioland-Betrieb mit vielen Tieren bieten. Biotopia ging noch einen gänzlich neuen Weg und eröffnete einen Feinkostladen. „Biotopia fein & köstlich“ bietet 100 Prozent Bio-Waren an, alle Erzeugnisse in höchster Qualität. Mit dem Feinkostladen setzen die Pioniere von Biotopia bewusst ein Zeichen gegen den Trend zu immer größeren und anonymeren Bio-Einkaufsstätten. Der Laden bietet eine offene, nette Atmosphäre, verbunden mit kompetenter Beratung und besonderem Service. „Zu wenige Hersteller von Bio-Lebensmitteln in Deutschland bedienen den Feinkostbereich“ weiß Birgit Rufer, die den Feinkostladen führt. „Doch ich finde, dass hohe sensorische Qualität und höchste Standards auf Bioland-Erzeugerebene hervorragend zusammenpassen. Unsere Kunden bestätigen mir immer wieder, dass sie diese Kombination zu schätzen wissen.“
Menschen und Ideen zusammenbringen, das passt hervorragend zu Biotopia. „Wir wollen uns vernetzen, nicht nur mit unseren Kunden, sondern auch mit anderen Bioland-Erzeugern und Bio-Bauern“ betont Klaus Feick. „Dafür arbeiten wir intensiv zusammen. Wir verstehen unsere Arbeit als Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität in der Region, in dem wir die Kulturlandschaft mit all ihren Schätzen erhalten. Wichtig ist es uns außerdem, lebenswerte Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu schaffen und regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken.“ Biotopia ist im Laufe der Jahre auf engagierte 12 Mitarbeiter gewachsen – zusätzlich zu den vier Betriebsleitern.
Alles klingt einfach, aber es gab auch immer wieder Rückschläge. Die umtriebigen „Biotopianer“ übernahmen 2008 nach der Renovierung des Landeskunstmuseums Moritzburg das museumseigene Bistro. Hier blieben jedoch die Besucherzahlen hinter den anfänglichen Erwartungen zurück und der Gastronomiebetrieb wurde wieder abgegeben.
In Zeiten zunehmender Spezialisierung, die von der Politik gefördert und im täglichen Leben gefordert wird, stellt Biotopia einen Gegenentwurf dar und macht Mut, eigene Vorstellungen zu entwickeln und umzusetzen. Wie Klaus Feick dazu sagt: „Für eine Idee braucht man drei Jahre. Ein Jahr zum Planen, eins zum Realisieren und eins zum Konsolidieren und dann kann man sich wieder langsam Gedanken über neue Ideen machen.“
2010 ist ein Jahr für neue Ideen. Man darf gespannt sein, was die Pioniere für eine bessere Welt als nächstes auf die Beine stellen.
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